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TV-Tipp: „Ein blinder Held“ – aufwühlendes ARD-Drama über NS-Zeit

Der Bürstenfabrikant Otto Weidt rettete in der Nazi-Zeit Juden vor der Deportation in die Konzentrationslager, darunter auch die bekannte Autorin Inge Deutschkron. Von Peter Claus

Edgar Selge und Henriette Confurius spielen die Hauptrolle in dem ARD-Dokudrama (Foto: DasErste)

Edgar Selge und Henriette Confurius spielen die Hauptrolle in dem ARD-Dokudrama (Foto: DasErste)

Über Otto Weidt haben wir jüngst bereits zwei Mal berichtet (Ein blinder Mann gegen die Nazis: Weidts Liste (und Liebe) und Der Bürstenfabrikant, der blinde und gehörlose Juden zu retten versuchte). Heute nochmals ein Hinweis aus aktuellem Anlass – am Montagabend zeigt die ARD den Film „Ein blinder Held – Die Liebe des Otto Weidt“.

Das Doku-Drama „Ein blinder Held – Die Liebe des Otto Weidt“ erzählt eine Geschichte aus der Nazi-Zeit, die zu Herzen geht: Der blinde Fabrikant Otto Weidt hilft seh- und hörgeschädigten Juden während des faschistischen Irrsinns. Er hilft mit Arbeit und einem Versteck in seiner kleinen Besen- und Bürstenfabrik auf einem Hinterhof in Berlin. Als seine geliebte Sekretärin nach Auschwitz verschleppt wird, macht sich der blinde Mann auf, um sie persönlich aus dem KZ zu befreien. Das klingt unglaublich, ist aber wahr. Am Montag um 21.45 Uhr zeichnet das „Erste“ in dem Doku-Drama „Ein blinder Held – Die Liebe des Otto Weidt“ das Geschehen nach.

„Er war ein unglaublich mutiger Mann“

inge-deutschkron-mein_leben_nach_dem_ueberleben-9783423307895In der Rosenthaler Straße 39 in Berlin-Mitte erinnert heute das Museum „Blindenwerkstatt Otto Weidt“ an den couragierten Mann. Während des Zweiten Weltkriegs hat er auch Inge Deutschkron einige Zeit Zuflucht und Hilfe gegeben. Im Gespräch mit der dpa erinnert sich die bekannte Autorin (Bild links) mit Respekt und Dankbarkeit an Otto Weidt: „Er war ein unglaublich mutiger Mann. Es war auch für ihn lebensgefährlich, in seiner Fabrik, ganz hinten, im letzten Raum, ein Versteck einzurichten. Leider ist das durch Verrat aufgeflogen.“

Feinsinnig spielt Edgar Selge die Rolle des Otto Weidt. Die jetzt 91-jährige Autorin Inge Deutschkron agiert in dem Film als Erzählerin (gespielt von Julia Goldberg). Dazu wurde sie von Sandra Maischberger, die im Film nicht auftritt, interviewt. Die Journalistin und TV-Moderatorin Maischberger sagt der dpa dazu: „Otto Weidt gibt es in unserer Erinnerung meiner Überzeugung nach nur deshalb, weil Inge Deutschkron ihn uns in Erinnerung gerufen hat. Sie ist eine hervorragende Erzählerin, ist in der Lage, jemandem wie mir all das, was geschehen ist, mit klaren Worten fassbar zu machen. Damit greift sie direkt in meine Gefühlswelt.“

Sandra Maischberger ist Co-Produzentin

Sandra Maischberger, die den Film auch mitproduziert hat, erzählt, warum sie sich für das Projekt engagiert hat: „Ich bin vor einiger Zeit mit meinem Sohn gegenüber seiner Schule über die Stolpersteine gegangen, die gerade gewienert wurden. Bei so einer Gelegenheit muss man erklären, was da passiert ist.“ Und sie ergänzt vehement: „Es ist mir schon ein Herzensanliegen, für diese Generation etwas weiterzutragen. Das klingt vielleicht ein bisschen pathetisch, aber es ist so.“

Pathetisch wird das von Kai Christiansen sensibel inszenierte Doku-Drama nie. Der Film verbindet die Erzählungen Inge Deutschkrons mit den nachgespielten Szenen auf kluge Art, malt nicht alle Details in vordergründigen Bildern aus, erklärt nicht jedes Gefühl in ausufernden Dialogen. Dabei gibt es Momente von großer Emotionalität. Aber sentimental wird es in keinem Moment. Die Montage aus Inge Deutschkrons Erzählung mit den Spielszenen ist äußerst wirkungsvoll.

Wissen, was und warum geschehen ist

Inge Deutschkron sagt zum fertigen Film: „Er ist für meine Begriffe sehr gelungen, weil er wirklich das ausdrückt, was ich möchte.“ Mit einem Nachsatz macht sie klar, dass es ihr nicht ums Erinnern an sich geht: „Mir ist es wichtig, dass die nächste Generation weiß, was geschehen ist. Denn wenn sie es nicht weiß, kann so etwas noch einmal passieren.“

Deutschkron sieht Filme wie „Ein blinder Held“ als eine Möglichkeit der Aufklärung, weiß aber, wie sie nachdrücklich betont, dass noch viel mehr geschehen sollte: „Wir müssen im Grunde genommen noch viel stärker forschen, um wirklich die Ursachen festzustellen, warum es so kommen konnte, dass zum Beispiel ein ganzes Volk plötzlich einer Verbrecherbande hinterher gelaufen ist.“

(dpa)

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