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Telemedizin: Praktisch – aber noch wenig verbreitet

Die Hilfe übers Internet wäre für viele eine große Erleichterung, doch nur wenige Krankenkassen übernehmen die Kosten. Von Anja Reumschüssel

Telemedizin in der Abteilung für Neurologie in der Universitätsklinik in Freiburg  (Foto: dpa)

Telemedizin in der Abteilung für Neurologie in der Universitätsklinik in Freiburg (Foto: dpa)

Wer wegen Herzproblemen oder Diabetes regelmäßig auf einen Spezialisten angewiesen ist, muss oft weite Wege zurücklegen. Denn gerade auf dem Land fehlen Ärzte, doch die Kranken werden deswegen nicht weniger. Abhilfe soll die Telemedizin schaffen. Sie ermöglicht eine Überwachung des Patienten, ohne dass dieser ständig zum Arzt muss. Doch weit verbreitet ist die Technik noch nicht. Und nur wenige Krankenkassen übernehmen diese Leistungen.

Telemedizin kann bei den unterschiedlichsten Krankheiten angewendet werden. Gemeinsam ist allen Leistungen lediglich, dass Arzt und Patient räumlich getrennt und nur durch IT-Technik miteinander verbunden sind. „Eingesetzt wird Telemedizin vor allem bei Patienten, die mit den normalen Leistungen der Regelversorgung nicht ausreichend betreut werden können“, erklärt Felix Apitzsch, der sich am Fraunhofer-Institut FOKUS mit dem Thema befasst.

Felix Apitzsch (l.) vom Fraunhofer-Institut FOKUS mit  Thomas Ilka, Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit (Foto: Messe Berlin)

Felix Apitzsch (l.) vom Fraunhofer-Institut FOKUS mit Thomas Ilka, Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit (Foto: Messe Berlin)

Sinnvoll bei regelmäßiger Überwachung

Gemeint sind zum Beispiel Patienten mit Herzproblemen, Diabetes, krankhaftem Übergewicht oder nach einem Schlaganfall – Menschen also, deren Gesundheitszustand regelmäßig kontrolliert werden muss, die aber nicht dauerhaft stationär überwacht werden können und wollen.

Ohne Telemedizin wäre eine ausreichende Betreuung für die Krankenkassen teuer und für die Patienten zeitaufwendig. Denn sie müssten regelmäßig zu einem Arzt fahren und sich untersuchen lassen, auch wenn sie eigentlich gerade gar keine Probleme haben. Und wenn sich ihr Zustand doch verschlechtert, ist der nächste Arzttermin im schlimmsten Fall noch einige Wochen hin, und der Notfall wird zu spät erkannt.

Erleichterung für mobilitätseingeschränkte Menschen

Gustav Lorch (Name von der Redaktion geändert) ist einer, der sich die Fahrt zu solchen Routineuntersuchungen sparen kann. Der 78-Jährige wohnt in einem 800-Einwohner-Dorf im Sauerland, der nächste Arzt ist 15 Kilometer entfernt. Im Büro des Rentners stehen nun seit zwei Monaten eine Waage und ein Blutdruckgerät, die seine Daten automatisch an seinen Arzt übertragen.

Jeden Tag steigt Lorch auf die Waage und streift sich die Blutdruckmanschette über. Mit einem Knopfdruck misst die Waage, ob sich im Körper des Patienten Wasser eingelagert hat, die Manschette erfasst Blutdruck und Puls. So erkennt der Arzt, ob die Behandlung ausreichend ist oder ob er eingreifen muss.

Es klappt nur, wenn alle mitmachen

Bei dieser Art der Behandlung und Überwachung müssen alle zusammenspielen: Der Arzt braucht Zeit, um die Daten auszuwerten und Rücksprache mit dem Patienten zu halten. Die Technik muss gewartet werden und gut funktionieren. Und der Patient muss regelmäßig daran denken, diese Technik zu nutzen und seine Werte zu messen.

„Da muss man lernen, was für die Patienten zumutbar ist“, sagt Apitzsch, dessen Institut an der E-Health-Initiative des Bundesministeriums für Gesundheit beteiligt ist. „Wenn sie viele Handlungsschritte durchlaufen müssen, sind manche Patienten schnell überfordert.“

Auch Gustav Lorch musste sich erst einmal an die Geräte gewöhnen. Mittlerweile kommt er gut zurecht. Aber: „Meine Frau hätte das nicht verstanden“, ist er überzeugt. „Junge Menschen begreifen das eher.“ Doch bei telemedizinischen Geräten ist es gerade wichtig, dass jeder Patient unabhängig von Alter oder Bildung damit umgehen kann.

Telemedizin kann Leben retten

heinrich_audebert__02In akuten Notfällen kann Telemedizin sogar Leben retten. Prof. Heinrich Audebert (Foto: privat)von der Berliner Charité hat Erfahrung mit der Ferndiagnose von Schlaganfällen per Videokonferenz.

In abgelegenen Regionen, wo der Weg zur nächsten speziellen Schlaganfallstation weit ist, können lebensrettende Minuten gespart werden, indem der Patient im nächstgelegenen Krankenhaus versorgt wird. Die Ärzte dort wiederum werden telemedizinisch von Spezialisten unterstützt, die in weiter entfernten Krankenhäusern sitzen.

Auch wenn ein direkter Kontakt mit dem Arzt besser wäre und Telemedizin den Ärztemangel nicht ausgleichen kann, so kann dem Patienten doch auf diese Weise schneller geholfen werden.

Vieles ist noch in der Testphase

Aber: „Nicht jede Erkrankung wird mit Telemedizin automatisch besser behandelt“, betont Audebert. Sinnvoll ist diese Versorgung bei Krankheiten, die sich rasch verschlechtern und mit einfachen Messungen erfasst werden können. Oder bei Notfällen wie einem Schlaganfall, deren Behandlung sehr standardisiert ist.

„Das klingt so, als hätten wir schon sehr viele telemedizinische Leistungen in Deutschland“, schränkt Apitzsch ein. „Die überwiegende Zahl der Leistungen ist aber noch in der Entwicklungs- und Evaluierungsphase.“

Viele Krankenkassen weigern sich

Ob ein Patient telemedizinische Leistungen in Anspruch nehmen kann, hängt oft auch davon ab, bei welcher Krankenkasse er versichert ist. Denn nur wenige Kassen übernehmen die Kosten. „Es wird aber daran gearbeitet, dass Telemedizin Patienten aller Krankenkassen angeboten werden kann“, sagt Apitzsch.

Gerade die E-Health-Initiative soll dafür sorgen, dass die Entwicklung von Telemedizin weiter vorangetrieben wird und letztendlich bei den Kranken ankommt. Irgendwann könnten telemedizinische Leistungen für Patienten selbstverständlich werden.

„Für die Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist, sind solche Technologien völlig normal“, sagt Apitzsch. „Die werden irgendwann fragen, warum man noch extra eine Stunde zum Arzt fahren muss, wenn es auch anders geht.“

(dpa)

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