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Tabuthema „Boosting“ und elektrogeschockte Hoden: Wie Behindertensportler dopen

Doping ist eines der großen Probleme des modernen Leistungssports – die Behindertensportler machen keine Ausnahme. Einige Querschnittsgelähmte fügen sich zudem Verletzungen zu, um ihre Herzfrequenz und ihre Leistung zu steigern. Von Michael Donhauser und Britta Körber

Brad Zdanivsky elektroschockte seine Beine, Zehen und Hoden (Foto: KAWA)

„Boosting? Was ist das“, fragte Steffi Nerius erstaunt. Die ehemalige Speerwurf-Weltmeisterin und heutige Trainerin von Paralympics-Athleten hat von dem hinter vorgehaltener Hand heiß diskutierten Doping noch nichts gehört. Sich selbst Schmerzen zufügen an Körperteilen mit minimiertem Gefühlsempfinden, um den Blutdruck hochschnellen zu lassen, ist eine Methode, die einige Querschnittsgelähmte im Leistungssport an sich selbst praktizieren.

Boosting ist kaum nachzuweisen

„Boosting ist durchaus ein Thema, weil es schwer nachweisbar ist“, sagte der Chefarzt des deutschen Teams, Jürgen Kosel, zu Beginn der Behindertenspiele in der britischen Hauptstadt. „Es kann aber auch zur lebensbedrohlichen Situation werden, wenn der Athlet einen Schlaganfall bekommt“, erklärte er. Ihm sei nicht bekannt, dass deutsche Sportler so etwas schon einmal probiert hätten.

Mediziner warnen vor dem illegalen Hochtreiben von Blutdruck und Herzfrequenz. Athleten fügen sich absichtlich Verletzungen zu, um das zu erreichen, was bei Nicht-Behinderten bei Trainingsbelastung automatisch eintritt: Der Blutdruck geht in die Höhe, der Körper ist kurzzeitig höher belastbar, Trainingseffekt und Wettkampfleistung ist besser. Bei Aktiven mit Querschnittlähmung macht der Körper wegen der Schädigung im Rückenmark dies nicht mehr von alleine – Herzfrequenzen von weniger als 120 sind die Regel.

Verrückte und grenzwertige Methoden

Die Methoden sind skurril und grenzwertig. Behindertensportler brechen sich die Zehen oder füllen ihre Blase über einen Katheter, um sich Schmerzen zuzufügen. Auch Elektroschocks sind offenbar beliebt. Selbst das Einklemmen der Hoden soll vereinzelt praktiziert werden. Im Körper kommt eine Reaktionskette in Gang, die letztlich zu höherer Herztätigkeit führt. „Das ist verheerend“, sagt der Kölner Sportwissenschaftler Thomas Abel. Früher hätten manche Rollstuhl-Rennfahrer sogar einen Dorn an der Rückenlehne befestigt, um durch die Reibung am Rücken eine Entzündung herbeizuführen.

Wissenschaftler fanden schon 1994 heraus, dass die Leistungssteigerung enorm sein kann. In einer Studie an acht Athleten machte ein internationales Forscherteam damals deutlich, wie absichtlich herbeigeführte Verletzungen Leistungen steigern können.

Rollstuhlfahrer waren auf einer Strecke von 7,5 Kilometern um bis zu knapp zehn Prozent schneller. Dies würde umgerechnet auf die Welt der Nicht-Behinderten eine Verbesserung der Marathonbestzeit um zwölf Minuten bedeuten.

Elektroschocks für Zehen und Hoden

In einer Studie für die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA unter Leitung des kanadischen Wissenschaftlers Yagesh Bhambhanil fanden die Forscher 2009 heraus: Ein großer Teil der betroffenen Sportler weiß, wie es geht. „Ich habe es soweit getrieben, dass ich Elektroschocks benutzt habe, an meinem Bein, meinem Zeh und sogar meinen Hoden“, sagte der kanadische Rollstuhl-Kletterer Brad Zdanivsky (36) in einem Beitrag der britischen BBC. „Es gibt den Spruch, dass ein Siegertyp immer den Ball haben will“, erklärte er. „Egal, ob es wehtut.“

Das Internationale Paralympische Komitee (IPC) hat das Problem schon vor 20 Jahren erkannt. Seit 1994 ist „Boosting“ offiziell verboten. „Die Athleten werden auf Boosting kontrolliert», sagte eine Sprecherin des Londoner Organisationskomitees LOCOG.

Hilft das? An die Vernunft appellieren

Doch die Kontrolle ist schwierig, vor allem wenn der Blutdruck-Schub im Training genutzt wird. Laut einer anonymen IPC-Umfrage bei den Paralympics 2008 gaben 17 Prozent der Befragten zu, schon einmal „Boosting“ probiert zu haben. Die Dunkelziffer liegt laut Experten noch höher.

„Man kann keine Boxenstopps während des Rennens einführen und den Blutdruck kontrollieren“, heißt es in der Studie von Bhambhanil. Außerdem sei es schwer, den „normalen“ Blutdruck eines Athleten vor dem vielleicht größten Rennen seiner Karriere vorherzusagen. „Das IPC kann leicht eine Klagewelle produzieren, wenn es Athleten deswegen sperrt.“ Und auch Thomas Abel ist der Meinung: „Praktisch ist es kaum kontrollierbar, man kann nur an die Vernunft appellieren.“

(dpa)

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