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Todesfalle U-Bahn: Die Stadtwerke München nehmen Stellung

Münchner U-Bahn (Foto: MVV München)

Für blinde Menschen kann es gefährlich werden, wie zwei Fälle aus München zeigen: Nachdem 2009 eine junge Frau beim Versuch einzusteigen tödlich verunglückte, stürzte am am Mittwochabend ein Blinder in das Gleisbett. Die Stadtwerke München (SWM) als verantwortliche Verkehrsunternehmer äußern sich gegenüber ROLLINGPLANET.

Im Juni 2009 war die blinde Alexandra Rietzler im U-Bahnhof Silberhornstraße zwischen zwei U-Bahn-Waggons gestürzt und zu Tode gekommen. Die Sozialpädagogik-Studentin wollte kurz vor 23 Uhr in die U 2 einsteigen. Doch statt eine offene Türe mit ihrem Blindenstock zu ertasten, muss Alexandra eine Kupplungslücke zwischen zwei U-Bahn-Waggons erspürt haben. Sie fiel auf das Bahngleis. Als Alexandra wieder auf den Bahnsteig klettern wollte, fuhr die U-Bahn los.

Weitaus mehr Glück hatte am vergangenen Mittwochabend ein 51-jähriger Familienvater, der am Rotkreuzplatz ebenfalls in die Lücke zwischen zwei Waggons gestürzt war. Er konnte aufgrund eines geistesgegenwärtig reagierenden Passanten, der die Notbremse zog, und durch die Feuerwehr gerettet werden. (ROLLINGPLANET berichtete: Blinder stürzt ins Gleisbett der Münchner U-Bahn)

Wie können Verkehrsunternehmen solchen Situationen vorbeugen und die Sicherheit für sehbehinderte Menschen erhöhen?

Gegenüber ROLLINGPLANET nehmen die Stadtwerke München (SWM) Stellung:

Bei dem Vorfall am vergangenen Mittwoch handelt es sich um einen bedauerlichen Unfall, glücklicherweise ohne größeren Schaden, da alle vorhandenen Sicherheitseinrichtungen (Notruf, Nothalt) gegriffen haben und durch Fahrgäste genutzt wurden.

Das Thema Sicherheit hat für uns eine besonders große Bedeutung und selbstverständlich arbeiten SWM/MVG (Münchner Verkehrsgesellschaft) in den entsprechenden Gremien z. B. des VDV und des ÖPNV-Weltverbandes UITP auch an weiteren Verbesserungen in Sachen Sicherheit. Anerkannt ist auch, dass die Münchner U-Bahn – nicht zuletzt im Vergleich zum Straßenverkehr – kein besonderer Risikobereich ist, sondern ein ausgesprochen sicheres Verkehrssystem, das werktäglich über 1 Million Fahrgäste sicher und schnell befördert. Selbstverständlich werden die hinsichtlich der notwendigen Sicherheitsausrüstungen für U-Bahnen bestehenden zahlreiche Vorschriften in München nachweislich alle eingehalten.

Sicher bekannt ist Ihnen, dass bereits seit 1996 alle U-Bahnhöfe in München unter anderem mit Blindenleitstreifen ausgestattet. Dafür wurden SWM/MVG vom Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund (BBSB) 1996 mit dem Integrationspreis ausgezeichnet.

Im Rahmen von Schulungen für blinde und sehbehinderte Fahrgäste wird darüber hinaus versucht, das richtige Verhalten in der U-Bahn (z.B. das Einsteigen in die Züge und die richtige Nutzung des Blindenstocks dabei) zu üben. Diese bei Bedarf schon immer angebotenen MVG-Trainings für blinde und sehbehinderte Fahrgäste werden seit dem Vorfall 2009 aufgrund der verstärkten Nachfrage häufiger durchgeführt als bisher. Die Zahl der Termine richtet sich nach dem Bedarf des Blinden- und Sehbehindertenbunds. (http://www.mvg-mobil.de/projekte/blindenschulung.html). Selbstverständlich stehen wir mit den Behindertenverbänden, also auch mit dem Blinden- und Sehbehindertenverband in engem Kontakt und Meinungsaustausch über sicherheitsrelevante Fragen.

Antworten auf Fragen zur Sicherheiten

Auf Anfrage von ROLLINGPLANET äußern die Stadtwerke München:

Wie kann ein Gleissturz zwischen zwei Wagen verhindert werden?
„Hierfür gibt es bisher noch keine geeignete Technik am Markt. Das Thema wird aber in der Fachwelt beraten, unter anderem in den Gremien des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) und auch auf Ebene des ÖPNV-Weltverbandes (UITP). An entsprechenden Fortschritten zur Verbesserung der Sicherheit sind wir natürlich sehr interessiert und arbeiten daran auch mit. Die MVG ist mit ihrem mehrfach gekuppelten Zügen nicht allein auf der Welt. Die Frage betrifft viele Verkehrsunternehmen mit Zugbildung – seien es U-Bahnen, S-Bahnen, Straßenbahnen oder Eisenbahnen.“

Bahnsteigtüren
„Von der für den U-Bahnbetrieb verantwortlichen Münchner Verkehrsgesellschaft wurde die Nachrüstung der Münchner U-Bahn mit Bahnsteigtüren bereits mehrfach und ausführlich analysiert und bewertet und das Thema auch im Stadtrat diskutiert. Ergebnis der Prüfung war, dass eine solche Nachrüstung nicht zu realisieren ist. Die in der Münchner U-Bahn eingesetzten Fahrzeugbaureihen verfügen aus historischen Gründen über unterschiedliche Abstände und Breiten der Türen. Bahnsteigtüren wiederum müssen am Bahnsteig zwingend so positioniert sein und sie dürfen sich nur so öffnen, dass sie mit den jeweiligen Fahrzeugtüren korrespondieren. Aufgrund der unterschiedlichen Türbreiten und -abstände der einzelnen Fahrzeugbaureihen ist dies mit einem vertretbaren finanziellen und technischen Aufwand nicht durchzuführen.“

Elektronische Bahnsteigüberwachung
„In Nürnberg und einigen wenigen anderen Städten sind elektronische Gleisraumüberwachungen seit kurzer Zeit als vorgeschriebener Bestandteil fahrerloser U-Bahnen im Einsatz. Sie ersetzen dort die Beobachtung durch den Fahrer, wobei sie auch dort Unfälle nur verhindern, wenn genügend Bremsweg verbleibt. Bei fahrerlosen Systemen werden die sehr hohen Kosten durch die Einsparung der Fahrer weitgehend refinanziert. In Nürnberg gab es zudem eine extrem hohe und leider einmalige Förderung durch Bund und Land als Pilotprojekt. Die Nachrüstung dieser Technik in München würde einen dreistelligen Millionenbetrag kosten, für den nirgendwo ein Kostenträger erkennbar ist. Ohnehin ist ja schon die Finanzierung der Bestandserneuerung in den nächsten 10 und mehr Jahren eine große Herausforderung. Außerdem müsste dieses System spätestens nach zirka zehn Jahren wieder erneuert werden.“

Zum Themenschwerpunkt Blinde und sehbehinderte Menschen

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