Tischtennis: Freund schafft es bei Weltspielen unter die Top Ten

Die alle vier Jahre ausgetragenen Wettbewerbe gelten als die Paralympics für Sportler mit einer geistigen oder einer Lernbehinderung.

Stand in Ecuador im Mittelpunkt: Hartmut Freund, der ein rotes Stirnband trägt.  (Foto: Norbert Freund)

Stand in Ecuador im Mittelpunkt: Hartmut Freund, der ein rotes Stirnband trägt. (Foto: Norbert Freund)

Der geistig behinderte Tischtennis-Sportler Hartmut Freund hat es bei den Weltspielen für Leistungssportler mit intellektueller Behinderung in Ecuador unter die Top Ten geschafft. Der Bietigheimer unterlag in der Vorrunde nur dem Jugend-Europameister Antoine Zhao aus Frankreich, der später die Bronzemedaille errang, knapp in 2:3 Sätzen und belegte somit in seiner Gruppe hinter dem Franzosen Platz 2. Dadurch zog er in die K.O.-Runde der besten zehn Spieler ein. Dort traf er auf Ka Ho Fan aus Hongkong, gegen den er die ersten beiden Sätze jeweils mit 7:11 abgab. Im dritten Satz gab Freund noch einmal kräftig Gas. Dann allerdings hatte er Pech, als Fan bei 10:9-Führung einen brandgefährlichen Aufschlag des Bietigheimers unkontrolliert viel zu hoch retournierte, der Ball aber noch die Tischkante auf der Seite von Freund streifte. Damit hatte der Hongkong-Chinese gewonnen.

Die Höhepunkte des Duells Hartmut Freund gegen Ka Ho Fan:

Gefährlicher Vulkan in Latacunga

Dessen ungeachtet konnte Hartmut Freund, der im Regelsport für den TTC Bietigheim-Bissingen und im Behindertensport für den BSV Walldorf antritt, mit dem Einzug in die Runde der Top Ten eine bereits seit 2011 währende Serie fortsetzen und so seinen Nimbus untermauern: Er hat nun schon zum fünften Mal hintereinander bei Welt- oder Europatitelkämpfen die Finalrunde der Besten erreicht. Trotz seiner schweren geistigen Behinderung ist er noch nie in der Vorrunde derartiger Titelkämpfe ausgeschieden. Freund hat es fast ausnahmslos mit Gegnern zu tun, die einen viel höheren Intelligenzquotienten als er selbst haben, also nur lernbehindert sind. Der Weltverband INAS hat das auch in anderen Sportarten bestehende Problem ungleicher Ausgangsbedingungen erkannt und plant aus diesem Grund die Einführung einer zweiten Startklasse für Sportler mit einer schwereren intellektuellen Behinderung.

Der Wettkampf wurde nicht, wie zunächst vorgesehen, in Latacunga nahe der Hauptstadt Quito ausgetragen, sondern in der Weltkulturerbe-Stadt Cuenca im Süden Ecuadors. Die kurzfristige Verlegung der Wettkampfstätten in allen neun Sportarten war nötig geworden, da der nahe Latacunga gelegene Vulkan Cotopaxi – einer der gefährlichsten der Welt – seit Mitte August Asche und giftige Gase ausstieß. Ein Ausbruch während der Spiele schien daher möglich. Die Wettkampfbedingungen im Andenhochland – Cuenca liegt rund 2500 Meter über dem Meeresspiegel – waren schwierig. So ist die Flugkurve des Balls in dieser Höhe eine andere als im Flachland. Außerdem kann der menschliche Körper dort, wenn er das Höhenklima nicht gewohnt ist, nicht so viel Sauerstoff wie sonst aufnehmen.

Teilnahme dank Sponsoring und Crowdfunding

Die vom Weltverband INAS alle vier Jahre ausgetragenen Spiele gelten als die Paralympics für Sportler mit einer geistigen oder einer Lernbehinderung. Insgesamt nahmen rund 600 Sportler aus 32 Ländern an den bereits zum vierten Mal ausgetragenen Weltspielen teil. Freund war der einzige vom Deutschen Behindertensportverband (DBS) in neun Sportarten gemeldete Athlet. Vor diesem Hintergrund fanden sich auch die Deutsche Honorarkonsulin in Cuenca, Eva Klinkicht, und der Direktor der dortigen Deutschen Schule, Martin van Neerven, in der Wettkampfhalle ein, um dem Bietigheimer den Rücken zu stärken. Nach den Wettkämpfen erhielten alle Sportler, Trainer und Betreuer im Sportministerium von Ecuador Geschenke und wurden mit einer Serie folkloristischer Tanzeinlagen verabschiedet.

Die Teilnahme von Hartmut Freund und seiner beiden Betreuer an den Weltspielen war überwiegend durch Sponsoring und Crowdfunding finanziert worden. Der fünffache Deutsche Meister in der Startklasse 11 (intellektuelle Behinderung) wurde unter anderem durch Superstar Dimitrij Ovtcharov unterstützt. Heimtrainerin von Hartmut Freund ist die ehemalige Bundesliga-Spielerin Szilvia Kahn aus Steinheim.

(RP/PM)

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