Teure Freiheit: Das Auto behindertengerecht umbauen

Jeder hat ein Recht auf Mobilität. Das steht sogar in der UN-Charta. Aber die Kosten sind hoch und die Hürden auch. Von Thomas Geiger

Janis McDavid fuhr nach dem Umbau in seinem Mercedes Sprinter 160.000 Kilometer. (Foto: dpa)

Janis McDavid fuhr nach dem Umbau in seinem Mercedes Sprinter 160.000 Kilometer. (Foto: dpa)

Mal eben mit dem Auto zum Supermarkt, in der Stadt ein paar Freunde treffen oder übers Wochenende ans Meer fahren – was für die meisten selbstverständlich ist, war für Menschen wie Janis McDavid viele Jahre nur ein Traum. Denn der junge Student aus Bochum ist ohne Arme und Beine zur Welt gekommen. Doch seit fast sechs Jahren sitzt McDavid regelmäßig am Steuer eines Mercedes Sprinter, den der Spezialbetrieb Paravan aus Pfronstetten-Aichelau umrüstete. Über eine Rampe kann der 24-Jährige mit seinem Rollstuhl in den Fond des Transportes fahren, von dort aus hinter das Lenkrad klettern und den Wagen mit einem kleinen Joystick steuern, den er sich unter die Schulter klemmt, erläutert Paravan-Chef Roland Arnold.

Zwar ist McDavid ein besonderes Beispiel. Damit Autofahren für ihn selbstverständlich werden konnte, musste Paravan viele Register ziehen, so dass der Umbau rund 100.000 Euro kostete. Doch das Beispiel zeigt, dass automobile Bewegungsfreiheit für Menschen mit Behinderung kein Wunschtraum bleiben muss. Im Gegenteil: Mittlerweile bieten Fahrzeughersteller wahlweise ab Werk oder in Zusammenarbeit mit einer halben Hundertschaft von Reha-Betrieben und Umrüstern die unterschiedlichsten Lösungen an. „Da hat sich in den letzten Jahren sehr viel bewegt“, sagt Achim Neunzling vom Bund behinderter Autobesitzer in Bexbach (Sauerland).

Lukratives Geschäft

Das ist für die Autohersteller aber nicht nur ein soziales Engagement, sondern auch ein Geschäft: Allein Neunzlings Verein zählt 5000 Mitglieder. Unternehmen wie BMW haben nach Angaben von Pressesprecher Julian Hetzenecker im vergangenen Jahr rund 7000 umgerüstete Autos verkauft. Paravan baut laut Firmenchef Arnold mehrere tausend Fahrzeuge im Jahr um.

Einträgliche Kooperation: Spezialfirmen wie Paravan bauen Fahrzeuge wie die V-Klasse von Mercedes umfassend um. (Foto: Daimler)

Einträgliche Kooperation: Spezialfirmen wie Paravan bauen Fahrzeuge wie die V-Klasse von Mercedes umfassend um. (Foto: Daimler)

Für sogenannte Passiv-Fahrer gibt es spezielle Umrüstungen wie Rollstuhlrampen, geänderte Türen oder spezielle Verankerungspunkte für die Fahrhilfen. Daneben bietet sich auch ein breites Programm für Behinderte, die aktiv ans Steuer wollen. Das beginnt laut Opel-Sprecher Michael Blumenstein beim Lenkrad-Drehknopf oder dem Bediensatelliten für Blinker & Co, reicht über spezielle Sitze, geänderte Pedale oder neue Gangschaltungen und das Handgas bis hin zu Komplett-Umbauten.

Weil es kaum standardisierte Lösungen gibt und die Hilfsmittel in der Regel individuell angepasst werden müssen, tun sich die Autohersteller mit der Preisauskunft schwer. „Aber 5000 Euro allein für den Handbetrieb von Gas und Bremse sowie den Bediensatellit kommen schnell zusammen“, sagt Lobbyist Neunzling.

Fiat machte den Anfang

Ein nichtbehindertes Model führt vor, wie die Rollstuhl-Ladehilfe in diesem Fiat-Panda vom Fahrersitz aus erfolgt – geeignet für Selbstfahrer. (Foto: Fiat)

Ein nichtbehindertes Model führt vor, wie die Rollstuhl-Ladehilfe in diesem Fiat-Panda vom Fahrersitz aus erfolgt – geeignet für Selbstfahrer. (Foto: Fiat)

Zu den Vorreitern bei der Mobilität für Behinderte gehört der Fiat-Konzern, der nach Angaben von Pressesprecher Florian Büngener bereits 1994 das großangelegte Programm Autonomy gestartet hat. Mittlerweile gibt es dort zahlreiche Umrüstungen und Speziallösungen für die Fahrzeuge aller Konzernmarken. Aber auch VW, Opel, BMW oder Mercedes haben ein entsprechendes Angebot und dafür zum Teil eigene
Entwicklungsabteilungen oder sogenannte Kompetenz-Center eingerichtet. Wo der Hersteller nicht selbst aktiv wird, springen Unternehmen wie Paravan ein: „Wir haben sogar schon Supersportwagen und Oldtimer für Behinderte umgebaut“, sagt Firmenchef Arnold.

Aber die Mobilität für Behinderte hängt nicht allein am technisch Möglichen, gibt Neunzling zu bedenken. „Sondern das ist immer auch eine Frage des Geldes“. Zwar räumen die allermeisten Fahrzeughersteller dem Vereinsmann zufolge gegen Vorlage des Behindertenausweises bis zu 30 Prozent Rabatt ein. Doch reiche das in den seltensten Fällen, um die Mehrkosten zu decken.

Wie viel ist die UN-Charta wert?

Deshalb müssen Behinderte nach seinen Angaben von der Arbeitsagentur oder der Rentenkasse ihren Anspruch auf Zuschüsse, Beihilfen und Kostenzusagen prüfen lassen – und bekommen dabei nur unter bestimmten Voraussetzungen ausreichend Unterstützung. „Zwar ist das Recht auf Mobilität in der UN-Charta für Menschenrechte verankert“, sagt Neunzling. „Aber es steht nirgendwo geschrieben, dass dies im eigenen Auto sein muss.“ Oft gebe es auch einfach nur einen monatlichen Etat von 100 bis 150 Euro für einen Fahrdienst.

Neben den finanziellen Hürden gibt es noch ein paar Aufgaben in der Administration zu bewältigen. Nicht nur das Auto muss nach der Umrüstung zum TÜV, sondern auch der Fahrer wird kontrolliert, sagt Günter Schwarzmann. Er ist Fahrlehrer auf der Schwäbischen Alb und gibt Menschen wie McDavid regelmäßig Unterricht. „Denn natürlich brauchen auch behinderte Autofahrer einen Führerschein oder müssen nach dem Eintreten ihrer Behinderung die Fahrtauglichkeit bei einer Untersuchung samt Fahrprüfung nachweisen“, erläutert der Experte.

Wochenlanges Training, die hohen Umbaukosten und die irritierten Blicke bei den gelegentlichen Polizeikontrollen – Janis McDavid hat das gerne in Kauf genommen. Seit er seinen Sprinter hat, ist er 160.000 Kilometer gefahren, war damit zum Praktikum in London, pendelt zur Arbeit nach Berlin und war mit ein paar Kumpels übers Wochenende in Paris. Er schwärmt noch heute vom Kreisverkehr um den Triumphbogen. Denn für Menschen mit Behinderung gilt wahrscheinlich mehr als für alle anderen: „Autofahren ist für mich ein Stück Freiheit,“ so McDavid.

(RP/dpa/tmn)

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3 Kommentare

  • Nikole Müller

    Naja,da sowas ja in (spezial)wetkstaetten gemacht werden muss ..bei den preisen fuer ne stunde 🙁 🙁 Ob der materialpreis wirklich so hoch ist ,wage ich zu bezweifeln ,ich vermute eher ,am mobilitaetswunsch (oder „muss „)saugen jede menge wie die „zecken “ Hm …wenn der umbau mehr kostet ,als (vergleichsweise )ein neuer „ferrari “ hm ….

    13. März 2016 at 20:29
  • Heiko Stapel

    ich habe jetzt in 6 jahren 2 kfz umgebaut bekommen.beide male waren die umbauten nahezu identisch.allerdings war das 2. kfz jetzt 4000eur. teurer.ich denke und vermute das es wohl auch in dieser Branche ein Kartell gibt.soll mir keiner erzaehlen dass das entwicklungskosten sind.bei einem handgasgeraet gibt es nix mehr zu entwickeln.zumindest nicht soviel das es die apotehkerpreise erklaeren wuerde. sollte doch mal jemand investigativ taetig werden.

    13. März 2016 at 21:08
  • Bernd Martin Rohde

    „Jeder hat ein Recht auf Mobilität“, ja, aber das heisst nicht automatisch, jeder hat ein Recht auf uneingeschränkte Individualmobilität per persönlichem PKW. Die Auto-Industrie zockt einen auch so schon genug ab, als dass man denen noch unzählige Summen in ihren gierigen Rachen werfen muss, für solche Umbauten. Es braucht einen Ausbau des Öffentlichen Verkehrs mit der entsprechenden technischen Infrastruktur, der dann auch älteren Personen und denen, die z.b. aufgrund eines Unfalls kurzzeitig auf Hilfsmittel wie Rollstühle und Krücken angewiesen sind oder Familien mit Kinderwagen diese Mobilität gewährt. Es braucht auch bzgl. der Fahrpläne eine Ausweitung, die zur Erhöhung der Mobilität aller beiträgt.

    14. März 2016 at 11:24

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