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Überraschender Führungswechsel bei Knochenmarkspenderdatei DKMS

Claudia Rutt und Peter Harf gaben Tausenden Blutkrebspatienten Hoffnung. Jetzt ziehen sich beide zurück – die Gründe bleiben unklar. Von Marc Herwig

Claudia Rutt bei einem Ball im Berliner  Ritz-Carlton (Foto: Jens Kalaene/dpa)

Claudia Rutt bei einem Ball im Berliner Ritz-Carlton (Foto: Jens Kalaene/dpa)

Bei der weltgrößten Knochenmarkspenderdatei DKMS in Tübingen haben sich die wichtigsten Gründungsmitglieder überraschend aus dem operativen Geschäft zurückgezogen. Claudia Rutt, die die Deutsche Knochenmarkspenderdatei seit 1991 federführend aufgebaut hat, hat ihren Posten als Geschäftsführerin abgegeben.

Dies sagte ein Sprecher am Donnerstag auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa. Rutt war 2010 nach einem heftigen internen Richtungsstreit schon einmal als DKMS-Chefin abgetreten, sie kehrte dann aber vor gut einem Jahr zurück.

Auch Peter Harf nicht mehr im Tagesgeschäft

Auch Mitbegründer Peter Harf habe sich aus dem operativen Geschäft zurückgezogen, bleibe aber Vorsitzender der DKMS Stiftung Leben, sagte der Sprecher. Inhaltliche Gründe für den Wechsel nannte er nicht. „Dieser Wechsel ist im Einvernehmen als Strategie ausgearbeitet worden.“

Peter Harf und Katharina Harf in New York (Foto: Sylvain Gaboury/PR Photos)

Peter Harf und Katharina Harf in New York (Foto: Sylvain Gaboury/PR Photos)

Die Personalentscheidung sei intern mit allen Beteiligten von langer Hand vorbereitet worden. Betroffen von dem Wechsel ist auch Elke Neujahr, die erst vor wenigen Monaten zur Co-Geschäftsführerin neben Rutt berufen worden war und ihren Job nun ebenfalls abgibt.

Bisher der Öffentlichkeit verschwiegen

Der Wechsel habe schon vergangene Woche stattgefunden, sagte der Sprecher auf Nachfrage. Die DKMS habe aber entschieden, dies nicht aktiv zu kommunizieren. Auch auf der Internetseite waren Rutt und Neujahr am Donnerstag noch als Geschäftsführerinnen genannt.

Die DKMS hat das Ziel, womöglich lebensrettende Stammzellspender für Blutkrebspatienten zu finden. Seit ihrer Gründung vor 20 Jahren ist die Datei rasant gewachsen und zur größten Knochenmarkspenderdatei der Welt geworden. Derzeit sind knapp 3,8 Millionen Menschen als potenzielle Spender registriert. Mehr als 36.000 von ihnen haben bereits Stammzellen gespendet und einem Leukämiepatienten damit womöglich das Leben gerettet.

Wie es mit der DKMS anfing

Auslöser für die Gründung der DKMS war 1990 die Leukämie-Erkrankung von Mechtild Harf. Weil für sie damals kein passender Knochenmarkspender gefunden wurden, riefen ihre Schwägerin Claudia Rutt und ihr Ehemann Peter Harf die DKMS ins Leben und trieben jahrelang den rasanten Wachstumskurs der Gesellschaft voran.

Erst am Dienstag hatte Rutt ein Buch über die Geschichte der DKMS veröffentlicht. Darin geht sie erstmals auch ausführlich auf die Zerwürfnisse in der DKMS-Führung ein, deretwegen sie 2010 ihren Hut als Geschäftsführerin genommen hatte. Nachdem die gesamte DKMS jahrelang vor allem auf ihre eigene Person zugeschnitten gewesen sei, hätten Pläne für eine neue Führungsstruktur 2010 zu einer „Misstrauenskrise“ im Verwaltungsrat geführt, schreibt Rutt in „Alle gegen einen“ (Murmann-Verlag).

Krach hinter den Kulissen

„Das Zerwürfnis innerhalb der Führung entwickelte eine solche Eigendynamik, dass nur ein radikaler Schnitt für Klärung sorgen konnte. Die Spannungen waren für mich emotional unerträglich geworden. Ich nahm meinen Hut“, erzählt Rutt. Rund zwei Jahre später kehrte sie in alter Position zur DKMS zurück. Wieder ein Jahr später tritt sie nun erneut ab.

Was Rutt für ihre berufliche Zukunft plant, sagte der DKMS-Sprecher nicht. Mit ihrem Buch wolle sie nun aber trotzdem auf Lesereise gehen – „als Mitbegründerin und langjährige Geschäftsführerin der DKMS“. Die erste Lesung ist am Montag in Tübingen.

Claudia Rutt, Gordon Müller-Eschenbach: „Alle gegen einen. Unser Kampf gegen den Krebs“, Murmann-Verlag, Hamburg 2013, 248 Seiten, 17,90 Euro, ISBN 978-3867742887

(dpa)

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