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TV-Tipp: Iraks vergessene Kriegsopfer

Interview mit der bekannten Fernsehjournalistin Antonia Rados, die für eine Reportage zwei Jahre lang das „Haus der Hoffnung“ in Amman besuchte.

Kriegsopfer im "Haus der Hoffnung" (Foto: RTL)

Die dreijährige Sari im „Haus der Hoffnung“ (Foto: RTL)

Vor zehn Jahren bombadierten die USA ausgewählte Ziele in Bagdad und stürzten den irakischen Diktator Saddam Hussein. Am 1. Mai 2003 erklärte US-Präsident George W. Bush den Krieg für beendet. Doch die Leiden der Bevölkerung sind bis heute nicht beendet – und werden von der Weltöffentlichkeit kaum noch registriert.

Der Nachrichtensender n-tv zeigt am Montag (8. April, 21.05 Uhr, „Frontlines“) eine Dokumentation der bekannten TV-Reporterin und Chefkorrespondentin der Mediengruppe RTL Antonia Rados über das „Haus der Hoffnung“, eine Klinik in Amman (Jordanien). Kriegsopfer, vor allem Frauen und Kinder aus dem Irak, aber auch aus Syrien werden dort behandelt. Bereits am Freitag berichtete Rados in einem „RTL Nachtjournal – Spezial“ über „Iraks vergessene Opfer“ im „Haus der Hoffnung“.

Im Ärzte-Team mit dabei: der deutsche Gesichtschirurg Dr. Andre Eckardt. Er kommt wochenweise nach Amman, um in der Klinik zu operieren, manchmal rund um die Uhr: „100 prozentige Heilung ist nicht möglich bei diesen schweren Verletzungen“, sagt der Arzt. So vielfältig wie die Schicksale der Menschen im „Haus der Hoffnung“ sind, so vielfältig sind auch ihre Emotionen. Einige sind wütend auf die Amerikaner, andere sind verzweifelt. Wieder andere finden zurück ins Leben und feiern sogar Feste.

Die meisten Patienten und Patientinnen im „Haus der Hoffnung“ erlitten durch Selbstmordattentäter oder Bomben schwere Gesichtsverletzungen. Einige wurden durch amerikanische „Präzisionsbomben“ verletzt. In der Klinik erhalten sie die komplizierten und langwierigen Behandlungen und Eingriffe, die im Kriegsgebiet nicht möglich sind.

Unter den Opfern: ein dreijähriges irakisches Kind, Sari. Eine Autobombe hat ihm Verbrennungen am ganzen Körper zugefügt. Auch Kifa, eine 23-jährige Irakerin, ist nach Jordanien geflüchtet. Sie wurde Opfer einer amerikanischen Präzisionsbombe. Auf einer alten Schreibmaschine schreibt sie Liebesgedichte, um die Beweglichkeit ihre Finger zu trainieren.

Im nachfolgenden Interview schildert Rados die Dreharbeiten und die Situation im Irak.

Interview: „Ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung“

Antonia Rados (Foto: dpa)

Antonia Rados (Foto: dpa)

Frau Rados, was ist das „Haus der Hoffnung“ in Jordanien?

Die Klinik ist ein Ort, an dem nichts anderes getan wird, als Kriegsverletzte zu behandeln. Seit 2006 wurden dort mehr als 2000 Menschen mit schwersten Verletzungen aufgenommen. Dort gibt es Taxifahrer, Hausfrauen, Kinder, Ingenieure und Ärzte, also ganz normale Leute, zufällige Opfer von amerikanischen Raketen oder Autobomben-Attentätern. Sie alle sind nach Jordanien geflohen, um sich behandeln zu lassen.

Der Ansturm ist mittlerweile so groß, dass die Klinik nicht alle Hilfesuchenden aufnehmen kann. Spezialisten aus aller Welt versuchen dort als Freiwillige den Opfern zu helfen.

Wie lange haben Sie gedreht?

Wir haben rund zwei Jahre im „Haus der Hoffnung“ gedreht. In dieser Zeit fuhr ich immer wieder nach Amman. Die gefilmten Szenen sind zum Teil hart, aber sie sind Teil des Krieges, wie wir ihn zunehmend sehen: Kriege ohne Fronten und ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung.“

Sie kündigen harte Bilder an – warum?

Weil die meisten Menschen wegschauen. Sie wollen die harte und vergessene Realität des Krieges, die so lange nachwirkt, nicht sehen.

Gibt es eine Geschichte, die Sie besonders berührt hat?

Das sind vor allem die Schicksale der Kinder. Mädchen und Jungen, die das Geschehene noch nicht verstehen können. Wie zum Beispiel der dreijährige Sari. Eine Autobombe im Irak hat ihm Verbrennungen am ganzen Körper zugefügt. Im „Haus der Hoffnung“ wird er von Spezialisten behandelt. Wie er brauchen viele der Menschen dort zahlreiche Operationen, bis sie wieder schmerzfrei leben können. Der Wiederherstellungsprozess ist mühselig und langwierig.

In Jordanien werden auch Zivilisten aus dem benachbarten Irak behandelt. Zehn Jahre liegt der Einmarsch der USA in den Irak nun zurück. Sie haben von Anfang an über die Zustände dort berichtet. Was hat sich aus Ihrer Sicht seither verändert?

Es ist eine zweideutige Bilanz. Im Norden und im Süden des Landes ist es relativ ruhig und friedlich. Das Hauptproblem ist Bagdad…

Warum?

Dort herrscht ein ständiger Kleinkrieg, und Autobomben erschüttern immer wieder den Alltag der Menschen. Der Krieg hat den Irak destabilisiert. Gemessen an den Ansprüchen der Amerikaner war der Krieg ein sinnloser Feldzug.

Natürlich war der Sturz der Diktatur eine gute Sache. Aber den Anspruch, dort eine Demokratie einzuführen, den haben die Amerikaner nicht erfüllt. Der einzelne Iraker hat keinen Machtzuwachs erfahren. Statt Demokratie herrschen in Teilen des Landes Chaos und Unsicherheit. Auch nach dem Abzug der amerikanischen Truppen ist der Irak noch immer ein Labor für Attentäter und Terroristen.

Wie beeinflussen die andauernden Spannungen im Irak den Alltag der Menschen?

Wie gesagt, es ist eine gemischte Bilanz. In einigen Teilen herrscht Frieden. In Bagdad hingegen gibt es noch immer keine hundertprozentige Stromversorgung. Und die Menschen leben dort in ständiger Angst vor Terroranschlägen.

Was lässt sich über die Regierung im Irak sagen?

Das Regime ist korrupt, und es fehlt an ausgebildeten Soldaten und Polizisten. Trotzdem sind viele Iraker froh über den Sturz Saddam Husseins und hoffen, dass die mächtigen Ölressourcen des Landes ihnen irgendwann zu Wohlstand und Frieden verhelfen.

Wie beurteilen Sie die Chancen auf einen baldigen Frieden im Irak?

Sehr viel hängt von den politischen Entwicklungen der Nachbarländer ab. Deren Konflikte bestimmen die Realitäten im Nahen Osten, wie der Bürgerkrieg in Syrien, der Konflikt um Atomwaffen im Iran, oder der Großkonflikt zwischen Sunniten und Schiiten in der Region. Es ist alles so komplex, dass der Irak keine Insel der Seligen sein kann. In diesem Umfeld kann sich das Land nur schwer stabilisieren.

(ots)

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