Umfrage: Behinderte Viertklässler fühlen sich gut aufgehoben

Die meisten wollen keinen Schulwechsel: „Die Diskussion der gemeinsamen Beschulung ist nicht ihr Hauptthema“.

Kultusministerin Nicola Beer (FDP) (Foto: dapd)

Drei von vier hessischen Viertklässlern mit Behinderung oder Beeinträchtigung fühlen sich in ihrer Schule wohl. Die zeigt eine Studie der Hessenstiftung „Familie hat Zukunft“, die am Montag veröffentlicht wurde. Befragt wurden im September 67 Kinder von neun und zehn Jahren. Sie besuchen neun Förderschulen und sechs integrative Grundschulen.

Die Hessenstiftung kommentierte: „Es wurde deutlich, dass die in der aktuellen Diskussion vorherrschende Frage der gemeinsamen Beschulung nicht das Hauptthema der Viertklässler ist.“ Ein Schulwechsel steht für die Befragten mehrheitlich nicht zur Diskussion. Lediglich 14 Prozent der Befragten, das heißt zwei Kinder von einer integrativen Grundschule und sieben Kinder, die eine Förderschule besuchen, würden lieber in eine andere Schule gehen.

Einen Schulwechsel wünschen sich die meisten nicht, sie erwarten aber Hilfe in der Familie, unter anderem bei den Hausaufgaben. Darüber hinaus wollen die Kinder mehrheitlich viel Zeit mit ihren Familien verbringen. Dazu sagte der hessische Sozialminister Stefan Grüttner (CDU): „Mehr Zeit für die Kinder zu haben ist überhaupt die notwendige Voraussetzung für eine kinderfreundliche Gesellschaft, in der Jungen und Mädchen mit und ohne Behinderungen gleichermaßen zuhause sein können.“ Deshalb müsse weiter nach Wegen gesucht werden, Mütter und Väter so zu entlasten, dass sie diese Aufgaben wahrnehmen könnten.

Individuelle Förderung zählt

Für Veränderungswünsche stand beispielhaft die Aussage eines Jungen mit Lernbeeinträchtigung auf einer integrativen Grundschule: „Ich wünsche mir einen eigenen Stundenplan, ganz für mich.“ Diesen Wunsch griff Kultusministerin Nicola Beer (FDP) in ihrer Stellungnahme auf: „Schüler mit Behinderungen brauchen sehr individuelle Förderung, mehr noch als Kinder ohne Behinderungen. Hier liegt der Schlüssel für die Weiterentwicklung der sonderpädagogischen Förderung und für den inklusiven Unterricht in Hessen.“

Eltern hätten für ihr Kind mit Förderbedarf die Wahl: „Ob Förderschule oder Regelschule mit individueller Förderung – es wird nicht über die Köpfe der Eltern hinweg entschieden“, betonte die Ministerin. Inklusion sei ein gesamtgesellschaftlicher Prozess, die Bildung nur ein Teil davon.

Eine nach den Studienergebnissen bei den Kindern beliebte Freizeitbeschäftigung ist das Backen und Kochen. Der Schülerwettbewerb „An die Töpfe, fertig, los! Freundschaft geht durch den Magen“, den das Hessische Kultusministerium gemeinsam mit der Lebenshilfe Hessen und der Hessenstiftung ausgeschrieben hatte, setzte diese Erkenntnis in der ersten Jahreshälfte 2012 bereits um. Insgesamt 26 Schülergruppen aus ganz Hessen durften einmal kochende Gastgeber sein und sich dann als Gäste verwöhnen lassen. Die sich gegenseitig einladenden Schülergruppen bestanden jeweils aus einer Förderschule beziehungsweise einer Schule mit Gemeinsamen Unterricht und einer allgemeinbildenden Schule.

Im kommenden Jahr wolle die Hessenstiftung das Inklusionsbarometer als repräsentative Befragung von Kindern mit und ohne Behinderungen durchführen, sagte Grüttner. Er erhoffe sich noch genauere Antworten darauf, ob das schulische Wohlbefinden der Kinder bestätigt werden könne und ob Kinder mit Behinderungen ein gesteigertes Bedürfnis nach Selbstständigkeit hätten.

(dapd-hes)

Details zur Umfrage

Im September 2011 befragten fünf Interviewerinnen vom PROSOZ Institut für Sozialforschung – PROKIDS an 15 hessischen Schulen (neun Förderschulen und sechs integrative Grundschulen) Kinder mit Behinderungen oder Beeinträchtigungen im Alter von 9 bis 10 Jahren. Von den 67 befragten Kindern sind 63 Prozent Jungen und 37 Prozent Mädchen. 10 Prozent der Kinder, die an den Interviews teilgenommen haben, weisen eine Mehrfachbehinderung auf.

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