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Streit um hohe Zahl von Schilddrüsenoperationen: Wird zu oft rumgeschnippelt?

Sollen Knoten in der Schilddrüse sofort operiert werden? Experten sind sich uneinig. Die Zahl der Eingriffe liegt bei uns um ein Vielfaches höher als in anderen Ländern.

Professor Peter E. Goretzki wirft seinen Kollegen vor, dass sie zu häufig Schilddrüsen-Operationen durchführen (Foto: DGE)

Professor Peter E. Goretzki wirft seinen Kollegen vor, dass sie zu häufig Schilddrüsen-Operationen durchführen (Foto: DGE)

Die Zahl der Schilddrüsenoperationen in Deutschland hat eine Debatte unter Medizinern ausgelöst. Jedes Jahr würden in Deutschland mehr als 100.000 Schilddrüsen teilweise oder komplett entfernt, sagte Professor Peter E. Goretzki, Tagungspräsident des 56. Symposiums der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE), am Mittwoch in Düsseldorf. Bezogen auf die Bevölkerung liege die Zahl der Eingriffe damit drei bis acht Mal höher als etwa in Großbritannien oder den USA.

Nicht immer müsse ein durch Jodmangel entstandener Kropf operiert werden, sagte Goretzki, der Chefarzt am Lukaskrankenhaus Neuss ist. Bei vielen Patienten helfe eine Behandlung mit Schilddrüsenhormonen, Jod oder eine Radiojodtherapie. Häufig könne man bei einer vergrößerten Schilddrüse noch warten und sie zunächst beobachten. Nicht jeder Knoten sei bösartig.

Widerpruch vom Professorenkollegen

Anderer Meinung ist Professor Henning Dralle, Direktor des chirurgischen Universitätsklinikums Halle. „Auch bei allen modernen Methoden können wir Krebs heute nicht sicher ausschließen“, sagte Dralle, der sechs Jahre die Sektion „Schilddrüse“ bei der DGE geleitet hatte, der Nachrichtenagentur dpa.

Das typische Erscheinungsbild auch einer gutartigen Schilddrüsenerkrankung sei in Deutschland ein Kropf mit Knoten auf beiden Seiten, erläuterte Dralle. Man könne aber nicht in jeden Knoten hineinpunktieren. In der Praxis komme es relativ häufig vor, dass Patienten mit Diagnose Schilddrüsenkrebs zuvor eine unauffällige Zelluntersuchung gehabt hätten.

“Nicht jeder Knoten bedeutet Krebs“

Nach Ansicht Goretzkis ist die Angst vor Schilddrüsenkrebs in Deutschland größer als im Ausland. Aufgrund der Befürchtung, dass sich daraus Krebs entwickle, rieten Ärzte mitunter voreilig zur Operation. „Nicht jeder Knoten bedeutet aber Krebs“, sagte er.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Knoten bösartig sei, liege bei etwa 1:1000. Zunächst sollten alle diagnostischen Verfahren wie Ultraschall oder die Messung der Dichte des Knotens ausgeschöpft werden. „Wenn sich zeigt, dass der Knoten bösartig ist, sollte man aber sofort operieren“, betonte Goretzki.

Leitlinien gefordert

Die DGE forderte Leitlinien für die Diagnose und klare Regeln für die Entscheidung zum Eingriff, um die Qualität der Schilddrüsenoperationen zu verbessern. Als Vorbild könnten die Niederlande oder Schweden dienen. Dort würden die Operationsergebnisse der Kliniken stetig überprüft.

In Deutschland würden „in fast jedem Krankenhaus“ Schilddrüsen-Operationen vorgenommen, sagte Goretzki. Der bis zu eineinhalb Stunden dauernde Eingriff sei aber keine Routine-Operation, selbst wenn die Schilddrüse nicht sehr groß sei.

Rund 800 Ärzte diskutieren bis Samstag bei dem Symposium Themen wie die Behandlung übergewichtiger Menschen und Operationen bei Diabetes sowie neue Erkenntnisse zum Bluthochdruck.

(dpa)

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