""

Trauma fürs Leben: Wenn die Kindheit der reinste Wahnsinn ist

Bei psychisch kranken Vätern und Müttern leiden nicht nur der Partner oder die Freunde mit. Vor allem Kinder sind davon betroffen. Von Sabine Kurz

Überschattete Kindheit... (Martina Herbst/pixelio.de)

Wenn die Kindheit überschattet ist… (Martina Herbst/pixelio.de)

Julia hat sich immer ins Badezimmer eingeschlossen, wenn ein Freund ihres Vaters zu Besuch kam. Da war sie zehn. „Meine Mutter hat mich wieder und wieder gewarnt, dass Männer nur sexuelle Übergriffe im Kopf hätten. Sogar meinen Vater hat sie verdächtigt, mich belästigen oder gar vergewaltigen zu wollen.“

Dass ihre Mutter anders war als andere Mütter, hat Julia erst spät realisiert. Erst vor einigen Jahren wurde eine Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. Da war Julia 33 und hatte es längst geschafft, sich von der Mutter abzunabeln. Als Kind aber suchte sie die Schuld bei sich, wenn ihre Mutter wieder einmal drohte, sie werde in der Gosse landen oder sie davon abhielt, das Haus zu verlassen.

Für die Hamburger Psychologin Prof. Silke Wiegand-Grefe ist das typisch: „Wenn ein Elternteil psychisch erkrankt, also etwa psychotisch oder schwer depressiv wird, beziehen Kinder das auf sich.“ Ängste oder Desorientierung sind häufig die Folge, oder die Kinder ziehen sich in Traumwelten zurück. „Bis heute erhalten 30 bis 40 Prozent der Kinder psychisch kranker Eltern selbst keine professionelle Hilfe.“

Einsamkeit wegen falsch verstandener Loyalität

In den Familien werden oft die Rollen getauscht: Die Kinder übernehmen Verantwortung für ihre Eltern statt umgekehrt. Experten nennen dieses Phänomen Parentifizierung. Eigene, kindliche Bedürfnisse stellen betroffene Kinder zurück und spielen die Probleme der Eltern gegenüber Dritten herunter.

Häufig wagen sie aus falsch verstandener Loyalität nicht, sich einem Menschen außerhalb der Familie anzuvertrauen. Dabei haben Kinder mit Unterstützung bessere Chancen, als Erwachsene ein normales Leben zu führen.

In schlimmen Fällen werden psychisch kranke Eltern gewalttätig gegen ihre Kinder. Warum werden Mädchen und Jungen solchen Eltern nicht entzogen? „Eltern, die Gewalt gegen die eigenen Kinder ausüben, suchen selten eine Beratung auf, so dass wir präventiv oft nicht eingreifen können“, sagt Prof. Wiegand-Grefe.

Je nach Krankheit unterschiedliche Folgen

Ist ein Fall dagegen bekannt, prüft die Jugendhilfe, ob das Kindeswohl gefährdet ist. Dabei wird auch die jeweilige psychische Erkrankung berücksichtigt. Ob Vater oder Mutter aufgrund einer Depression mutlos und pessimistisch sind, oder ob ein Elternteil von Wahnvorstellungen gepeinigt wird, macht für die Kinder einen großen Unterschied.

Leiden Eltern unter einer Erkrankung, die schubweise auftritt, erleben die Kinder sie auch in normalen Phasen. Entscheidend ist außerdem, ob der betroffene Elternteil selbst wahrnimmt, dass er oder sie krank ist: „Oft wünschen sich Betroffene, dass wir als Therapeuten den Kindern Informationen und Hilfestellung geben“, sagt Wiegand-Grefe.

Initiative Netz und Boden hilft

Katja Beeck berät seit Jahren Eltern und Kinder (Foto: privat)

Katja Beeck berät seit Jahren Eltern und Kinder (Foto: privat)

Die Berliner Beraterin Katja Beeck begleitet mit ihrer Initiative Netz und Boden betroffene Kinder wie erkrankte Eltern und schult Fachkräfte. Sie weiß, wovon sie spricht: Sie ist selbst Tochter einer psychotischen Mutter. Vor gut sieben Jahren hat sie das Patenschaftsangebot beim Berliner Jugendhilfeträger Amsoc gegründet: „Oft haben Kinder keine emotional stabile Bezugsperson im eigenen Umfeld. Unsere Paten geben den Kindern die Unterstützung, die sie brauchen.“

Klappen kann das allerdings nur, wenn der erkrankte Elternteil der Patenschaft zustimmt. Die Paten stehen dem Kind ähnlich wie Pflegeeltern ständig zur Seite, allerdings wohnt es zu Hause. Im Notfall, etwa wenn die Mutter in eine psychiatrische Klinik muss, kann der Pate das Kind aber bei sich aufnehmen.

Das Konzept der Notfallbriefe

Kranke Mütter oder Väter leiden oft darunter, dass sie nicht immer gute Eltern sein können. Gemeinsam mit ihnen hat Beeck das Konzept der Notfallbriefe entwickelt.

In einer relativ gesunden Phase formulieren Eltern liebevolle Briefe an Söhne und Töchter. Darin erklären sie zum Beispiel, dass sie manchmal selbst Hilfe brauchen und dann nicht so gut für sie sorgen können. Katja Beeck verwahrt solche Briefe und gibt sie den Kindern, beispielsweise wenn Vater oder Mutter sich in der Psychiatrie behandeln lassen müssen.

Doch nicht nur die seelisch Erkrankten brauchen Hilfe, sondern auch die Kinder und weitere Angehörige: „Sie müssen lernen, mit der Krankheit umzugehen, etwa ohne Scham darüber zu sprechen“, sagt Wiegand-Grefe. Ebenso wichtig ist eine kontinuierliche Hilfe, denn mit dem Älterwerden lösen sich nicht alle Probleme. Katja Beeck hat kürzlich eine 80-Jährige beraten, die ein Leben lang unter ihrer vom Krieg traumatisierten Mutter gelitten hat.

Problematische Kindheit wird oft verdrängt

Viele machen ihre problematische Kindheit aber erst im späten Erwachsenenalter zum Thema, weiß die Psychologin Johanna Schams, die eine Selbsthilfegruppe erwachsener Betroffener begleitet. In einem Fall gab es einen Mittfünfziger, der es als Jugendlicher geschafft hatte, die Probleme seiner Mutter auszuklammern – sie litt unter einer bipolaren Störung und nahm sich das Leben, als er gerade 20 war.

Erst als seine eigene Partnerin schwer erkrankte und Gefühle von Ohnmacht und Wut ihn überwältigten, setzte er sich mit seiner Kindheit auseinander. Seine Wut galt in Wirklichkeit der kranken Mutter, die nie für ihn dagewesen war.

Laut Schams ist es für betroffene Kinder deshalb so wichtig, mit professioneller Hilfe die von der Krankheit der Eltern überschattete Kindheit aufzuarbeiten. Denn wenn es ihnen gelingt, diese fremdbestimmte Zeit zu reflektieren, können sie sie für sich ein Stück weit zurückerobern.

(dpa)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

1 Kommentar

  • kathrin

    Eine Psychisierung von Menschen halte ich für falsch.
    Gesundes Misstrauen und menschliche Balance, getragen von Empathie und Herzenswärme für menschliche Schwäche fehlt mir im oberen Bericht. Es gibt keine perfekten Eltern. Deswegen sind nicht alle Eltern psychisch krank.Es gibt auch nicht wenige junge Erwachsene die
    nicht auf der kindlichen Ebene trotzig hängen bleiben wollen !
    Zum Erwachsen werden gehört nun mal die Erkenntnis dazu, das Eltern in ihrem ureigenen Mass Liebe geben, auch wenn sich das Liebesbedürfnis der Kinder und die spätere persönliche Identifikation : Was ist für mich und mein Empfinden für die m.M.n. richtige Liebe–unterscheidet.
    Liebe ist immer so individuell unterschiedlich wie unsere Fingerabdrücke. Aus diesem Grund kann Liebe niemals von außen nach innen kommen , sondern muss immer vom eigenen Herzen aus nach außen strahlen.
    Aus diesem gesellschaftlichen Irrtum ist überall immer nur ein einziger Ruf zu hören : Wann kommt jemand der mich richtig liebt –und keiner fängt in seinem eigenen inneren an-seine persönliche Liebesfähigkeit zu suchen und zu entwickeln.
    ! Dieses Desaster ist keine psychische Erkrankung–
    sondern schlichtes gesellschaftliches Unbewusstsein….
    und führte durch die sex. Befreiung zu immer mehr
    UNGLÜCKLICH sein. Ständig wechselnde Sexualpartner
    und abnorme Triebe sind eben nicht der Weg ins Glück, auch nicht Liebe , sondern BIOLOGIE. Der Weg der Arterhaltung. Wie schrecklich , wenn jemand von Natur aus nicht so ganz starke Sexual-Hormone hat –kann er nicht lieben , oder ??? Dank Viagra, der Pille , Botox usw.
    kann die Gesellschaft zwar den Sex-Trieb geldwert hoch puschen–
    dennoch –werden die Menschen durch mangelnde Herzensliebe süchtig. Sucht auf SEX , Drogen , Essen, Konsum….also Ersatzbefriedigung. Weil die Herzensliebe eben nicht gekauft werden kann.
    Unsere Gesellschaft hat die sex. Befreiung und dennoch fehlt es an Liebe. Da liegt die Ursache für die psychischen Erkrankungen, die Depressionen aus Einsamkeit trotz vielfältiger und oftmals abnormer Sex-Praktiken.
    Wie gruselig , das Sex als Liebe verkauft wird.
    War tatsächlich die MAMA KRANK; DIE DIE TOCHTER VOR ÜBERGRIFFEN DER SEX: ART SCHÜTZEN WOLLTE UM DEM TÖCHTERCHEN DEN WEG ZUM HERZENGLÜCK
    UND GESUNDEN SEX ALS I-TÜPFELCHEN OBENDRAUF
    AUS MUTTERLIEBE SCHENKEN ZU WOLLEN ?
    Die Dunkelziffer der Missbrauchs,- und häuslicher Gewalt-Opfer , zumeist der männlichen Aggressoren ist enorm.
    Seit Jahren berate ich Opfer und Täter.
    Missbrauchte Menschen haben enorme , auch sex. Probleme , ein Leben lang. Liebespartner dieser Missbrauchten Menschen sind oftmals verzweifelt
    weil die Wege zu glücklicher Paarebene hierdurch versperrt sind.
    Das Resultat GUTMEINENDER Psycholog/innen
    hierzu ist :
    Das Opfer ist Täter–der Täter das eigentliche Opfer —
    UND DIESE „ERKENNTNIS“ IST ECHTE BIPOLARE STÖRUNG , WEGSCHAUMENTALITÄT, WENN NICHT GAR PERSÖNLICHES WAHNHAFTES WAHRHEITS-VERLEUGNUNGS-DEFIZIT dieser selbsternannten Psychologen. (Solche wirklich bipolar gestörten narzistischen Persönlichkeiten treiben ungebremst ihr Unwesen als Familiengutachter und gefährden hierdurch nicht nur Kinder sondern setzen durch wahnhafte Störungen sogar das Grundgesetz aus )
    Konkret gibt es nicht nur etliche Kinderpornofilm-Konsumenten
    sondern eben auch die Produzenten. Diese können NUR produzieren, weil ein naives Übermass an Vertrauen
    eine ebenso gefährliche Bipolarität ist ,wie zuviel Misstrauen. Zum kIndeswohl muss jeder Bürger Fakten und Tatsachen betrachten und nicht ideologisch
    wegleugnen , weil es mit der eigenen Empathie und Herzensliebe eben ein schwerer persönlicher Weg ist.
    Da einzelne Personen die ganze Gesellschaft
    psychisieren möchten, sollte das doch wohl Hinweis genug sein–WER DA TATSÄCHLICH PSYCHISCH KRANK IST , oder über diesen dreisten Weg versucht , sich einer Strafhaftung für Beihilfe für Kindeswohlgefährdung zu entziehen , oder ?
    Leider praktizieren auch sehr viele selbsternannte Psychologen ( ohne Diplom –kein geschützter Begriff )
    als Familiengutachter., Amtsvormund , Erzieher, Betreuer –
    (A?)Sozial-Arbeiter Diese narzistischen Persönlichkeiten diagnostizieren natürlich ohne jeglichen medizinischen Background auf Teufel komm raus.gegen alles und jeden.

    Für gefährlich halte ich die Einstellung Kindern nicht mehr zu sagen : Dies ist falsch–jenes richtig und umgekehrt.
    Das ist gleichbedeutend absurd als wolle man die Nacht und den Tag verleugnen.Es gibt beides. Auch wenn manche die Nacht zum Tag machen und umgekehrt.
    Nur wer Kindern die Chance auf Unterscheidund beläßt
    erhält Kindern die Chance aus Fehlern zu lernen und es besser als die Eltern zu machen. Was die Fremdbetreuung in Heimen unter Jugendhilfe betrifft ist Isolation , Kleidung und Brot ohne persönliche (wenn auch vielleicht nicht perfekte ) Liebe der Eltern ! Wer eine ganze Gesellschaft psychisisert um sich neue Sozialarbeitsplätze zu kreiieren , vergisst , das die Betreuer, Erzieher , Fremdeltern ebenfalls zur Gesellschaft der psychisch Kranken gehören.
    Übrigens : Meine Eltern waren beide sehr früh an Krebs erkrankt, sind auch daran gestorben Das war nicht leicht. Sehr früh habe ich gelernt sehr viel Verantwortung zu tragen. Das hat mich stark gemacht. Die Katastrophe aber wäre es gewesen wenn man mich in ein Heim gesteckt , weg von meinem Eltern verschleppt hätte. Das hätte mich wirklich kaputt gemacht. Gewünscht hätte ich mir manchmal Hilfe im Haushalt. Damit ich als Kind auch mal hätte spielen können.

    29. März 2013 at 01:18

KOMMENTAR SCHREIBEN