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Über das Vermächtnis von Brittany Maynard: „Die Welt ist ein schöner Ort“

Die 29-jährige wurde mit ihrem Tod zum Symbol der Sterbehilfe-Bewegung – nun hat ihre Mutter die bewegende Geschichte aufgeschrieben.

Das Video von Brittany Maynard geht im Herbst 2014 um die Welt. Das Gesicht der 29-Jährigen ist von starken Krebsmedikamenten geschwollen. Sie wischt Tränen weg, ihre Stimme ist entschlossen. „Ich hoffe, dass ich in Frieden sterben werde“, sagt die todkranke Amerikanerin. Als Termin hatte sie den 1. November gewählt

Mehr als 11 Millionen Menschen schauen sich das Video an. Die junge Frau wird zum Symbol der Sterbehilfe-Bewegung in den USA. In sozialen Netzwerken und in Kommentaren wird sie von einigen als Heldin bezeichnet und für ihren Mut gelobt. Andere dagegen rufen Maynard dazu auf, vom Suizid abzusehen. Ihre Mutter, Deborah Ziegler, hat die letzten Monate in Brittanys Leben hautnah miterlebt. Und nun auf mehr als 400 Seiten ergreifend aufgeschrieben.

Als Buchtitel wählt sie ein Zitat ihrer Tochter: „Die Welt ist ein schöner Ort“. Sie beschreibt den Weg ihres Kindes „in einen würdevollen Tod“. Schonungslos und offen schildert sie die Entscheidungen, Ängste und Schmerzen, die Brittany und ihre Familie durchlebten.

Rebellisch und abenteuerlustig

Brittany war auch ein rebellischer Teenager, eine abenteuerlustige Weltreisende und eine begeisterte Bergsteigerin. Ziegler, die lange alleinerziehende Mutter war, blickt auf ein bewegtes gemeinsames Leben zurück. Alles ändert sich, als die jung verheiratete Brittany am Silvesterabend 2013 mit starken Kopfschmerzen ins Krankenhaus kommt. Ein Gehirntumor. Die Ärzte operieren und geben ihr zunächst drei bis zehn Jahre. Doch der Krebs kommt noch aggressiver zurück. Ihre Lebenserwartung sinkt auf wenige Monate.

Nur zögerlich unterstützt die Mutter Brittanys Entscheidung für einen Umzug in den Nachbarstaat Oregon, damals einer von fünf US-Bundesstaaten, in denen Sterbehilfe erlaubt ist. Es gibt auch noch schöne Momente, wie gemeinsame Reisen nach Alaska und an den Grand Canyon, doch die Symptome verschlimmern sich.

Brittany Maynard und ihr Ehemann Dan Maynard am 29. September 2012 bei ihrer Hochzeit in den USA. (Foto: Tara L. Arrowood/dpa)

Brittany Maynard und ihr Ehemann Dan Maynard am 29. September 2012 bei ihrer Hochzeit in den USA. (Foto: Tara L. Arrowood/dpa)

Ziegler beschreibt einen der vielen Krampfanfälle ihrer Tochter. Erschütternd sind auch die Passagen über Wutausbrüche der Kranken, bei denen sie ihre Mutter tätlich angreift. „Ich glaube, dass der Tumor in ihrem Gehirn sehr viel verändert an. Bei meinen Recherchen für das Buch lernte ich, dass Menschen mit Gehirntumoren ihr Verhalten ändern, sie können aggressiv werden, viel schimpfen und sogar tätlich werden. Auch die Nebenwirkungen der Medikamente können eine Rolle spielen. Ich habe Brittany völlig gewaltfrei aufgezogen. Als sie am Ende plötzlich tätlich wurde und mich schlug, wusste ich, dass wir an einem Wendepunkte in der Reise angekommen waren“, sagt Ziegler.

Kalifornien hat inzwischen Sterbehilfe legalisiert

Mitte Oktober nimmt Brittany eine lange Video-Botschaft auf, in der sie darum bittet, dass allen Menschen ärztliche Sterbehilfe und ein würdevoller Tod ermöglicht wird. Alle sind am Ende des Drehtages erschöpft, schreibt Ziegler: „,Momma.‘ Sie griff nach meiner Hand. ,Bei meiner Diagnose kann mein Leben nicht besser sein, als es jetzt ist. Was wir hier in diesem gelben Häuschen tun, ist das Beste, was möglich ist.‘“

„Brittany hatte genau festgelegt, wie ihr Sterben ablaufen sollte, wen sie im Zimmer haben wollte, wer wo sein sollte und was sie hören wollte.“ Auf wenigen Seiten schildert Ziegler den letzten Tag im Leben ihrer Tochter. Wie sie das tödliche Betäubungsmittel schluckt. Sie stirbt in ihrem Bett, mit ihrer Mutter, ihrem Mann sowie Freunden und Verwandten an ihrer Seite.

Sie habe ihrer Tochter versprochen, den Kampf für ein würdevolles Sterben fortzuführen, sagt Ziegler. Die in Kalifornien lebende Buchautorin hält Vorträge, spricht mit Betroffenen, Ärzten, Politikern. „Brittany wollte mir eigentlich lieber Enkel schenken und mich zur Großmutter machen, aber das Leben hat uns anders mitgespielt. Ihr war es wichtig, dass ihre Geschichte viele Menschen erreicht“, erklärt die Mutter. Einer der Wünsche ihrer Tochter hat sich bereits erfüllt: Brittanys Heimatstaat Kalifornien hat die ärztlich begleitete Sterbehilfe inzwischen legalisiert – begleitet allerdings von Protesten unter anderem von Behindertenverbänden. In zahlreichen anderen US-Staaten sind ähnliche Gesetzesänderungen eingebracht worden.

„Die Welt ist ein schöner Ort“ ist keine leichte Lektüre. Das räumt Ziegler in unserem Interview sofort ein. „Das (Schreiben) war nicht leicht, denn jeder wünscht sich einen schönen Tod, wie in einem Märchen. Aber das ist nicht die Wahrheit“, sagt die 60-Jährige „Wir müssen offen über diese Dinge reden, denn wenn wir schweigen, machen wie die Sache nur schlimmer. Ich wollte genauso freimütig sein, wie es Brittanys Art war. Sie hat nie etwas beschönigt, sie war sehr direkt und ehrlich.“

Kampf für ein würdevolles Sterben: „Meine Tochter wollte leben

Interview mit Brittany Maynards Mutter Deborah Ziegler. Die Autorin wurde 1956 in Albuquerque (US-Staat New Mexico) geboren. Sie studierte Pädagogik und unterrichtete fünfzehn Jahre lang Englisch und Naturwissenschaften. Sie trennte sich früh von Brittanys Vater und zog ihr einziges Kind allein auf. Derzeit lebt sie mit ihrem Mann Gary im kalifornischen Carlsbad und hält Vorträge über selbstbestimmtes Sterben. Die Fragen stellte Barbara Munker.

Deborah Ziegler (l.) und ihre Tochter Brittany Maynard im Juni 2008. (Foto: Deborah Ziegler/Politycki & Partner/dpa)

Deborah Ziegler (l.) und ihre Tochter Brittany Maynard im Juni 2008. (Foto: Deborah Ziegler/Politycki & Partner/dpa)

Woher kommt der Titel für Ihr Buch „Die Welt ist ein schöner Ort“?

Brittany glaubte fest daran, dass die Welt ein schöner Ort ist. Das schrieb sie auch in ihren Abschiedsworten auf Facebook. Sie sagte zu mir: „Mom, bitte werde nicht bitter und hart nach meinem Tod. Die Welt ist wunderschön.“ Ich habe mir nach ihrem Tod die Worte „Be Soft“ (Sei sanft) auf das Fußgelenk tätowieren lassen, als Erinnerung daran, nicht bitter zu werden. Ich klammere mich an die Schönheit dieser Welt, die Brittany wirklich nicht verlassen wollte. Für sie gab es noch so viel zu sehen und zu erleben.

Wie stark war der Lebenswille Ihrer Tochter?

Brittany wurde wütend, wenn Leute sagten, sie würde Selbstmord begehen. Sie sagte: „Nein, ich möchte leben, ich will nicht sterben, aber ich bin am Sterben.“ Wir haben nie von Selbstmord gesprochen, sondern von ärztlicher Beihilfe beim Sterben. Der Arzt hat ihr nicht die Medikamente verabreicht, der Patient muss sie selbst zu sich nehmen. Brittany hatte Angst davor, dass sie nach einem besonders schweren Krampfanfall vielleicht nicht mehr in der Lage sein würde, selber die Medikamente zu nehmen.

Brittany hat recht schnell nach ihrer Diagnose den Entschluss gefasst, nach Oregon zu ziehen, um dort Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. War das für Sie schwer zu akzeptieren?

Brittany war sich sehr schnell sicher. Sie holte viele Informationen ein und verstand, was der Krebs in ihrem Gehirn anrichten würde. Sie wusste auch, dass sie ihre Familie und Freunde von deren Tagträumen abbringen musste. Die Wahrheit nicht erkennen zu wollen, ist ein großes Problem für die Angehörigen. Das haben mir bei den Recherchen für das Buch auch viele Ärzte und Psychologen bestätigt. Wir haben lange auf ein Wunder gehofft und nach alternativen Therapien gesucht. Ich will den Lesern vermitteln, wie schwer es für uns war, die Realität zu akzeptieren. Irgendwann haben wir es kapiert. Dann haben wir unsere Tochter in den Arm genommen und ihr gesagt, dass wir verstehen, dass sie wohl sterben wird. Wir würden die Hoffnung noch nicht ganz aufgeben, aber gleichzeitig Pläne für das Ende machen.

Brittany Maynard (2.v.r.) am 20. Oktober 2014 mit ihrem Ehemann Dan (r.) sowie ihrer Mutter und ihrem Stiefvater vor der Schlucht des Grand Canyon. Die an einem aggressiven Hirntumor leidende US-Amerikanerin erfüllte sich damit vor ihrem Tod einen großen Wunsch. (Foto: www.brittanymaynardfund.org/dpa)

Brittany Maynard (2.v.r.) am 20. Oktober 2014 mit ihrem Ehemann Dan (r.) sowie ihrer Mutter und ihrem Stiefvater vor der Schlucht des Grand Canyon. Die an einem aggressiven Hirntumor leidende US-Amerikanerin erfüllte sich damit vor ihrem Tod einen großen Wunsch. (Foto: www.brittanymaynardfund.org/dpa)

Wie war der letzte Tag in Brittanys Leben? Sie war von Familie und engen Freunden umgeben.

Das war ein surrealer Tag, denn wir wussten ja, wie er enden würde. Die in der Welt zurückbleiben würden, waren völlig benommen. Brittany hat uns alle darum gebeten, positiv zu sein und nicht zu weinen. Wir hatten wunderschönes Wetter und machten einen Spaziergang durch den Wald. Brittany hatte immer jemanden an ihrer Seite, auch um aufzupassen, dass sie nicht stürzte. Sie wollte unbedingt noch einmal in der Natur sein. Ich fragte sie, ob sie den Termin nicht doch noch verschieben wollte, aber sie sagte ganz ruhig und entschlossen, „Mommy, heute ist der Tag.“

Im Bett schrieb sie noch Abschiedsbriefe, dann nahm sie die Medizin zu sich. (…) Ich las währenddessen ihre Lieblingsgedichte vor, das hatte sie sich gewünscht. Das Schwerste war, nicht zu weinen, aber das hatte ich ihr versprochen. Brittany fand vorab bei ihren Recherchen heraus, dass das Gehör bei Sterbenden noch am längsten funktioniert. Sie wollte auf keinen Fall da liegen und hören, wie sich die Anwesenden fragten, ob sie schon tot sei. Daher ihr Wunsch, dass ich Gedichte vorlese.

Brittany hat sich für ein würdevolles Sterben eingesetzt. Wie würden sie das Vermächtnis Ihrer Tochter beschreiben?

Ich bin sehr stolz auf meine Tochter. Sie hat eine entscheidende Wende herbeigeführt. (…) Brittany hat uns mutig in die Augen geschaut und offen über das Sterben gesprochen. Sie hat damit Menschen in aller Welt bewegt und ihnen vermittelt, dass es ein grundlegendes Menschenrecht ist, friedlich zu sterben. Sie hat sich hingestellt und gesagt, ich kämpfe für mein Recht. Ich lasse mich nicht vom Tod quälen. Das war oft nicht leicht, aber sie hat es auf eine wunderbare Weise geschafft, in Frieden zu sterben.

Vielen Dank für das Gespräch.

Sterbehilfe in Deutschland
In Deutschland ist aktive Sterbehilfe verboten. Wer jemanden auf dessen Wunsch tötet, wird mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft. Passive Sterbehilfe durch das Abschalten von Apparaten und indirekte Sterbehilfe, bei der starke Medikamente Schmerzen lindern und als Nebenwirkung das Sterben beschleunigen, sind zulässig. Auch ist es erlaubt, ein Medikament zur Selbsttötung bereitzustellen, das der Betroffene selbst einnimmt. Kürzlich entschied das Bundesverwaltungsgericht, dass in Einzelfällen der Zugang zu solchen Medikamenten nicht verwehrt werden darf. Verboten ist es bislang allerdings, Sterbehilfe als Dienstleistung anzubieten.

(RP/dpa)

Deborah Ziegler: „Die Welt ist ein schöner Ort – Der Weg meiner Tochter in einen würdevollen Tod“, erscheint am Montag, 20. März 2017, im Goldmann-Verlag. (Gebundene Ausgabe: 448 Seiten, ISBN-10: 3442314305, ISBN-13: 978-3442314300; 22 Euro)

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