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Tom House: Jimmy McCall – Eine Rezension

Polionauten sind eine seltsame Spezies. Schon bei einer völlig normalen Frequenz „rennen“ sie durchs Leben wie Marathonläufer. Und als ob das noch nicht genug wäre, müssen sie immer noch eins oben drauf setzen und alles noch einen Schlag besser machen als „Normalsterbliche“.

Ein ganz besonderes Exemplar der Gattung Polio

Der erste Aspekt hat mit ihrer Grunderkrankung zu tun. Um den normalen Alltag zu bewältigen, müssen ihre durch die Polio vorgeschädigten Muskeln einfach mehr leisten, als die eines Menschen mit gesunder Muskulatur.

Der zweite Aspekt hat wohl eher psychologische Ursachen. In Ihrer Kindheit und Jugend hat man den meisten Poliobetroffenen geradezu eingeimpft, sie müssten nur immer fleißig üben, üben und nochmals üben…., dann würde alles gut und ihre Muskulatur würde dann irgendwann und bestenfalls wieder das leisten können, was die von gesunden Menschen zustande bringt. Möglicherweise ein Trugschluss, wie sich nach Jahrzehnten eines vermeintlich relativ normalen Lebens herausstellt, denn viele Betroffene leiden heute unter dem sogenannten Post-Polio-Syndrom. Mittlerweile sieht man die Ursache hierfür vor allem in einer dauerhaften Überlastung der durch die Polio vorgegeschädigten Muskulatur.

Ein ganz besonders interessantes Exemplar dieser Gattung ist Tom House. Tom hat in seinem Leben schon viel gemacht. Er war britischer Geheimagent, hat jahrelang ein eigenes Unternehmen geleitet, er engagiert sich seit vielen Jahren im Bundesverbandes Polio e. V. und hat sich immer wieder erfolgreich auch in viele andere soziale Projekte eingebracht….. und zwei Romane hat er bisher geschrieben.

Jimmy Mc Call – ein unermüdlicher Kämpfer

Der Roman, von dem hier die Rede ist, handelt von einem schottischen Jungen, der während des II. Weltkrieges in den Western Highlands in Schottland geboren wird und nach dem Krieg an der Ostküste Schottlands unter widrigsten Umständen aufwächst. Im Hintergrund – ein englischer Vater, hochgebildet und aus gutem Haus, aber vom Krieg psychisch traumatisiert – eine einfache aber liebende schottische Mutter, die Schwierigkeiten hat, mit ihren Kindern und ihrem Mann fertig zu werden und letztlich ein zwei Jahre älteren Bruder, der ihm, von Missgunst und Eifersucht geplagt, das Leben schwer macht.

Dabei ist Jimmy ein unermüdlicher Kämpfer, dem die Widrigkeiten des Lebens, denen er sich im Laufe seiner Kindheit und Jugend stellen muss, nichts anzuhaben scheinen.

Als Kleinkind wird er für zwei Jahre von seinen Eltern getrennt. Mit sechs Jahren wird er von einer damals herrschenden Kinderlähmungsepidemie heimgesucht und viele Jahre mit deren Folgen fertig werden müssen – spastische Lähmungen, Hänseleien und vom eigenen Vater als Krüppel und wertloses Geschöpf abgestempelt.

Ständig in einem Dauerkonflikt zwischen seiner Aversion gegen die Engländer, deren Ursprung sein strenger, instabiler und geiziger Vater zu sein scheint, und seiner großen Zuneigung zu den liebevollen schottischen Verwandten, meistert er mit Mut und Geschick und seiner unbändigen Abenteuerlust so manche heikle Situation, obwohl ihn ständig Trennung und Schmerz dabei begleiten.

Zeitreise durch Kindheit und Jugend

Der Roman ist eine Zeitreise durch die Kindheit und Jugend des Autors, die wegen der Polioerkrankung, den wirtschaftlich schwierigen Kriegs- und Nachkriegsjahren und wegen der eher komplizierten Familienverhältnisse problematisch verläuft. Dennoch gewinnt man während des Lesens den Eindruck, dass Jimmy aus diesen Erlebnissen gestärkt hervorgeht.

Vom Abgeschoben sein ist also die Rede, und von mageren Zeiten, von schweren Wintern und von einem Vater, der ständig seine Beherrschung verliert, von Panik aufgrund einer Kinderlähmungsepidemie und von Trennungsschmerz. Aber auch davon, wie man ein Baby macht und von Sehnsucht, vor allem aber ist die Rede von tiefer Zuneigung und Freundschaft.

Dabei geht der Autor konsequent chronologisch vor, indem er, wie sollte es anders sein, vorne anfängt und hinten aufhört.

So besteht der Roman aus chronologisch angeordneten „Kurzgeschichten“, die jede einzelne für sich gesehen, gut lesbar ist und die in der Summe einen sehr bewegenden Roman ergeben.

Es ist eines von den Büchern, die man, wenn es denn eben möglich ist, nicht wieder aus der Hand legt, bevor man sie nicht bis zum Ende durchgelesen hat.

Um ehrlich zu sein: Als ich damit begann, das Buch zu lesen, tat ich das zunächst mit dem Vorurteil, dass dies sicher wieder eines von den Büchern sei, die ich inzwischen zur Genüge kenne: „Mein Leben mit Polio, oder wie ich meine schwere Behinderung fertig wurde“ oder etwa „wie ich es schaffte nicht aufzugeben, obwohl ich ein armes Schwein war“.

Doch schon nach den ersten 10 – 15 Seiten war dieses Vorurteil komplett ausgeräumt, war ich so fasziniert von den verschiedensten Facetten dieses nicht sehr langen Romans, dass ich es kaum zum Mittagessen aus der Hand legen wollte, weil ich unbedingt wissen musste, wie die Geschichte ausgeht.

Kurze Sätze: Angenehm lesbar und lebendig

Das Buch ist in weiten Passagen in relativ kurzen Sätzen verfasst, was ihm eine angenehme „Lesbarkeit“ und Lebendigkeit verleiht. Der komplette Roman ist immer „auf den Punkt“ geschrieben und absolut schnörkellos. Den Kritikern, die bemängeln wollen, dem Schreibstil des Autors fehle es an der einen oder anderen Stelle an der nötigen schreibtechnischen Brillanz, kann ich entgegenhalten, dass ich es genossen habe, dass der Autor gerade dadurch brilliert, dass er so geschrieben hat, wie ihm „der Schnabel gewachsen ist“, ohne dabei auch nur an einer einzigen Stelle ins Triviale abzugleiten.

Ja, ich habe auch viel gelacht, während ich das Buch gelesen habe. Aber manchmal hat es mich auch sehr traurig gemacht, da der Schmerz, den ich als Kind nicht zuletzt wegen der Tatsache, dass auch ich eine Polio durchgemacht habe, mich förmlich wieder einholte, ich dem ich dem Autor buchstäblich nachfühlen konnte, wie es ihm in der einen oder anderen Situation damals ergangen ist.

Tom House gibt gerade durch seinen unbekümmerten Schreibstil einen faszinierenden Blick frei auf eine Kindheit, in der sich der eine oder andere Poliobetroffene selbst leicht wieder findet, in der aber ein anderer vielleicht nur den Blick auf eine spannende Geschichte wirft, die ihn deshalb faszinieren mag, weil sie unter anderem so gnadenlos ehrlich daher kommt.

Eine Biografie im Übrigen, die uns keine Details erspart, wenn sie denn zu einer fruchtbaren Darstellung der Geschichte beitragen, sei es, weil sie Witz hat, oder weil Gefühle der Trauer in uns hervorgerufen werden, jedenfalls, weil sie immer die erzählte Geschichte bereichern.

Spannend und witzig, gefühlvoll und traurig, mitfühlend und liebevoll

Dieses Buch empfehle ich deshalb nicht nur jedem Poliobetroffenen, sondern auch jenen, die auf der Suche nach einer spannend und witzig, gefühlvoll und traurig, mitfühlend und liebevoll erzählten Autobiografie über einen zudem äußerst interessanten Menschen sind.

Der Roman ist als Taschenbuchausgabe im Litera Verlag erschienen, (ISBN 978-3-00-024418-6), hat ca. 200 Seiten und kostet 14.90 Euro.

Außerdem von Tome House erschienen:

„Spies and Sacred Lies“ (in englischer Sprache), ein Thriller der Extraklasse! (Edition Fischer, ISBN 978-3-89950-302-9)

Empfehlung der Redaktion: Den „Jimmy McCall“ direkt beim Verlag kaufen, da er dort deutlich preiswerter zu erhalten ist, als z. B. über Amazon.de, wo zuletzt Restexemplare in gebrauchter Qualität zu völlig überhöhten Preisen angeboten wurden:

Litera-Verlag Rottweil
Tel. 0741-9494494, Fax 0741-6082 Email: [email protected]

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Lothar Epe

Lothar Epe

Dieser Beitrag erscheint als unabhängiges Blog auf ROLLINGPLANET. Er wurde von der Redaktion weder geprüft noch muss er unsere Meinung wiedergeben. Auf ROLLINGPLANET können alle User – die etwas zu sagen haben – ihr eigenes Blog veröffentlichen. Lothar Epe ist verheiratet und hat drei Kinder. Als 56-Jähriger begann er 2011 ein Studium an der Freien Journalistenschule in Berlin. Er hat das Post-Polio-Syndrom (Spätfolge der als Kind durchgemachten Poliomyelitis). Bei ROLLINGPLANET tritt Epe zweifach auf: Als ROLLINGPLANET-Redakteur und hier als privater Blogger, der unabhängig von der Redaktion schreibt, was ihm wichtig ist. Zum ausführlichen Profil.

1 Kommentar

  • Manfred

    Werden hier nur noch langweilige Blogs veröffentlicht?

    23. Dezember 2013 at 19:20

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