Tandemtour: Radeln mit anderen Augen

Der Verein Weiße Speiche bringt Sehende und Blinde zusammen aufs Rad. Eine Reportage von Deike Uhtenwoldt

Pilot Arno (l) und Kapitän Rudolf: Der sehbehinderte Hintermann auf dem Tandem muss sich in jeder Situation auf den Lenkenden verlassen können. (Foto: dpa/Deike Uhtenwoldt)

Pilot Arno (l) und Kapitän Rudolf: Der sehbehinderte Hintermann auf dem Tandem muss sich in jeder Situation auf den Lenkenden verlassen können. (Foto: dpa/Deike Uhtenwoldt)

„Eins, zwei, los!“ Klingt einfach, doch das erste gemeinsame Anfahren auf dem Tandem ist wackelig. „Kein Problem“, sagt Barbara hinter mir, „wir sitzen doch“. Sitzen und treten, ganz normal. Und doch anders: Das Tandem ist 2,30 Meter lang – zwei Sättel, zwei Lenker – den vorderen halte ich. Zum ersten Mal, was ich gleich in der ersten Kurve belege: Ich wähle den Radius zu eng – das lange Rad vibriert unter uns. Der Anfang einer Zitterpartie?

„Tut mir leid“, sage ich und meine es so: Barbara vertraut mir beinahe blind – sie ist sehbehindert. Dabei hat Ulli, der eigentlich Ernst-Ullrich Staniullo heißt, uns erst vor einer Stunde zum Gespann gemacht. Er ist Tourenwart der Weißen Speiche. „Ich mag die Bewegung an der frischen Luft und die Kommunikation zwischen Sehenden und Sehbehinderten, das ist sehr unterhaltsam.“ Ulli hat den Grauen Star und kann nur noch schemenhaft sehen.

Was den 69-Jährigen aber nicht hindert, immer wieder unterschiedliche Teams zusammenzustellen, die sich kennenlernen, austauschen und ergänzen sollen. Mir als Neuling hat Ulli Barbara zur Seite gestellt. Sie hat schon einige Touren hinter sich und ist auch nicht blind, was die Koordination auf dem Tandem erleichtert. Etwa als ich vergesse, eine scharfe Kurve oder einen Ampelstopp anzukündigen.

Wiesen und Felder: Auf ruhigen Wegen radelt die Gruppe der Weißen Speiche rund um die Metropole Hamburg. (Foto: dpa/Weiße Speiche Hamburg e.V./Jan Klijn)

Wiesen und Felder: Auf ruhigen Wegen radelt die Gruppe der Weißen Speiche rund um die Metropole Hamburg. (Foto: dpa/Weiße Speiche Hamburg e.V./Jan Klijn)

Forsches Tempo

Wir fahren gut 30 Kilometer von Norderstedt nach Pinneberg, zwei Vorstädte in der Metropolregion Hamburg. Allerdings nehmen wir nicht den direkten Weg, wie Tourenleiterin Hella Kurznack erklärt. „Wir wollen ja nicht Straße fahren.“ Zusammen mit ihrem erblindeten Mann Klaus hat sie die Tour geplant. Zunächst am Rechner, dann mit dem Tandem vor Ort, um die besten Wege auszumachen. „Unsere erste Strecke war zu lang, jetzt sind es nur noch 70 Kilometer“, verrät Klaus.

Nur? Ich staune über das Rentnerpaar, das forsch das Tempo vorgibt. In der Ebene kann man zu zweit richtig auf Tour kommen, und es gibt nicht viele Anstiege auf der Strecke. Hella hat sie sich per App auf das Handy geladen, damit sie nicht immer wieder auf die Karte schauen muss. Nun führt sie uns durch den Norderstedter Stadtpark über eine Heidelandschaft in einen Forst. „Jetzt ist tiefe Dunkelheit, ich sehe nichts mehr“, sagt Barbara, als wir im Wald ankommen. Die 59-Jährige lebt mit „Retinitis pigmentosa“, einer voranschreitenden Netzhauterkrankung, die das Sehfeld immer weiter einengt.

Bevor die Krankheit ausbrach, arbeitete Barbara als freie Illustratorin und ist auch viel Rad gefahren. Von der Arbeit und vom „Einzelrad“ musste sie sich verabschieden. „Das war nicht ganz so leicht, aber inzwischen hab ich mich damit arrangiert. Es lässt sich ja nicht ändern.“ Wir fahren durchs Moor und auf kleinen Straßen an duftenden Bauernhöfen vorbei, durch die Fußgängerzone der Kreisstadt Kaltenkirchen bis zu einem großen Waldspielplatz, wo wir Rast machen.

„Achten auf das, was ich noch kann“

„Wir sind durch viele kleine Orte mit wenigen Häusern gefahren, wo ich mit Sicherheit im Leben noch nie war. Es ist schön abzuschalten und die Ruhe zu genießen“, erzählt Guido. Beim letzten Streckenabschnitt habe es viel mehr Fluglärm gegeben. „Es war mir gar nicht klar, wie die Flugschneisen um Hamburg so verlaufen, heute haben wir das nur ganz kurz in Kaltenkirchen gehört.“ Seine Pilotin habe ihm von viel Landwirtschaft und Maisanbau berichtet. Guido ist seit ein paar Jahren blind. Ich hatte die Fluggeräusche gar nicht mitbekommen – und es versäumt, die Landschaft zu beschreiben.

Aber Barbara findet das nicht schlimm. Sie freut sich über unsere gemeinsamen Fortschritte auf dem Tandem. „Jetzt klappt es doch wie am Schnürchen“, lobt sie, als wir nach der Pause per „Eins, zwei, los!“ aufsatteln. Das proben wir noch ein paar Mal – an einer großen Straßenkreuzung oder nachdem ein Tandem ausgetauscht werden muss. Ein Transportfahrzeug der Johanniter begleitet uns in Funkweite: Auf seinen großen Anhänger haben gut 30 Tandems Platz und im Wagen selbst zur Not auch müde oder verletzte Radfahrer.

Wir nehmen noch ein Stück des Ochsenweges, eines historischen Landweges zwischen Dänemark und Norddeutschland, der heute ein Radwanderweg ist und fahren am Uetersener Rosarium vorbei. Die Vereinsmitglieder kennen die Gegend hier. Jeden dritten Mittwoch gibt es Rundtouren um Pinneberg, sogenannte Litera-Touren, nach denen etwas vorgelesen wird. Ich habe an diesem Tag neben der neuen Sichtweise auf die Landschaft auch etwas fürs Leben mitgenommen. Von Barbara: „Ich habe mir im Laufe der Jahre angewöhnt, nicht immer nur auf das zu achten, was ich nicht mehr kann, sondern mehr auf das, was ich noch kann – und dafür dankbar zu sein.“

Tandemfahren mit der Weißen Speiche

Die Weiße Speiche e. V. veranstaltet von April bis November Wochenend-Touren (50 bis 80 Kilometer), Hundertertouren (100 bis 120 Kilometer), Sommertouren (Übernachtungen) und mittwochs Litera-Touren (30-50 Kilometer mit Lesungen). Ins Leben gerufen wurde der Verein vor 30 Jahren von dem Schauspieler Jasper Vogt nach einem Frankfurter Vorbild. Der Club sucht immer jüngere „Kapitäne“, also Blinde oder Sehbehinderte und sehende „Piloten“. Für die Piloten sind die Touren kostenlos, Kapitäne zahlen 5-10 Euro.

Anmeldungen und Informationen: Ulli Staniullo, Tel.: 040/8316401

Webseite: www.tandemclub.de

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