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Studie des Deutschen Studentenwerks erschienen: „beeinträchtigt studieren“

Acht Prozent der Studierenden haben eine Behinderung. DSW-Präsident Timmermann fordert den Ausbau der Beratungsstellen.

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"beeinträchtigt studieren", daraus wird BEST - trotz vieler Probleme auf dem Campus für Menschen mit Behinderung

Katrin Dinges, 26, studiert Deutsche Literatur und Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Beeinträchtigung: Mehrfachbehinderung durch Alström-Syndrom – Blindheit und Schwerhörigkeit sowie körperliche Einschränkungen durch einen OP-Folgeschaden. (Foto: DSW)

„…stehen Sie einmal allein vor einem Dozenten, der sich weigert, Ihnen zu helfen, und finden Sie dann noch die richtigen Worte. Es ist jedes Mal demütigend, diskriminierend und es verschlägt einem die Sprache“, berichtet Katrin Dinges, 26. Sie studiert Deutsche Literatur und Europäische Ethnologie an der Humbolt-Universität zu Berlin. Katrin Dinges hat das Alström-Syndrom, eine Mehrfachbehinderung in Form von Blindheit, Schwerhörigkeit sowie weiteren körperlichen Einschränkungen.

„Mir kam nie in den Sinn, mein Studium wegen der Krankheit zu beenden. Dann hätte ich zugelassen, dass die Krankheit mein Leben komplett bestimmt und Entscheidungen für mich trifft“, erzählt Katrin E., 30, die gerade ihr Soziologie-Diplom an der Ludwig-Maximilians-Universität München macht und Multiple Sklerose (MS) hat.

„Mein größtes Problem im Studium ist der Zugang zu den Skripten der Professoren“, sagt Tim Alexander Lofi, 21. Er ist hörbehindert und studiert Audiovisuelle Medien an der Hochschule der Medien in Stuttgart.

Katrin Dinges, Katrin E. und Tim Alexander Lofi sind drei von sieben Studierenden, die in der Sonderpublikation „beeinträchtigt studieren“ des Deutschen Studentenwerks (DSW) unter der Überschrift „Mein Leben – mein Studium – meine Beeinträchtigung“ von ihrer Studiensituation berichten.

Die Sonderpublikation fasst die Ergebnisse einer Online-Befragung von mehr als 15.000 Studierenden mit Behinderung und chronischer Krankheit von 160 Hochschulen in Deutschland zusammen, die das Deutsche Studentenwerk im Sommer 2011 vom Institut für Höhere Studien Wien wissenschaftlich durchführen ließ. Finanziert wurde die Datenerhebung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Es ist die erste bundesweite Befragung von Studierenden mit Behinderung und chronischen Krankheiten, die acht Prozent der Studierenden ausmachen.

12seitige Sonderpublikation mit den sieben Studierenden zum Download

Ergebnisse der neuen DSW-Studie

Wie aus der gestern in Berlin vorgestellten Untersuchung des Deutschen Studentenwerks (DSW) hervorgeht, ist bei 94 Prozent der Studierenden mit Behinderung und chronischer Krankheit ihre gesundheitliche Beeinträchtigung nicht auf Anhieb erkennbar. Die Mehrzahl der beeinträchtigten Studierenden bleibt unerkannt, wenn sie es will. Das gilt vor allen Dingen für die Studierenden mit psychischen und chronisch-somatischen Erkrankungen sowie jene mit Legasthenie oder anderen Teilleistungsstörungen.

Wie die DSW-Studie „beeinträchtigt studieren“ zeigt, verzichten Studierende mit nicht-sichtbaren gesundheitlichen Beeinträchtigungen oft auf erforderliche Nachteilsausgleiche im Studium oder bei Prüfungen, obwohl sie ihnen rechtlich zustünden. Viele glauben, nicht anspruchsberechtigt zu sein, wollen nicht, dass ihre Behinderung oder chronische Krankheit bekannt wird, oder lehnen eine „Sonderbehandlung“ ab. Aus denselben Gründen verzichten viele von ihnen auch auf Beratung.

„Studierende, denen man ihre Beeinträchtigungen nicht ansieht, haben oft mit Vorurteilen zu kämpfen“, kommentiert DSW-Präsident Prof. Dr. Dieter Timmermann. „Mit einer nicht-sichtbaren Behinderung oder chronischen Krankheit zu studieren, scheint ein Tabu zu sein an deutschen Hochschulen.“

Timmermann fordert einen Ausbau der Beratungsstellen von Hochschulen und Studentenwerken, eine Flexibilisierung der Studien- und Prüfungsordnungen sowie eine stärkere Sensibilisierung aller Beschäftigten an Hochschulen und Studentenwerken: „Es geht darum, allen Studierenden mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen gerecht zu werden. Studierende mit nicht-sichtbaren Beeinträchtigungen müssen besser erreicht und individuell unterstützt werden. Sie müssen ermutigt werden, Beratungsangebote und rechtliche Kompensationsmöglichkeiten besser zu nutzen“.

Die Studie zum Download (628 Seiten, 6,5 MB)
Barrierefreie Fassung der Studie

Die wichtigsten Zahlen im Überblick

94 % ist ihre Beeinträchtigung auf den ersten Blick nicht anzusehen
60 % geben starke bzw. sehr starke beeinträchtigungsbedingte Studienerschwernisse an
48 % haben Schwierigkeiten mit Anwesenheitspflichten
47 % musste ihre Beeinträchtigung bei der Studienwahl berücksichtigen
45 % kennen die Beauftragten für die Studierenden mit Behinderung
44 % haben Schwierigkeiten mit der hohen Prüfungsdichte
41 % der bewilligten Nachteilsausgleiche waren sehr hilfreich
25 % erwarben ihre Beeinträchtigung erst nach Studienbeginn
25 % wünschen sich mehr Ruheräume in den Hochschulen
13 % brauchen barrierefreie Gebäude
8 % haben einen Schwerbehindertenausweis
6 % haben eine Teilleistungsstörung wie z. B. Legasthenie

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