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TV-Tipp: Gemeinsam anders – Behinderte an der Gesamtschule

Der ARD-Film „Inklusion – gemeinsam anders“ (Mittwoch, 23.5., 20.15 Uhr) beschreibt das Dilemma ohne erhobenen Zeigefinger. Von Oliver Zimmermann

Albert (Florian Stetter) lässt sich von Steffi (Paula Kroh) überreden, ihre physiotherapeutischen Übungen mit ihr zu machen. (Foto: BR/Caroline Scharff)

(dapd/dpa) – Im Jahr 2006 verabschiedeten die Vereinten Nationen die „UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“, die eine Inklusion auf allen Ebenen der Gesellschaft fordert. Deutschland unterzeichnete diese Vorgabe im März 2009 und ist damit zu deren Umsetzung verpflichtet. Doch lässt sich die Eingliederung von Menschen mit Handicap einfach per Gesetz bestimmen?

Die Konvention der Vereinten Nationen ist klar: Menschen mit Behinderungen sollen alle Möglichkeiten erhalten, aktiv am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Eine wichtige Voraussetzung dazu ist Bildung, also sollen behinderte Kinder im Regelfall mit nichtbehinderten zusammen unterrichtet werden – die Sonderschule ist ein Auslaufmodell.

Fallstricke hinter dem Gesetz

Das ARD-Fernsehdrama „Inklusion – Gemeinsam anders“ zeigt am Mittwoch (23. Mai) um 20.15 Uhr im Ersten am Beispiel einer Gesamtschule, welche Fallstricke hinter dem Gesetzestext lauern. Deutlich werden sie vor allem dort, wo die Kassen leer sind und das gegenseitige Verständnis füreinander fehlt.

Beim Elternabend muss Klassenlehrer Albert Schwarz (Florian Stetter) das Inklusionskonzept der Schule verteidigen. Dabei ist er selbst mit der neuen Situation überfordert. (Foto: BR / Caroline Scharff)

Steffi (gespielt von Paula Kroh) ist intelligent, aber körperlich stark eingeschränkt. Sie sitzt im Rollstuhl und kann auch ihre Arme kaum bewegen. Paul (Max von der Groeben) ist wiederum sehr sportlich, aber dafür geistig zurückgeblieben.

Zudem neigt er zu ungewollten Gewaltausbrüchen. Bisher wurden die beiden Teenager aus dem normalen Schulbetrieb ferngehalten. Doch nun werden sie gemeinsam in die neunte Klasse einer Gesamtschule integriert. Ihr junger Klassenlehrer Albert Schwarz (Florian Stetter) ist von der Grundidee der Inklusion begeistert. Die Realität stellt ihn allerdings vor diverse Schwierigkeiten.

Begeisterung weicht der Ernüchterung

Der Oscar-nominierte Regisseur Marc-Andreas Bochert („Kleingeld“) beleuchtet das Thema Inklusion in seinem Drama von allen erdenklichen Seiten. Im Zentrum steht aber vor allem der von Florian Stetter gespielte Klassenlehrer, dessen Begeisterung für das Thema schnell einer gewissen Ernüchterung weicht. Viele Kollegen, aber auch Eltern, Klassenkameraden und sogar die beiden neuen Schüler selbst, sperren sich bisweilen dagegen.

Die Schule ist auf Behinderte zudem überhaupt nicht vorbereitet. Treppen, Brandschutztüren und Toiletten stellen besonders für Steffi unüberwindbare Hindernisse dar. „Inklusion. Integration. Neue Packung, alter Scheiß“, schimpft sie und wünscht sich auf ihre alte Förderschule zurück, wo alles behindertengerecht eingerichtet war und sie mit ihrem Rollstuhl nicht ständig auf Hilfe warten musste. Steffi gibt sich daher widerspenstig und grenzt sich damit zusätzlich aus. Kaum ein Mitschüler will etwas mit ihr zu tun haben.

Paul (Max von der Groeben) unter der Dusche nach dem Sport (Foto: BR/Caroline Scharff)

Mutlos und zynisch: Paula (Foto: BR/Caroline Scharff)

Paul hat es wiederum aufgrund seiner langsamen Auffassungsgabe schwer. Die anderen Schüler fühlen sich durch ihn ausgebremst. Zudem sorgen seine unkontrollierten Gewaltausbrüche für eine schwelende Gefahr. Im Grunde müsste der Junge einen ständigen Begleiter an seiner Seite haben. Doch dazu fehlt der Schule das Geld. Er sei „etwas langsam im Kopf“, sagt Paul. Meistens kommt er damit ganz gut klar, doch manchmal leidet er auch darunter, etwa wenn er in Mathe Probleme hat.

Film spart nicht an Kritik

Bocherts Film geht durchaus kritisch mit den Vorgaben aus der UN-Konvention um. Und wer sich ein bisschen umschaut, der bemerkt schnell, dass sich der Filmemacher damit gar nicht weit von der Realität entfernt. Inklusion ist in zahlreichen deutschen Regionen derzeit ein Thema. Viele Schulen wollen die Bestimmungen umzusetzen und Kinder mit Behinderungen in den Alltag eingliedern. Doch an konkreten Ansätzen und Umsetzungen hapert es an vielen Ecken und Enden. Zumal die Grundidee der Gemeinsamkeit Behinderter und nicht Behinderter erst in den Köpfen ankommen muss.

Das ARD-Drama ist ein weiteres Mittel, das Thema ins allgemeine Bewusstsein zu rücken. Dass der Streifen weder mit der Moralkeule schwingt noch von realen Problemfeldern ablenkt, kann der Sache dabei nur dienen. „Inklusion – Gemeinsam anders“ ist ein interessanter Film, der keine einfachen Lösungen anbietet und deshalb zum Nachdenken und Diskutieren anregt.

Derzeit gibt es in Deutschland knapp eine halbe Million Schüler mit erhöhtem Förderbedarf, von denen im vergangenen Schuljahr 22,3 Prozent in Regelschulen unterrichtet wurden, wie es in einer Studie der Bertelsmann Stiftung vom März heißt. Für die weitgehende Umsetzung der Inklusion in Deutschland müssten mehr als 9.300 zusätzliche Lehrer eingestellt werden, pro Jahr entstünden Kosten von rund 660 Millionen – das seien weniger als zwei Prozent der heutigen Gesamtkosten von Schule.

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