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Studenten entwickeln Navigations-App für Rollstuhlfahrer

Barrierefreie Wege per Mobiltelefon finden: „Wheel Guide“ wird auf der CeBIT vorgestellt. Von Joachim Baier

Die neue App soll Rollstuhlfahrern helfen, barrierefreie Wege zu finden (Foto: h_da)

Die neue App soll Rollstuhlfahrern helfen, barrierefreie Wege zu finden (Foto: h_da)

Rollstuhlfahrer Jürgen Mißback aus Darmstadt weiß, wie schwierig es ist, unterwegs zu sein. Wir kennen das ja zu gut: Plötzlich geht es nicht mehr weiter. Der Bürgersteig ist zu eng, der Bordstein zu hoch. Nun kann eine an der Hochschule Darmstadt entwickelte Navigations-App auf dem Mobiltelefon helfen – weil sie angibt, wo es langgeht und wo nicht.

Im Juli vergangenen Jahres hatte ROLLINGPLANET erstmals über das Projekt berichtet. Seither wird „Wheel Guide“ kontinuierlich verfeinert und im März auf der Computermesse CeBIT in Hannover vorgestellt.

„Die Resonanz ist enorm“

Photo_02Entwickelt hat die App eine Gruppe von Informatik-Studenten. „Die Resonanz ist enorm“, sagt die Projektleiterin, Professorin Bettina Harriehausen-Mühlbauer (Foto) von der Hochschule Darmstadt. „Da ist ein Riesenbedarf da.“ Kürzlich wurde die App um die Stadt Rödermark (Landkreis Offenbach) erweitert.

„Wir haben auch internationale Anfragen, etwa aus Luxemburg“, berichtet die 53-Jährige. Und das, obwohl das Darmstädter Angebot nicht das erste dieser Art ist. Eines der bekanntesten ist die App „Wheelmap“ der Berliner Sozialhelden um Raul Krauthausen.

Grün, Gelb, Rot

„Wheel Guide“ erinnert an eine Verkehrsampel: bei Grün ist der Weg barrierefrei, bei Gelb ist er eingeschränkt, und bei Rot geht nichts mehr. Sie berücksichtigt auch Hindernisse, die nur eine Zeit lang da sind, wie etwa Baustellen. Dann wird eine Alternativ-Route empfohlen.

Die Resonanz auf das neue Angebot ist derart gut, dass es nicht wie viele andere Studenten-Projekte in die Schublade kommt, sondern zur Marktreife weitentwickelt werden soll.

„Die App ist eine große Erleichterung“, findet Mißback (47) – wie andere Rollstuhlbasketballer vom Basketballclub Darmstadt, die von den App-Entwicklern um ihre Meinung gefragt wurden. „Die Studenten haben sich wirklich Gedanken gemacht.“ Die App soll kostenlos bleiben.

Was unterscheidet die neue App von anderen?

Um möglichst nah an der Wirklichkeit von Rollstuhlfahrern zu sein, haben sich die Studenten Tipps geholt, auch vom Beirat von Menschen mit Behinderungen in Heidelberg. Die Entwickler setzten sich auch selbst in Rollstühle. „Wenn wir Hindernisse als Fußgänger gesucht haben, sind wir einfach drüber weggelaufen“, erzählt Student Daniel Träder (27). „Erst als Rollstuhlfahrer haben wir sie bemerkt.“

Träder und sein Kommilitone Maurice Bergander (27) meinen, ihr System unterscheide sich von anderen Angeboten. Der Nutzer könne seine persönlichen Daten eingeben, die App also personalisieren und auch angeben, wie breit sein Rollstuhl überhaupt ist, wie fit er sich an dem Tag fühlt und ob er mit einer Begleitperson unterwegs ist.

Infos über die Erfahrungen von seiner Strecke würden genommen, damit vergrößere sich die Datenbasis. „So etwas Spezielles wie bei uns ist woanders eigentlich nicht drin“, sagt Träder.

Auch für andere Städte geplant

Der Leiter der Selbsthilfe Körperbehinderter Hessen, Lothar Kempf, ist gespannt, wie die App funktioniert. „Ich finde so etwas interessant“, sagt der 51-Jährige aus Bad Orb, der manchmal auch im Rollstuhl fährt.

Neben Kempf zeigt sich auch sein Verbandskollege Karl-Heinz Rohloff aufgeschlossen. Er könnte sich vorstellen, so eine Hilfe für Rollstuhl-Fahrer zu empfehlen. „Warum soll es das nicht für andere Städte geben?“, sagt der 71-Jährige aus dem osthessischen Hohenroda.

(dpa)

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2 Kommentare

  • ursula gruhn

    Als rollifahrerin begrüße ich diese tolle entwicklung.

    Als rentnerin bin ich leider von apple auf android umgestiegen. Der kosten wegen.
    Wie bekomme ich dieses sehr hilfreiche programm auch auf mein htc.
    Durch meinen e-rollstuhl, den ich seit 1 1/2 jahren benutzen darf, lerne ich jetzt mit 81 jahren meine heimatstadt berlin richtig kennen. Deshalb bin ich wild entschlossen, auch an dieses programm zu kommen. Ich würde mich freuen, wenn sie mir dazu verhelfen könnten.
    Sind dabei auch hinweise für die Benutzung öffentlicher verkehrsmittel? Kann manchmal recht hilfreichnsein.
    Danke und liebe grüße
    Ursula gruhn.

    5. Februar 2014 at 13:32
  • Maurice Bergander

    Hallo Ursula, diese App ist in erster Linie für Android entwickelt worden 😉 Du wirst sie also problemlos auf deinem HTC Handy nutzen können. Öffentliche Verkehrsmittel sind bisher nicht berücksichtigt, wir haben jedoch vor, dass zumindest die Haltestellen, bei denen Barrierefreiheit gewährleistet ist mit berücksichtigen.
    LG Maurice Bergander

    8. Februar 2014 at 13:56

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