Tommy Hilfiger entwirft Mode für Kinder mit Behinderung

Adaptive clothing: Wie die Mutter eines Jungen mit Muskeldystrophie den milliardenschweren Konzern dazu brachte, inklusiv zu handeln. Von Max Kramer

Aus der aktuellen „normalen“ Kids-Kollektion von Tommy Hilfiger...

Aus der aktuellen „normalen“ Kids-Kollektion von Tommy Hilfiger…

...und die neue Kollektion von Tommy Hilfiger und Runway of Dreams. (Fotos: Tommy Hilfiger)

…und die neue Kollektion von Tommy Hilfiger und Runway of Dreams. (Fotos: Tommy Hilfiger)

Inklusion und Innovation in der Modewelt: Runway of Dreams (deutsch: „Laufsteg der Träume“), eine gemeinnützige Organisation aus den USA, die mit Modelabels kooperiert, um Kleidung für Menschen mit den verschiedensten Behinderungen zu entwerfen, hat einen echten Coup gelandet: Mit Tommy Hilfiger konnte einen echtes Schwergewicht ins Boot geholt werden, um anpassungsfähige und behindertengerechte Klamotten für Kinder auf den Markt zu bringen. Ein vielversprechendes Projekt.

Frustrierende Kleidungssuche

Die Idee, modische Kleidung auch für Kids mit Behinderung zugänglich zu machen, stammt von Mindy Scheier, Gründerin von Runway of Dreams, selbst Modeschöpferin und Mutter eines behinderten Sohns. Auf der Suche nach trendigen Klamotten für ihren Sprössling Oliver erlebte sie eine Enttäuschung nach der anderen und fand nichts, was behindertengerecht und gleichzeitig ansprechend designt war. Da Oliver an einer seltenen Form von Muskeldystrophie leidet, die es ihm quasi unmöglich macht, sich selbst anzuziehen, bestand Handlungsbedarf.

„Wandel in der Modebranche notwendig“

Also griff Scheier eben selbst zur Schere und entwarf erste Kleidungsstücke, die beiden Ansprüchen – ästhetischen wie pragmatischen – genügten: „Ich fasste den Entschluss, dass es für ihn wichtiger war, das Gleiche wie seine Altersgenossen tragen zu können. Ich fühlte, dass ein Wandel in der Modebranche notwendig war und dass auch Menschen mit Behinderung Mainstream-Mode tragen können müssen. Also gründete ich Runway of Dreams.“

Zahlreiche Innovationen

Um besser auf die vielfältigen Bedürfnisse der Kinder mit Behinderung eingehen zu können, wurden in einem aufwändigen Prozess sogar Umfragen gestartet und Testgruppen zum Anprobieren eingeladen. Doch was genau ist anders an der neuen Kollektion? In enger Zusammenarbeit mit Mindy Scheier entwarfen die Mode-Profis von Tommy Hilfiger anpassungsfähige Kleidungsstücke (adaptive clothing), bei denen etwa nur schwer zu handhabende Reiß­ver­schlüsse oder Knöpfe durch Magneten ersetzt wurden – schließlich haben viele Kinder mit Behinderung große Schwierigkeiten, die klassischen und oftmals komplizierten Verschlüsse zu öffnen. Auch die Länge der Klamotten kann an Armen und Beinen variiert werden; zusätzlich entwickelten die Mode-Macher Möglichkeiten, die es den Kindern erleichtern, sich an- und auszuziehen.

„Nächster natürlicher Schritt“

Doch das ist noch nicht alles: Die neuen, anpassungsfähigen Polo-Shirts, Jeans, T-Shirts und Kleider sehen genauso aus wie die der aktuellen Frühjahrskollektion für nicht-behinderte Kinder, die bereits auf dem Markt ist. Auch die Preise sind gleich. Ein besonderer Grund zur Freude für die Initiatorin Mindy Scheier, wie sie in der US-Sendung „Today“ verriet: „Denken Sie mal darüber nach: Wir haben Abteilungen für kleine Größen, Übergrößen und haben sogar Bekleidung für Tiere – aber wir haben nichts für Menschen mit Behinderungen.“ Ein Kind, egal ob behindert oder nicht, solle eben das anziehen können, was auch seine Altersgenossen tragen. Deshalb fühle sich die Zusammenarbeit mit Tommy Hilfiger wie der nächste natürliche Schritt an – auf dem Weg zu echter Inklusion.

Behinderung in der Mode-Welt kein Tabu mehr

Und auch der Mode-Gigant ist mit dem Projekt hochzufrieden: „Unsere Firma hat schon immer die Vielfalt seiner Kunden aufgegriffen“, sagt Gary Steinbaum, Vorsitzender von Tommy Hilfiger, laut dem Promi-Magazin „People“ in einer Stellungnahme. „Runway of Dreams hat uns dabei geholfen, unser Verständnis für die Bedürfnisse der Menschen mit Behinderungen voranzubringen. Und mit diesem Wissen hoffen wir, sie besser bedienen zu können.“

Dass das Thema Behinderung in der Mode-Welt nicht mehr tabuisiert wird, ist spätestens seit dem großen Erfolg des Down-Syndrom-Models Madeline Stuart (19) klar, das mittlerweile sogar bei der New York Fashion Week Stammgast ist (ROLLINGPLANET berichtete: Model mit Down-Syndrom in New York: Aber ist der Jubel berechtigt?). Ob auch deutsche Kinder mit Handicap in naher Zukunft von dieser Entwicklung und der Kollaboration von Tommy Hilfiger mit Runway of Dreams profitieren können, ist derweil unklar: Noch gibt es von offizieller Seite keine Angaben dazu, ob oder wann die anpassungsfähige Mode-Kollektion auch auf den europäischen Markt kommt.

Tommy Hilfiger
Die Tommy Hilfiger Corporation wurde 1984 vom US-amerikanischen Modedesigner Tommy Hilfiger gegründet. Er sorgte für das Revival des in den 1970er Jahren populären Collegestils und gilt mit seinen Jacken und Shirts im Vintage-Stil als Wegbereiter des All-American Style (klassisch, ordentlich, schnörkellos).
Der Firmensitz befindet sich in Amsterdam. Seit 2010 ist das Unternehmen im Besitz der US-amerikanischen Phillipps-Van Heusen Corporation, zu der auch die Modemarke Calvin Klein gehört. 2013 erwirtschaftete die Marke Tommy Hilfiger weltweite Umsätze in Höhe von 5,8 Milliarden Euro.

(RP)

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1 Kommentar

  • Claudia Leidig

    Sollte halt auch zahlbar sein……..

    7. März 2016 at 13:46

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