Trauma, weil das Haar schlecht sitzt

Ein Phänomen und seine Folgen: Warum leiden in den USA ungewöhnlich viele Menschen an Traumata? Von Andrea Barthélémy

Diese Frisur macht wirklich Angst, und ihr Besitzer erst recht: Donald Trump (Foto: dpa)

Diese Frisur macht wirklich Angst, und ihr Besitzer erst recht: Donald Trump (Foto: dpa)

„Trump 2016“ hat jemand mit Kreide auf die Gehwege des College Campus gekritzelt. Über Nacht und viele Male. Der nächste Regen wird die Schriftzüge wegwaschen. Doch vorher sorgen sie für Aufruhr. Als morgens Studenten die Slogans erblicken, fühlen sich einige massiv angegriffen, erschüttert, sogar in ihrer Sicherheit bedroht. Für die „traumatisierende Erfahrung“ erhalten sie psychologische Unterstützung und den Beistand des Universitäts-Direktors.

Der Fall, der im Frühjahr den Campus der ethnisch gemischten, traditionsreichen Emory Universität in Atlanta (US-Staat Georgia) aufwühlte, wurde auch in sozialen Medien heiß und kontrovers diskutiert. Viele fragen sich: Kann ein Kreideschriftzug, selbst wenn er provozieren mag, tatsächlich ein Trauma auslösen? Oder werden normale menschliche Schutz- und Abwehrreaktionen auf diese Weise pathologisiert?

Wachsende Empfindlichkeit

Der Fall steht nicht allein. An der renommierten Columbia Law School verschieben Jurastudenten ihr Abschlussexamen, weil ihnen ein Trauma bescheinigt wurde – ausgelöst durch einen Schock über die Freisprüche von weißen Polizisten, die zwei Afroamerikaner erschossen hatten.

Und im Staat New York unterrichtet eine Frau Trauma-Sensitives-Yoga: Ihr extrem widerspenstiges rotes Haar habe sie in ihrer Jugend traumatisiert, erläutert sie einer Zeitung. „Mit 13 Jahren kann einen ein Bad Hair-Day umhauen. Obwohl ich dies nie vergleichen würde mit jemandem, der missbraucht wurde, ist es eine Erfahrung, die meine Identität verändert hat und, zu jener Zeit, unerträglich war.“

Nick Haslam, Direktor des Instituts für Psychologie an der Universität Melbourne (Australien), sieht in solchen Beispielen Belege für eine wachsende Empfindlichkeit in vielen Teilen der US-Bevölkerung. „Wie wir ein Land wurden, in dem Bad Hair-Days und Wahlkampagnen-Schilder ein Trauma auslösen“, lautete jetzt der Titel seines Beitrags in der „Washington Post“.

Zugrunde liegt dem eine Arbeit mit dem Titel „Concept Creep“ (etwa: Konzept Einschleichen). Darin beschreibt Haslam, wie bisherige Definitionen von negativen und schmerzlichen Ereignissen ausgeweitet werden: So sei viel häufiger von Trauma und Missbrauch, mentaler Störung und Bullying, Vorurteil und Sucht die Rede als früher. Und diesen Begriffen würden auch mehr Phänomene untergeordnet. Diese Entwicklung sei ambivalent, meint Haslam.

In der Tat ist die Diagnose eines Traumas in den USA seit 2013 weiter gefasst. Zu dem Zeitpunkt wurde das offizielle Diagnosehandbuch, der von der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung herausgegebene Leitfaden für Seelische Leiden (DSM-5), aktualisiert.

Mit der Neuauflage werden nun auch einschneidende Ereignisse, die der Betroffene nicht am eigenen Leibe erlebt hat, als Kriterien für ein Trauma anerkannt. Ein solches kann verschiedene Beschwerden und Störungen zur Folge haben. Am bekanntesten ist die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS, engl: PTSD – Post Traumatic Stress Disorder).

Opfer fühlen sich missachtet

Dem Nationalen Zentrum für PTSD zufolge erleiden in den USA 60 Prozent der Frauen und 50 Prozent der Männer mindestens einmal im Leben ein Trauma. Bei sieben bis acht Prozent aller US-Amerikaner entsteht daraus eine PTSD – darunter mehr Latinos und Afroamerikaner als Weiße und Asiaten, zudem doppelt so viele Frauen wie Männer.

Innerhalb eines Jahres erleiden in den USA 3,5 bis 5,5 Prozent der Einwohner eine PTSD, in Europa und den meisten Ländern Afrikas, Lateinamerikas und Asiens liegt diese Quote bei nur 0,5 bis 2 Prozent. Belastbare Zahlen dazu, ob die Diagnosen von PTSD und anderen Traumafolgen mit Inkrafttreten des neuen Leitfadens zugenommen haben, gibt es bislang nicht.

Missachtet fühlen sich durch die zumindest semantische Ausweitung des Begriffes vor allem diejenigen, die tatsächlich ein schweres Trauma durchlitten haben: Frauen nach Vergewaltigungen etwa, oder Veteranen, die Kriegserlebnisse verarbeiten müssen und oft keine ausreichende Hilfe bekommen.

Kritiker kontern, dass „Concept Creep“ kulturelle Trends missachte. Schließlich sei größere Sensitivität, etwa für gesellschaftliche Benachteiligungen, eine wichtige und erfreuliche Errungenschaft. Zugleich mache sie jedoch auch mehr Menschen zu – pathologisierten – Opfern und andere zu – kriminalisierten – Tätern, gibt Conor Friedersdorf in „The Atlantic“ zu bedenken: „Überempfindlichkeit kann auch neue Verletzungen erzeugen.“

(dpa)

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