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Stress and the City: Wenn Großstädte krank machen

Warum Stadtmenschen deutlich häufiger Schizophrenie und Depressionen haben und ihr Gehirn anders reagiert. Von Andrea Barthélémy

U-Bahn in einer Großstadt (Foto: Olaf Schneider/pixelio.de)

U-Bahn in einer Großstadt (Foto: Olaf Schneider/pixelio.de)

The City never sleeps. Aus diesem Grund zieht es viele in die Großstadt. Aber für manchen, der nach dem Großstadt-Alltag noch tief in der Nacht den Fernseher des Nachbarn hört, bedeutet die Dauerstimulation vor allem eines: Stress.

„Vermutlich ist es die Mischung aus sozialer Dichte und sozialer Isolierung, die den Stadtstress ausmacht“, sagt Mazda Adli, Leiter des Forschungsbereiches Affektive Störungen an der Berliner Charité und Chefarzt der Fliedner-Klinik. In Berlin diskutierte in dieser Woche eine Expertenrunde über psychische Gesundheit in der Großstadt.

Großstadt und psychische Gesundheit

Adli forscht seit Jahren über das Phänomen, wie sich die Großstadt auf die psychische Gesundheit ihrer Bewohner auswirkt. Durch diverse Studien belegt ist: Stadtmenschen haben ein doppelt so hohes Erkrankungsrisiko für Schizophrenie, für Depressionen liegt es beim 1,4-fachen im Vergleich zu Landbewohnern (Os, Nature 2010).

„Es gibt sogar ein Dosis-Wirkungsverhältnis: Je größer die Stadt, desto höher das Schizophrenie-Risiko. Damit ist dieser Faktor vergleichbar hoch wie Cannabis-Konsum, der ja ein bekannter Risikofaktor für Schizophrenie ist“, sagt Adli. Suchterkrankungen hingegen kommen in Stadt und Land gleich häufig vor.

Aber ziehen Städte vielleicht besonders viele instabile und damit stress-sensible Menschen an? „Es gibt zwei Thesen. Die eine lautet: Die Stadt verändert den Menschen. Die andere: Labile Menschen ziehen eher in die Stadt. Eine Reihe von Untersuchungen zeigt jedoch, dass eher ersteres gilt“, sagt Adli. „Städte verändern die stressabhängige Emotionsverarbeitung.“

Gehirn von Großtstädtern reagiert anders

Großstädte machen einsam – und emotionaler (Foto: RainerSturm/pixelio.de)

Großstädte machen einsam – und emotionaler (Foto: RainerSturm/pixelio.de)

Eine Studie aus Mannheim (Lederbogen, Nature 2011) zeigt, dass das Gehirn von Großstädtern bei negativem Stress – dem Lösen schwieriger Matheaufgaben plus kritischem Feedback – anders und deutlich empfindlicher reagiert als das von Kleinstädtern oder erst recht von Landbewohnern.

„Je länger ein Mensch in der Stadt verbracht hat, vielleicht sogar bereits als Kind, desto geringer ist die Fähigkeit zur Emotionskontrolle. Und diese Vulnerabilität bleibt bestehen – selbst wenn man als Erwachsener aufs Land zieht.“

Noch andere Umwelt-Faktoren

Dennoch: Stadtleben macht nicht zwangsläufig krank, denn genetische und Umwelt-Faktoren spielen ebenfalls eine Rolle. Adli glaubt, dass Stress dann gesundheitsrelevant wird, wenn der Einzelne sich nicht nur räumlich eingeengt und zugleich isoliert fühlt, sondern auch das Gefühl hat, seine Umgebung nicht kontrollieren zu können. „Das ist die toxische Mischung.“

Vermutlich deshalb würden beispielsweise Migranten, die in einem sozial schwächeren Viertel zusammen lebten, seltener psychisch krank als solche, die allein in einer besser gestellten Umgebung wohnten.

Lehren aus der Metropole London

London: Migranten sind pschisch häufiger krank als Einheimische (Foto: Inessa Podushko/pixelio.de)

London: Migranten sind pschisch häufiger krank als Einheimische (Foto: Inessa Podushko/pixelio.de)

Prof. Andreas Heinz, Direktor der Charité-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, sieht in der aktiven sozialen Ausgrenzung von Einwanderern ein dringliches Problem. In London sei die Zahl der psychischen Erkrankungen bei Migranten aus der Karibik acht Mal so hoch wie bei Einheimischen. „Wenn zu viele gewachsene, soziale Strukturen weggespart werden, reißt das Auffangnetz irgendwann.“

Mit der Gentrifizierung (Fachbegriff für Umstrukturierungsprozesse in städtischen Wohngebieten) von Straßen und ganzen Stadtvierteln würden nicht nur alteingesessene Bewohner verdrängt, sondern auch deren Anlaufstellen wegfallen.

„Rasen betreten verboten“

Für Berlin hieße dies im Gegenzug: Jugendzentren, Beratungsstellen und Begegnungsmöglichkeiten offen halten. Außerdem: Breitere Bürgersteige, die Platz für eine Bank vorm Haus bieten. Plätze, die zum einladenden Treffpunkt werden. Mehr Grünflächen und freie Blickachsen. Mehr Wege zu Fuß.

„Jeder Plausch mit den Nachbarn tut gut“, sagt Adli, und Heinz betont: „Ein Park, in dem gegrillt wird, bringt mehr als eine perfekte Grünanlage, in der ,Rasen betreten verboten‘ ist.“

Großstadt – Chance oder Risiko?

Stadtplaner und Architekten sollten stärker mit Psychiatern zusammenarbeiten, so die Ansicht der Forscher. Unter veränderten Vorzeichen kann das pralle Großstadtleben und sein vielfältiges Angebot dann nämlich sogar vor Stress schützen – wenn jeder die Möglichkeit hat, es wahrzunehmen und mitzumachen.

Prof. Florian Holsboer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie (München) rät: „Jeder muss sich seines individuellen Gesundheitsrisikos bewusst sein und entscheiden, ob er die Chance, die ihm das Großstadtleben eröffnet, nutzen will.“

(dpa)

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