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Stuttgart 21: Scharfe Kritik von der Initiative Barrie-Frei

Die Gleisvorfeld-Arbeiten für Stuttgart 21 sind abgeschlossen – was das für Menschen mit Behinderung bedeutet.

Während der Bauarbeiten für Stuttgart 21 erreichen die Reisenden die Gleise des Hauptbahnhofs über den neuen nach hinten verschobenen Querbahnsteig. (Foto: Franziska Kraufmann/dpa)

Während der Bauarbeiten für Stuttgart 21 erreichen die Reisenden die Gleise des Hauptbahnhofs über den neuen nach hinten verschobenen Querbahnsteig. (Foto: Franziska Kraufmann/dpa)

Der Tiefbahnhof von Stuttgart 21 ist mit dem Bau eines neuen Querbahnsteigs ein Stück näher gerückt. Das Verlegen des Querbahnsteigs im Stuttgarter Kopfbahnhof um 120 Meter nach vorne ist notwendig, damit Mitte kommenden Jahres die 15 Meter tiefe Grube für die unterirdische Durchgangsstation ausgehoben werden kann.

„Wir haben einen Zustand erreicht, der die nächsten acht Jahre anhalten wird“, sagte der Leiter Station und Service der Deutschen Bahn, Sven Hantel, am Montag in Stuttgart. Mit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2021 sollen erstmals Züge in den Tiefbahnhof rollen.

Mit Behindertenverbänden abgesprochen – aber Kritik

Hantel wertete es als großen Vorteil des bis zu 6,8 Milliarden Euro teuren Projektes, dass der Betrieb des Bahnhofs mit seinen täglich 240.000 Reisenden von der Trog-Baustelle weitgehend ungestört ablaufen könne. Diese wird später von zwei breiten Brücken zwischen Empfangshalle und Querbahnsteig überspannt. Seitlich sind mehrere barrierefreie Zugänge eingerichtet.

Obwohl laut Hantel die baulichen Veränderungen mit Behindertenverbänden abgesprochen wurden, übte die Initiative Barrie-Frei Kritik. Die Behinderten seien wegen der häufigen Änderungen der Wege zum und vom Bahnhof und der Gleiswechsel verunsichert, sagte Cornelia Single von der Initiative der S-21-Gegner. Die Informationen seien ebenso wenig ausreichend gewesen wie die Umsteigezeiten.

Etliche Engstellen – und Voranmeldung

Dagegen macht die S-21-Bauherrin Deutsche Bahn geltend, 600 Sonderschichten zur besseren Information der Passagiere gefahren zu haben. Auch seien längere Umsteigezeiten zwischen Bahn und S-Bahn in den Fahrplanauskünften berücksichtigt.

Single, selbst Rollstuhlfahrerin, monierte außerdem auf den verlängerten Bahnsteigen etliche Engstellen. Nach den Worten von Hantel sind zwei Elektromobile bestellt, die ab November nach Voranmeldung behinderte und ältere Menschen im Bahnhof transportieren können. Ist das gut? Schon bei dem Wort „Voranmeldung“ zuckt ROLLINGPLANET nach den bisherigen Erfahrungen mit dem sogenannten Mobilitätsservice der Deutschen Bahn zusammen.

Das will die Initiative Barriere-Frei

„Unsere Initiative, Behinderte und Nichtbehinderte, wollen einen barriere-freien Bahnhof und deshalb sind wir für die Modernisierung des ebenerdigen Kopfbahnhofs.

Der ebenerdige Kopfbahnhof ist der wesentlich bessere barrierefreie Bahnhof, erst recht wenn der renoviert und verbessert wird. Deshalb: KOPFBAHNHOF 21 !!!

Unsere Forderungen gelten für alle Bahnhöfe, egal ob Kopfbahnhof, Durchgangsbahnhof, oder Tiefbahnhof.
Unsere Forderungen gelten ebenso für U- und S-Bahn Stationen und Strassenbahn- und Bushaltestellen. Denn auch diese wollen wir barrierefrei erreichen und Ein-, Aus- und Umsteigen.

Wenn “Stuttgart 21″ trotz allen Widerstandes gebaut werden sollte, dann fordern wir weitgehenste Barriere-Freiheit. Und dies sollten wir von uns aus wehement fordern und nicht den Machern von “Stuttgart 21″ überlassen.

Wir halten u.a. folgende Punkte wichtig um weitgehende Barriere-Freiheit zu gewährleisten:

• Gut erreichbare Rampen mit 6 % maximale Steigung.
• Anzahl und Größe der Durchgangs-Aufzüge, gute Aufzug-Erreichbarkeit, besserer Aufzugservice und -wartung.
• Automaten-Bedienbarkeit für Kleinwüchsige/Rollstuhlfahrer, Sehbehinderte, Blinde, Senioren, Analphabeten, lernbeeinträchtigte Menschen.
• Rolltreppenbreite, besserer Rolltreppenservice und -wartung.
• Behindertengerechte Fluchtwege, auch für Rollstuhlfahrer und Blinde.
• Bodenbeschaffenheit und (fasst) ohne Bodenneigung.
• Anzahl der geschulten Servcie- bzw. Aufsichtspersonen.
• Ausreichende Beleuchtung (wichtig für Sehbehinderte).
• Behinderten-Toiletten und Wickelräume mit warmen Wasser.
• Ausreichend akustische/optische Hinweise für alle Menschen.
• Abgesenkte Überfahrtmöglichkeit(en) von Bahnsteig zu Bahnsteig bis Fluchtweg (im Notfall fallen Aufzüge/Rolltreppen aus).
• Deutliche Verbesserung der Mobilitätsservice-Zentrale der Bahn (z.B. Telelefon-Service kostenlos anbieten, 24 h-Service).

Quelle/Webseite: barrierefrei.gegen-stuttgart-21.de

Vorarbeiten sind nun abgeschlossen

Die Inbetriebnahme des Querbahnsteigs markiert den Abschluss der Arbeiten im Gleisvorfeld, die im Februar 2010 begonnen hatten. Dabei wurden 10.000 Meter Gleise ausgebaut, 5300 Meter Gleise neu verlegt, 92 Weichen aus- und 50 Weichen eingebaut. Auch der Rohbau des Technikgebäudes ist beendet.

Derzeitiger Interimszustand des Hauptbahnhofs Stuttgart (Foto: DB)

Derzeitiger Interimszustand des Hauptbahnhofs Stuttgart (Foto: DB)

In dem unterirdischen Bau am Nordausgang des bestehenden Bahnhofs wird die gesamte Technik für den Betrieb des Tiefbahnhofs untergebracht. Auch die Technik für die S-Bahn wird dort angesiedelt, weil deren Technikräume dem Bau-Trog im Weg sind.

(dpa)

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