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Teilerfolg für Melissa: Bezirk hat begriffen, dass er zahlen muss!

Eindeutiges Gutachten – Melissa ist im Förderzentrum unterfordert. Aber die Richterin denkt rein defizitorientiert. Ein Kommentar von Karin Kestner

Melissas Eltern Turan und Marina Sentürk-Eichwald am 25. Juli im Sozialgericht Augsburg. Sie klagen gegen den Bezirk Schwaben um die Finanzierung eines Gebâ€rdensprachdolmetschers für ihre Tochter. (Foto: Karl-Josef Hildenbrand dpa//lby)

Am vergangenen Mittwoch gab es vor dem Augsburger Sozialgericht einen Vergleich in dem Rechtsstreit über einen Gebärdensprachdolmetscher für die siebenjährige Melissa, die eine normale Schule besucht. (ROLLINGPLANET berichtete: Melissas langer Weg zur gleichwertigen Bildung). – Die Autorin ist Inhaberin des Verlags Karin Kestner für Gebärdensprache und Themen der Gehörlosigkeit.

Dipl. Psychologe Dr. Oliver Rien, selbst hörgeschädigt mit gehörloser Tochter, war vom Gericht als Gutachter für Melissa bestellt. Er kam zum Schluss, das Melissa in der Förderschule total unterfordert ist, dass sie in ihrer Altersklasse dort kaum Kommunikationspartner finden würde, weil die meisten Kinder im Förderzentrum Augsburg keine funktionierende Sprache haben, wenn sie dort eingeschult werden. Diese Kinder bräuchten wenigstens zwei Jahre Unterricht in DGS und/oder Lautsprache, um sich mit Melissa irgendwie verständigen zu können. Sein eindeutiges Gutachten hat er vor Gericht noch mal ausführlich begründet.

Richterin – rein defizitorientiertes Denken

Trotzdem konnte – oder wollte – die Richterin C. Hohlen kein Urteil fällen. Es blieb auch ihr Geheimnis, was sie denn noch über Melissa in Erfahrung bringen müsse, um ein Urteil fällen zu können. Ihre Meinung stand schon fest, bevor die Verhandlung anfing. Sie meinte sinngemäß, dass Kinder in Förderzentrum ja so speziell unterrichtet und gefördert würden, dass dies in einer Regelschule gar nicht machbar wäre. Ich frage mich, woher ihre Weisheiten kommen, dass gehörlose Kinder in Förderzentren so gefördert werden, dass sie zum Beispiel schreiben lernen? Die gesamte einschlägige Wissenschaft bezeugt, dass gehörlose Kinder, wenn sie die Förderzentren nach zehn Jahren verlassen, höchstens ein Schreibniveau eines 8- bis10-jährigen Kindes erreichen, das liegt an den „tollen so speziellen“ Methoden der Hörgeschädigtenpädagogik von gestern!

Die Richterin legte den Beteiligten nahe, dass sie den von ihr ersonnenen Vergleich annehmen sollten, so steht es anschließend in der Presse. Nun, die Journalisten können wahrscheinlich gar nicht anders formulieren, ich empfand es als Erpressung – es war in den ersten fünf Minuten klar, dass sie kein Urteil fällen, es nicht schreiben und auf ihrer vorgefassten Meinung beharren würde. Es gäbe kein Urteil – mehr als den Vergleich gäbe es nicht. Der Vergleich beinhaltet ein weiteres Gutachten im Januar 2013. Falls der Gutachter dann erneut zu dem Schluss kommen sollte, dass Melissa auf der Regelschule besser beschult werden kann, dann will der Bezirk Schwaben bis Ende der Grundschulzeit die Dolmetscherkosten übernehmen. Was sollten die Eltern und die Rechtsanwältin Frau Krause also tun?

Die Richterin ritt mindestens 10 Minuten auf dem Thema – Absehen lernen – herum. Auch die Erklärung, dass zur Gebärdensprache auch ein Mundbild gehört, war ihr nicht genug. Sie bezweifelte, dass Kinder über DGS Absehen und Schreiben lernen könnten. Da fragte man sich, warum sie keinen Experten für Spracherwerb, Linguistik und DGS gehört hat, wenn sie offensichtlich selber davon keine Ahnung hat. Obwohl das Gutachten des Förderzentrums im Prozess keine Rolle mehr spielen sollte, stellte sie heraus, dass in diesem Gutachten ja ein erheblicher Förderbedarf gesehen wurde. Ja, stimmt – im Bereich Lautsprache!

Der Gutachter Oliver Rien stellte noch mal fest, wie auch im seinem Gutachten geschrieben, dass bei Gehörlosen die Lautsprache absolut zweitrangig zu behandeln sei. Und Melissa mindestens die Grundschulzeit am besten in der Regelschule aufgehoben sei. Dort könne sie ihren Fähigkeiten entsprechend am besten gefördert werden.

Stellungnahme des Kultusministeriums

Der Richterin lag eine neunseitige Stellungnahme des Kultusministeriums vor, in der steht, dass Eltern wählen können (nach altem und neuem Recht) in welche Schule sie ihr Kind geben. Das Förderzentrum und die Regelschule mit Dolmetscher sind zwei Alternativen mit unterschiedlichen Zielsetzungen. Die Richterin ließ wichtige Aussagen der Stellungnahme unter den Tisch fallen. Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie nicht auf Grundlage der Gesetze (kein einziges Mal kam das Wort Gleichstellung oder UN-Behindertenrechtkonvention aus ihrem Mund), sondern aus einem defizitorientierten Verständnis von Gehörlosigkeit diesen Vergleich „erzwungen“ hat. Auch positive Beispiele aus Nordrhein-Westfalen wurden nicht zur Kenntnis genommen.

Schwarzer Peter

Die Ministerien, die unbürokratisch geholfen haben, das Sozial- und das Kultusministerium, sollen nun für ein Jahr im Rahmen des Projektes die Dolmetscherinnen weiterfinanzieren. So bleiben die beiden Ministerien auf ihren Kosten sitzen, ohne die Möglichkeit die Gelder vom Bezirk zurückfordern zu können. Ob sie diesem Vorschlag zustimmen, ist völlig offen.

Wenn die Ministerien nicht zustimmen, kommt der Vergleich nicht zustande und wir sitzen wieder vor Gericht. Doch dann bei einer anderen Richterin, denn Frau Hohlen wechselt zum Landessozialgericht. Da kann man nur hoffen, dass niemand in Berufung zum LSG München gehen muss, um sich sein Recht zu erstreiten.
Es ist unglaublich, dass in Bayern gehörlosen Kindern der Zugang zur gleichwertigen Bildung so erschwert wird. Die Hörgeschädigtenpädagogik und die Politik hat es bis heute nicht geschafft, adäquate Bedingungen für die Kinder zu schaffen. Neuen Möglichkeiten, wie der Unterrichtung mit Dolmetschern wird Misstrauen entgegen gebracht, ohne dass es eine Alternative gäbe. Da gibt es engagierte Dolmetscherinnen, die Gebärdensprache beherrschen, die Kinder könnten zum ersten Mal in ihrer Sprache unterrichtet werden, doch es wird an den Methoden festgehalten, die seit vielen Jahrzehnten Gehörlosen nur wenig Chancen eröffnet haben.

Mir tut es für Melissa leid, dass sie so viel über sich ergehen lassen muss, dabei möchte sie doch nur in Ruhe – wie alle Kinder – lernen.


Zum Themenschwerpunkt Gehörlose Menschen


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