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Trotz vieler Experimente kein Durchbruch bei E-Comics

Für sehbehinderte Menschen wäre diese grafische Revolution ein Segen – die ist jedoch technisch zu schwierig oder nicht rentabel.

„Wormworld-Saga“  ist auch als E-Comic verfügbar (Foto: Daniel Lieske)

„Wormworld-Saga“ ist auch als E-Comic verfügbar (Foto: Daniel Lieske)

Experimente gibt es viele – auf den großen Durchbruch sogenannter E-Comics aber müssen die Fans der Bildergeschichten wohl noch eine Weile warten. Selbst große Comic-Verlage zögern, Comics für E-Book-Lesegeräte oder per App für Smartphones und Tablet-PCs im großen Stil anzubieten, wie auf dem bis zum Sonntag dauernden Comic-Salon in Erlangen deutlich wird. Einige Verlage verweisen auf technische Probleme. Andere bezweifeln schlicht die Rentabilität von E-Comics.

Grafische Revolution

Dabei eröffnet die Digitalisierung dem klassischen Comic nicht nur einen weiteren Vertriebskanal, sondern bietet auch in gestalterischer Hinsicht neue Möglichkeiten, ist Harald Scheuerl vom Hamburger Film- und Graphic Novel-Produzenten Filmtank überzeugt. Figuren und Szenen lassen sich in E-Comics animieren, Texte ein- und ausblenden und in verschiedenen Sprachen aufrufen. Für Sehbehinderte könnten Comics mit Sprachausgabe programmiert werden. „Selbst Musik können wir integrieren – ideal bei Klassik-Comics, wie der Oper ,Zauberflöte‘“, macht der Web-Comic-Experte deutlich.

Die Faszination digital präsentierter Comics ist beispielsweise bei dem Web-Comic „Wormworld-Saga“ von Daniel Lieske spürbar. Anstatt umzublättern, scrollt der Leser auf dem Bildschirm einfach weiter. Die Geschichte ist – anders als beim gedruckten Comic – nicht mehr von der Druckseite unterbrochen, sondern fließt dahin. Inzwischen hat Lieske den Comic auch für Tablet-PCs programmiert. Trotzdem ist für den Web- und E-Comic-Macher eine Frage noch immer nicht beantwortet: „Wie kann man mit einem Internet-Comic ein erfolgreiches Business-Modell aufbauen?“

E-Comics rechnen sich noch nicht

Warum derzeit mit E-Comics nicht das große Geld zu machen ist und deshalb nahezu alle Comic-Verlage weiter auf gedruckte Comics setzen, ist für David Boller von der Firma Virtual Graphics klar: „Für einen Comic-App bekommen wir zwischen 1,99 Euro und 3,99 Euro. Ein gedrucktes Comic-Buch kostet dagegen 15 Euro. Um dieselben Einnahmen wie bei Print zu erzielen, muss man bei E-Comics das Volumen vervielfachen“, berichtet Boller.

Trotzdem bemüht sich etwa der Stuttgarter Panini-Verlag darum, auch auf dem digitalen Comic-Markt am Ball zu bleiben. Allerdings beschränke sich der Verlag bisher darauf, bereits gedruckte Comics elektronisch als pdf-Datei anzubieten, berichtete Verlagsvertreter Ronald Schäffer. Eine im März eröffnete Digital-Bibliothek umfasst inzwischen 150 E-Comic-Titel. Die Panini-Manager haben dabei jene Verbraucher im Blick, die bisher gedruckte Comics links liegen ließen. Speziell für Smartphones oder Tablet-PCs entwickelte Comics bietet Panini aber noch nicht an.

Kleine Comic-Macher sind skeptisch

Noch Zeit lässt sich damit auch Panini-Konkurrent Carlsen. Auf App-Basis sind bei dem Verlag bisher nur Kinder-, Bilder- und Mädchenbücher erhältlich, berichtet die auch für Comics zuständige Marketingmanagerin Sonja Oberndorfer. Selbst Comics für E-Buch-Lesegeräte hat Carlsen bisher nicht im Programm. Bislang sei der Aufwand zu groß, Comics in digitale Form zu bringen. „Das 1:1-Umsetzen gedruckter Comics ist nicht befriedigend. Wir nehmen uns bewusst Zeit, um professionell einzusteigen, bis die Technik so weit ist“, berichtet Oberndorfer.

Kleinere, unabhängige Comic-Macher sehen die Entwicklung in Richtung E-Comic und Comic-Apps ohnehin skeptisch. Für den Tübinger Comic-Forscher Lukas Wild etwa hat diese Art der Digitalisierung nichts mehr mit dem im Internet präsentierten Web-Comic zu tun. Dabei habe nämlich noch jeder seinen Comic ohne großes technisches Verständnis auf seine Webseite stellen können. Bei der App-Technik sei inzwischen ein komplexes Know-how erforderlich, über das kaum noch ein kleinerer Comic-Macher verfüge. Daniel Lieske befürchtet auch wegen der hohen Investitionskosten, „dass den Kleineren bald die Luft ausgeht“.

(dpa)

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