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Theaterstück „Firelands“ provoziert mit neuen Formen der Integration

Behinderte brauchen Respekt, nicht Mitleid oder Schamgefühle. Diese Botschaft vermittelt das Theaterstück Firelands, das am Freitag, 19. November, in Parktheater Iserlohn Premiere hat.

Iserlohn (pte) – Mitleid degradiert und erniedrigt nur, erklärt der musikalische Leiter der Show Andreas Winter gegenüber pressetext. „Es verletzt im Falle von Menschen mit Behinderungen etwa so, wie wenn uns ein Multimillionär dafür bemitleidet, dass wir keinen Rolls-Royce fahren. Mitleid drängt nur anderen Menschen den eigenen Maßstab auf.“

Theater, das Mut macht

Inhaltlich dreht sich die multimediale Darbietung unter der Regie von Carina Steding um eine russische Tänzerin, die Depressionen und Bewegungsprobleme plagen. Der sie behandelnde Psychologe glaubt „unterdrückte Lebensfreude“ als Problem zu erkennen. Er versucht, diese durch eine Traumreise neu zu entfachen und führt sie dazu zu ihren südamerikanischen Wurzeln. Sie gewinnt dabei ihre Leidenschaft wieder und macht damit Mut und Hoffnung. „Zentrale Botschaft ist die, dass man stets weitergehen muss statt stehen zu bleiben. Denn mit Begeisterung und dem Wissen, warum man es tut, lässt sich jede Grenze überschreiten“, so Winter.


Über gleich mehrere Tabus setzt sich das Stück in seiner Aufmachung hinweg. „Neben Profis stehen auch Laien auf der Bühne, die zum Teil psychisch Kranke, jedoch auch körperlich Behinderte sind“, berichtet Winter, der selbst den Psychologen darstellt. Menschen im Rollstuhl sind auf der Bühne keine Neuigkeit mehr – wohl aber in einer Handlung, in der es vordergründig nicht um Behinderung geht. So tanzt etwa ein spastisch Gelähmter im Rollstuhl Tango. Bei den meisten Menschen löst schon der Anblick von Behinderten Angst und Schamgefühl aus. Hier setzt das Theater an und will dem Zuschauer helfen, seine Beklemmung binnen weniger Minuten abzulegen.

Angst behindert Menschen

Die Grenzen anderer Menschen erinnern uns an die eigenen Grenzen. Als Schutz davor entwickeln wir Mitleid und behandeln die Betroffenen nur mit Samthandschuhen“, erklärt Winter. Grundgelegt sei dieses Verhalten in der Erziehung. „Wir gaukeln unseren Kindern eine heile Welt ohne Schattenseiten vor – aus Angst, sie könnten daran zerbrechen und aus der eigenen Unfähigkeit, mit Schicksalsschlägen umzugehen. Ihre Frustration, sobald sie das Gegenteil erfahren, nehmen wir in Kauf.“ Um das stete Weiterreichen dieser Haltung über Generationen zu unterbrechen, seien Aha-Erlebnisse nötig. „Die Show soll zur Frage den Beitrag leisten: Warum sollten Behinderte nicht auf der Bühne stehen?“

Therapeutischen Effekt habe das Stück somit nicht nur für die Darsteller, sondern auch für die Zuseher, indem es Ängste und Blockaden löst. „Nicht das, wovor ich Angst hatte ist gefährlich, sondern meine Angst selbst. Ängste und Tabus behindern genauso wie Körperbehinderungen – mit dem Unterschied, dass man sich ihrer viel leichter entledigen kann, wenn man nur will.“ Respekt gegenüber körperlich und psychisch Belasteten zu leben erfordere Normalität. „Diese erreicht man dann, wenn man andere nicht als Menschen zweiter Klasse behandelt, obwohl sie nicht dieselben Leistungsansprüche erfüllen können“, so Winter.

Drei Jahre Proben

Möglich wurde das Theaterstück nur durch das Durchhaltevermögen aller Beteiligten. „Einerseits haben manche psychisch belastete Darsteller große Probleme, sich Texte zu merken oder Einsätze nicht zu verpassen. Zudem erforderten die Proben eine enorme Logistik“, so Winter. Ausreichend Platz für Elektrorollstühle wurde nach langer Suche erst in einer Turnhalle gefunden, aufgrund beschränkter Belastbarkeit und Transports per Rotkreuz-Fahrtendienst war jedoch nur eine zwei-Stunden-Probe pro Woche möglich. Die Vorbereitung dauerte somit drei Jahre.
Nähere Informationen zu „Firelands“ unter: http://www.finde-das-feuer.de

Foto (Carina Steding): Firelands-Darstellerin: Behinderte brauchen Normalität statt Schamgefühle

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