Toiletten für alle – damit auch Schwerbehinderte am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können

Das Anliegen hat erstmals eine namhafte politische Unterstützerin gewonnen. Nach Bayern bemüht sich jetzt auch Baden-Württemberg. Vorbild ist Großbritannien.

 Zeigt, wie es sein sollte: Der Flughafen München hat eine „Toilette für alle“ (Foto: Stiftung Leben pur)

Zeigt, wie es sein sollte: Der Flughafen München hat eine „Toilette für alle“ (Foto: Stiftung Leben pur)

Seit zwei Jahren setzt sich die Stiftung Leben pur für das Projekt „Toiletten für alle“ ein. Die Münchner Organisation erklärt ihr Engagement: „Öffentliche Toiletten sind heute selbstverständlich – genau wie Wickeltische für Babys. Auch Behinderten-WCs findet man an vielen Orten in Deutschland. Doch für Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen sind bisherige Behinderten-Toiletten oft ungeeignet. Das betrifft vor allem Menschen mit Querschnittslähmung, Schädel-Hirn-Trauma, angeborener schwerer Behinderung oder Multipler Sklerose. Auch ältere Menschen, die pflegebedürftig oder dement sind, brauchen spezielle Hilfe.“

Die Realität sieht für Betroffene derzeit allerdings so aus: „Menschen mit Behinderung planen Ausflüge mit Familie und Freunden, fahren in andere Städte, erledigen Behördengänge. Wenn es unterwegs keine geeignete Toilette für sie gibt, muss improvisiert werden: Zum Wechseln der Inkontinenzeinlage (Windel für Erwachsene) müssen die Betroffenen von ihren Begleitern auf den Boden einer öffentlichen Toilette gelegt werden. Für die Begleitperson ist das häufig sehr mühsam und belastend für den Rücken“, so die Stiftung.

„Zudem stellt dies für alle Beteiligten eine unangenehme und unhygienische Situation dar: Die Böden sind häufig nicht sauber, dadurch können die Betroffenen leicht krank werden. Oft müssen zwei bis drei Personen helfen und es gibt kaum Platz. Die Folge: Niemand will unter diesen menschenunwürdigen Umständen eine öffentliche Toilette benutzen.“


Die Kurzdokumentation des Projekts „Toiletten für alle“ der Stiftung Leben pur erzählt eindringlich von den Schwierigkeiten, mit denen Menschen mit schwerer und mehrfacher Behinderung täglich konfrontiert werden. Gerade in Sachen Barrierefreiheit von öffentlichen Sanitäranlagen zeigen sich noch einige Hürden auf dem Weg hin zu einer inklusiven Gesellschaft.

Nun hat das Anliegen erstmals eine namhafte politische Unterstützerin gewonnen. Nach dem Willen von Baden-Württembergs Sozialministerin Katrin Altpeter sollen in ihrem Bundesland für Menschen mit besonders schweren Behinderungen spezielle öffentliche Toiletten eingerichtet werden. Diese sollen etwa durch eine höhenverstellbare Liege und einen elektrischen Personen-Lifter speziell auf deren Bedürfnisse ausgerichtet werden.

Deshalb hat die Ministerin ein neues Projekt ins Leben gerufen, bei dem die Betreiber etwa von Sportstadien, Einkaufszentren, Museen, Stadthallen, Hotels und Gaststätten, aber auch die Kommunen im Land für die Einrichtung solcher Toiletten gewonnen und bei einer Realisierung beraten werden sollen. Eine Internetseite soll dann landesweit über Standorte, Ausstattung und Zugangsmöglichkeiten informieren.

Bislang gibt es in Baden-Württemberg noch keine so genannte „Toilette für alle“. „Ein unhaltbarer Zustand, den wir im Interesse der Betroffenen und ihrer Begleitung dringend ändern müssen“, sagte die Ministerin. Partner des mit rund 200.000 Euro ausgestatteten Projekts des Sozialministeriums ist der Landesverband für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderungen Baden-Württemberg.

So viel kostet eine Toilette für alle
Bereits ein ca. 12 Quadratmeter großer Raum bietet ausreichend Platz für die Person im Rollstuhl und zwei Betreuer. Wer eine „Toilette für alle“ einrichten will, sollte laut der Stiftung Leben pur 12.000 Euro an zusätzlichen Ausstattungskosten (für Pflegeliege und Lifter) einplanen. Dazu kommen ggf. die Bau- oder Umbaukosten und die Kosten für die herkömmliche Ausstattung nach Din18040 (WC, Waschbecken, Haltegriffe etc).
Die Stiftung Leben pur hat Zahlen zusammengestellt, die Entscheidern zur Orientierung dienen können:
Höhenverstellbare Bank/Liege mit Sicherheitsgitter: 5.000 Euro
Elektrischer Deckenlifter mit Radius 2,5 m: 4.000 Euro
Höhenverstellbares Waschbecken (nicht unbedingt nötig): 1.200 Euro
Notruf: 1.000 Euro
Luftdicht verschließbarer Windeleimer: 200 Euro

Lebensqualität der Betroffenen verbessern

„Sich auf dem Boden einer öffentlichen Toilette wickeln lassen zu müssen, das empfinden Betroffene zu Recht als entwürdigend und unzumutbar“, so Ministerin Altpeter. Die Landesregierung arbeite konstant daran, bestehende Benachteiligungen aufgrund von Behinderungen abzubauen und echte Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen. Sie sei sicher, dass das Projekt dazu beitragen wird, „die Alltagsgestaltung von Betroffenen und ihren Angehörigen und Assistenten massiv zu erleichtern. Angesichts der Umstände bleiben bislang viele Familien mit betroffenen Angehörigen lieber zuhause anstatt einen Ausflug oder einen Stadtbummel zu machen. Da fehlt ein großes Stück Lebensqualität“, sagte sie.

Bedarf wird weiter zunehmen

Zwar gibt es weder für Deutschland noch für Baden-Württemberg eine aussagekräftige Statistik zur Zahl der Betroffenen, aber allein der Kreis der Menschen mit angeborenen schweren und mehrfachen Behinderungen geht in die Zigtausende. Angesichts der steigenden Zahl der hochbetagten Menschen könne davon ausgegangen werden, dass die Zahl der Betroffenen künftig weiter zunimmt.

Europaweiter Vorreiter bei der Einrichtung von „Toiletten für alle“ ist Großbritannien. Dort wurde die Kampagne „changing places“ aufgelegt, die erfolgreich für „Orte zum Wechseln“ wirbt und deren Standorte und Öffnungszeiten im Internet veröffentlicht werden. In Deutschland übernahm die Stiftung „Leben pur“ die Kampagne 2013 und wirbt mit der Unterstützung der Aktion Mensch für die Umsetzung von „Toiletten für alle“. Inzwischen sind in Bayern fünf „Toiletten für alle“ eingerichtet. Als erste Kommune in Baden-Württemberg hat die Stadt Stuttgart vor kurzem angekündigt, die Einrichtung einer „Toilette für alle“ zu prüfen.

Webseite: Stiftung Leben pur

(RP/PM)

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1 Kommentar

  • Stigmaman

    Ich stelle mir gerade vor, ich müsste auf den Boden einer total verdreckten öffentlichen Toilette liegen, ohne dass ich mich dagegen wehren kann. Was für eine erniedrigende, menschenverachtende und ekelerregende Horrorvorstellung. Und der Gedanke, dass allein das klitzekleine Puzzleteil „Toiletten für alle“ auf dem Weg zur Verwirklichung der Inklusion in unserer Gesellschaft vermutlich noch einen sehr weiten Weg vor sich hat, könnte einen bei all den anderen z. T. noch viel größeren „Baustellen“, die da noch zu beackern sind, glatt verzweifeln lassen.

    22. Oktober 2015 at 07:42

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