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„Theater4all“ – ein neues Angebot in Wien für Blinde

Audiodeskription: Die Bühnen der Stadt nehmen Inklusion ernst – doch die Finanzierung des Projekts ist schwierig. Von Sandra Walder

Josef und Theresa Baumgartner,  sehbehinderte Besucher im Wiener Burgtheater (Foto: Sandra Walder/dpa)

Josef und Theresa Baumgartner, sehbehinderte Besucher im Wiener Burgtheater (Foto: Sandra Walder/dpa)

Der rote Samtvorhang des Wiener Burgtheaters hebt sich langsam. Auf der Bühne kommt eine Rutschbahn samt zahlloser aufgereihter Glühlampen zum Vorschein. Was für sehende Zuschauer der normale Beginn eines Stückes ist, stellt für blinde und sehbehinderte Menschen die erste große Hürde dar. Ein Projekt in Wien versucht mit einer akustischen Bildbeschreibung, allen Menschen den Theaterbesuch zu ermöglichen und Barrieren im Kulturbetrieb abzubauen.

In einer kleinen Kammer im Wiener Burgtheater bereitet sich Stefanie Panzenböck auf Franz Molnárs „Liliom“ vor. Die Moderatorin mit Sprechausbildung wird aber nicht selbst auf der Bühne stehen. Sie beschreibt vor der Vorstellung für rund 20 sehbehinderte Besucher ausführlich das Bühnenbild. „Ich verstehe mich als eine Krücke für die Blinden und Sehbehinderten“, sagt sie.

Radio im Theater

Über einen kleinen, eigens eingerichteten Radiosender empfangen die Besucher die Informationen. Ein Handy mit Kopfhörern reicht technisch dafür aus. Während der Vorstellung erklärt Panzenböck die Gegebenheiten in den Sprechpausen.

Die Bilder auf der Bühne sollen dabei in einfachen Sätzen erläutert werden. Panzenböck sieht das Stück über einen kleinen Fernseher. Komödien sind am schwierigsten einzufangen: „Situationskomik ist nur sehr schwer zu erklären.“

Stefanie Panzenböck ist zuständig für die Audiodeskription (Foto: Sandra Walder/dpa)

Stefanie Panzenböck ist zuständig für die Audiodeskription (Foto: Sandra Walder/dpa)

„Liliom“ im Burgtheater wollte sich Josef Baumgartner nicht entgehen lassen, obwohl der 44-Jährige kaum sieht: „Früher bin ich nur aus Höflichkeit meiner Frau zu Liebe mitgekommen.“ Das Gesprochene auf der Bühne sei einfach zu wenig, um den Stücken auch wirklich folgen zu können. Das Projekt „Theater4all“ sieht Baumgartner, der sich bei einem Blinden- und Sehbehindertenverband engagiert, als „Quantensprung“ für den Kunstgenuss.

Es geht auch um die Atmosphäre

Seine 47-jährige Frau Theresa sah bis zu ihrem 30. Lebensjahr normal. Doch eine Krankheit raubt ihr seitdem zusehends die Sehkraft, wenn auch nicht so stark wie bei ihrem Mann. „Ich gehe trotzdem noch des öfteren mit meiner Familie ins normale Theater. Aber das hier ist ein irrsinniger Lebensgewinn für mich.“

Das aktive Paar, das gerne auf Reisen geht, will sich von seiner Behinderung nicht einschränken lassen. Es gehe bei einem Theaterbesuch um die Atmosphäre: „Wir ziehen uns auch gerne schön an und trinken mal einen Prosecco an der Bar.“

Großer Nachholfbedarf bei Audiodeskription

Josef Baumgartner ortet aber noch einen großen Nachholbedarf im Bereich der Audiodeskription: Nur das Burgtheater, das Volkstheater und das Theater in der Josefstadt bieten in Wien diesen Service an. Sich einfach ein Hörspiel zu einem Stück zu besorgen, kommt für Baumgartner nicht infrage: „Warum kämpfen Menschen um eine Karte für das Wiener Neujahrskonzert, wenn zwei Wochen danach die CD am Markt ist? Es ist einfach nicht das gleiche Erlebnis – blind oder sehend.“

Insgesamt gibt es rund 5000 bis 8000 Blinde in Österreich. Mehr als 310.000 Menschen werden als sehbehindert eingestuft. Entstanden ist das Projekt zur Audiodeskription bei der Fußball-EM 2008. Dann ging es vom Stadion ins Theater. In Deutschland gibt es nur vereinzelt Initiativen, die Sehbehinderten den Theaterbesuch ermöglichen, wie der deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband auf Anfrage mitteilte (siehe auch ROLLINGPLANET-Bericht: „Jedermann“ für Blinde: Wie geht das?).

Schwierige Suche nach Sponsoren

Seit September des Vorjahres läuft „Theater4all“ in den drei Wiener Theatern. Etwa einmal pro Monat machen die Häuser ihrem blinden Publikum ein Stück zu verbilligten Preisen zugänglich. Die Kosten für eine Vorstellung mit Audiodeskription belaufen sich auf rund 1500 Euro und müssen von Sponsoren getragen werden.

Die Suche nach langfristigen Geldgebern verläuft aber schwierig, obwohl die Nachfrage groß ist. Betroffene werden bei Bedarf auch zu Hause abgeholt und bis zu ihrem Platz geführt. Danach gibt es immer Nachbesprechungen in einem Kaffeehaus.

Irmgard Uhl zeigt sich nach ihrer ersten Vorstellung mit Audiodeskription im Burgtheater begeistert. Am wichtigsten sind der 73-Jährigen Beschreibungen über die Kostüme und deren Farben. „Ein bisschen was muss man sich immer noch vorstellen“, sagt Uhl. Aber das ist wohl Sinn des Theaters – mit und ohne Behinderung.

(dpa)

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