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Ulvi Kulac: Lebenslänglich weggesperrt?

Warum die Wende im Fall Peggy für den geistig behinderten Mann nicht automatisch die Freiheit bedeuten muss.

Kulaç mit seinem Rechtsanwalt Euler (Foto: Initiative Gerechtigkeit für Ulvi Kulaç)

Kulaç mit seinem Rechtsanwalt Euler (Foto: Initiative Gerechtigkeit für Ulvi Kulaç)

Seit Gustl Mollath wissen wir: In eine bayerische psychiatrische Klinik eingesperrt zu werden, kann bedeuten, sehr, sehr lange weg zu bleiben. Da wieder raus zu kommen, dürfte für einen Menschen, der als geistig behindert gilt, erst recht schwierig sein.

Vor einiger Zeit fragte sich auch ROLLINGPLANET: Kann ein Mensch mit kognitiven Störungen einen sogenannten perfekten Mord ohne jegliche Spuren und Zeugen begehen? Ein Verbrechen, bei dem die Leiche trotz Wärmebildkameras in Tornados, die über den mutmaßlichen Tatort flogen, nicht zu finden ist? Ja, urteilte 2004 ein Richter, der sich auf ein fragwürdiges und mehrfach widerrufenes Geständnis des Angeklagten stützte.

Die Rede ist vom Fall Peggy Knobloch. Die 9-Jährige verschwand im Mai 2001 in Lichtenberg (1.100 Einwohner, Oberfranken in Bayern). Ihre Leiche fand man nie. Trotzdem verurteilte das Landgericht Hof Ulvi Kulac (Intelligenzquotient: 67, dies entspricht laut WHO-Klassifizierung etwa dem Intelligenzalter eines neun- bis zwölfjährigen Kindes) wegen Mordes. Er soll angeblich Peggy auf dem Heimweg von der Schule erwürgt haben, um einen sexuellen Missbrauch zu vertuschen.

Das vermisste und wahrscheinlich tote Mädchen Peggy (Foto: dpa)

Das vermisste und wahrscheinlich tote Mädchen Peggy (Foto: dpa)

Große Zweifel an Kulacs Schuld

Kulac hatte nach tagelanger Befragung durch Polizeibeamte, oft ohne Anwalt, ein Geständnis abgelegt und später widerrufen. Das Geständnis gibt es nicht auf Band. Ausgerechnet in diesem Augenblick, sagten die Polizisten, sei das Tonband ausgefallen. Inzwischen vermuten viele, dass die Beamten einen Menschen mit Behinderung alles andere als fair und rechtskonform behandelten.

Viele Bürger in Lichtenberg haben seit langem Zweifel daran, dass der heute 35 Jahre alte Kulac tatsächlich der Täter ist. Sie gründeten eine Bürgerinitiative, die sich für seine Freilassung einsetzt. Fahrt in die Angelegenheit kam, als der Frankfurter Rechtsanwalt Michael Euler im Frühjahr beim Landgericht Bayreuth einen Wiederaufnahmeantrag im Fall Peggy einreichte.

Der Verteidiger ist von der Unschuld von Kulac überzeugt, nachdem er sich durch 38 Aktenordner mit Dokumenten und Protokollen durchgearbeitet hatte. Dabei sei er zu der Erkenntnis gekommen, dass Kulac Peggy nicht getötet haben kann. Der Anwalt wirft der Justiz vor, Tatsachen oder Beweismittel verdreht zu haben. Außerdem hätten Zeugen bei Vernehmungen vorsätzliche Falschaussagen gemacht.

Eine Wende mit einem Altbekannten

In dem Fall Peggy gibt es nun eine Wende. Wie der Oberstaatsanwalt am Dienstag mitteilte, steht jetzt ein Familienfreund im Fokus der Ermittler. Es handelt sich dabei laut „Bild“ um den 29-jährigen Holger E. aus Halle (Sachsen-Anhalt). Er zählte bereits zum Tatzeitpunkt zu den Verdächtigen.

Der seinerzeit 17-Jährige konnte jedoch ein – wie sich inzwischen herausstellte – falsches Alibi vorweisen. Der offensichtlich Pädosexuelle war in Peggy verknallt. Nach dem Geständnis von Kulac hatten die Polizisten aufgehört, bei Holger E. nachzuforschen.

Holger E. sitzt bereits im Knast – im Februar 2013 wurde er zu sechs Jahren Haft verurteilt, weil er sich an seiner zwei Jahre alten Tochter vergangen hatte. Angeblich hat er sich in seiner Zelle ein großes Foto von Peggy aufgehängt.

Dass die Polizei nun wieder Holger E. im Visier hat, gilt als Verdienst zweier Journalisten – Ina Jung und Christoph Lemmer haben in ihrem Buch „Der Fall Peggy – Die Geschichte eines Skandals“ (Droemer, München, 322 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-426-27611-2) Holger E. als den wahrscheinlichen Mörder beschrieben. Wie Euler werfen Jung und Lemmer den Ermittlern unter anderem manipulative Verhörmethoden vor – was bei einem geistig behinderten Menschen nicht allzu schwer fallen dürfte.

Gustl Mollath lässt grüßen

Selbst wenn nun Holger E. überführt würde – muss das noch nicht die Freiheit für Kulac bedeuten. Stand derzeit laut Oberstaatsanwaltschaft: Kulac sei gar nicht wegen Mordes im Gefängnis („momentan wird die lebenslange Haftstrafe nicht vollstreckt“). Stattdessen sei Kulac wegen des mehrfachen sexuellen Missbrauchs von Kindern in einer psychiatrischen Klinik, dem Bezirkskrankenhaus Bayreuth, untergebracht. Diese Taten seien unbestritten.

Würde alles zwar nicht mit rechten Dingen, aber logisch zugehen, bedeutete dies: Ändert die Justiz – ähnlich wie lange Zeit im Fall des inzwischen aus der Zwangspsychiatrie entlassenen Gustl Mollath – nicht ihren Standpunkt, käme Kulac nicht mehr raus – egal, ob der wahre Mörder von Peggy gefunden wird oder nicht.

Die Bürgerinitiative von Lichtenberg bezweifelt, dass die dauerhafte Unterbringung Kulacs in einer Psychiatrie rechtmäßig ist, da ihm lediglich exhibitionistische Handlungen und „gegenseitiges Betatschen“ vorgeworfen wurden. Dies rechtfertige nicht das möglicherweise lebenslängliche Wegsperren eines geistig behinderten Menschen, so Gudrun Rödel von der Bürgerinitiative.

(RP)

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