Suizid: Ist das fair, wenn Menschen sich das Leben nehmen?

Ein Mann hinterlässt eine Lebensgefährtin, die verzweifelt und wütend ist. Mehr als 25 Jahre später hilft Elfriede Loser anderen Hinterbliebenen. Von Britta Schultejans

Elfriede Loser: „Er kam einfach nicht mehr heim“ (Foto: Privat)

Elfriede Loser: „Er kam einfach nicht mehr heim“ (Foto: Privat)

Elfriede Loser war 30 Jahre alt, als sie ihren Lebensgefährten Horst verlor. „Er kam einfach nicht mehr heim“, sagt die Bayreutherin. „Ich habe ihn gesucht, weil er zwei Tage verschwunden war und als ich dann im Wald in Richtung seines Lieblingsplatzes lief, kam mir schon die Polizei entgegen. Sie hatten ihn gefunden.“ Er hatte sich das Leben genommen. Das war im Oktober 1990.

Heute – mehr als 25 Jahre danach – arbeitet Loser für den Verein Agus. Sie hilft Hinterbliebenen, die einen nahestehenden Menschen verloren haben, der nicht mehr leben wollte – oder konnte. 850 Mitglieder hat der Verein, 60 regionale Selbsthilfegruppen und Kontakt zu rund 5.000 Betroffenen in ganz Deutschland.

Suizide steigen wieder an

Nachdem sie jahrelang zurückgegangen war (von mehr als 14.000 im Jahr 1991 auf 9.400 im Jahr 2007), steigt die Zahl der Suizide in Deutschland seit 2007 wieder an, sagt der Psychiater Manfred Wolfersdorf kurz vor dem Welttag der Suizidprävention am 10. September. Er ist Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Bayreuth und Leiter des Depressionszentrums.

Im Jahr 2014 nahmen sich laut Statistischem Bundesamt 10.209 Menschen das Leben, 7.624 davon Männer. Woran der Anstieg liegt, sei in der Forschung umstritten. Einige Wissenschaftler sehen einen Zusammenhang mit „Suizidmodellen“ wie dem Tod von Fußball-Torwart Robert Enke im Jahr 2009, andere – wie Wolfersdorf – sehen das als „Ausdruck der wirtschaftlichen Situation“ und messen vor allem dem „Faktor
existenzielle Bedrohung“ eine Bedeutung zu. 2007 ging die Finanz- und Wirtschaftskrise los.

Letzte Ruhestätte Friedhof – aber für viele Hinterbliebene beginnt eine lebenslange Suche nach dem Warum  (Foto: dpa)

Letzte Ruhestätte Friedhof – aber für viele Hinterbliebene beginnt eine lebenslange Suche nach dem Warum (Foto: dpa)

Ihr Freund habe zwar einen Abschiedsbrief hinterlassen, doch der habe für sie mehr Fragen aufgeworfen, als Antworten gegeben, sagt Elfriede Loser, die heute 56 Jahre alt ist. „Es sind immer einsame Entscheidungen und die Suche nach dem Warum ist eine Lebensaufgabe. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass er die Antwort mit ins Grab genommen hat.“

Zu sich selbst gnädig sein

„Suizid ist so gut wie immer ein plötzlicher Tod“, sagt die Geschäftsführerin des Vereins Agus, Elisabeth Brockmann. „Da zieht es einem sofort den Boden unter den Füßen weg.“ Ein weiteres Problem: „Suizid ist eine sehr stigmatisierte Todesursache. Hinterbliebene werden schief angeguckt. “

Elfriede Loser hat den Verlust ihres Lebensgefährten verarbeiten können, ist heute glücklich verheiratet. „Das ist schon ein jahrelanger Prozess, aber die Verzweiflung und auch die Wut haben aufgehört.“ Es sei für Hinterbliebene wichtig, „gnädig zu sein zu sich selbst“, sagt sie. „Ich habe alles getan zu Lebzeiten, was ich tun konnte, aber an seiner letzten Entscheidung war ich nicht beteiligt.“ Doch sie befürchtet: „Auf dieser Todesart wird immer ein Tabu bleiben.“

(dpa)

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2 Kommentare

  • Klara

    Ich finde es gut, dass ihr diesen Beitrag bringt. Allerdings finde ich die Bildunterschrift nicht gut – „Auch für Selbstmörder oft die letzte Ruhestätte: Der Friedhof“ – Der Begriff „Selbstmörder“ ist eine moralische Keule und sollte so schnell wie möglich aus den Köpfen der Menschen verschwinden! Bitte helft nicht mit bei der Tabuisierung des Themas und der „Verurteilung“ von Menschen, die sich das Leben nehmen.

    25. Oktober 2016 at 08:07
    • ROLLINGPLANET
      ROLLINGPLANET

      Danke für den Kommentar. Wir haben die Bildunterschrift geändert.

      25. Oktober 2016 at 12:13

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