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Umstrittene Hüftprothesen: Was muss ich wissen?

Vorwürfe über vermeintlich überflüssige Operationen, ein Skandal um Metall-Hüftprothesen, verunsicherte Patienten: Orthopädische Chirurgen müssen wichtige Fragen beantworten.

Professor Christoph Lohmann

Klare Worte über umstrittene Hüftprothesen: „Das Problem konnte vorher nicht erkannt werden, wir müssen retrospektiv (rückwirkend) aus diesen Schadensfällen lernen“, sagt Professor Christoph Lohmann, Präsident der Jahrestagung der Norddeutschen Orthopäden- und Unfallchirurgenvereinigung (NOUV). Gemeint sind Patienten, bei denen Metall-auf-Metall-Hüftprothesen zu Schäden im Gewebe geführt hatten. Die Sicherheit von Implantaten war eines der Themen auf dem Kongress in Hamburg, von Donnerstag bis Samstag trafen sich mehr als 1000 Experten.

Nach Analysen von Patientenregistern hatten britische Wissenschaftler im März gefordert, die Prothesen zu verbieten, bei denen Metall auf Metall gleitet. Sie hatten Daten von 31.000 Patienten mit solchen Implantaten vorliegen. Durch Abrieb an dem Metall könnten Ionen austreten und Entzündungen des Gewebes verursachen. Kritisiert wurden vor allem sogenannte Großkopfprothesen. Bei anderen Implantaten wird Polyethylen oder Keramik verwendet.

23.000 von 200.000 Prothesen ausgetauscht

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn fordert eine europäische Arbeitsgruppe zu diesem Thema, um produktübergreifende Beurteilungen machen zu können. Nach Angaben eines Sprechers hatte das Institut bereits vor einiger Zeit den Vermarktungsstopp einer entsprechenden Hüftprothese empfohlen. Umsetzen könnten so ein Verbot jedoch nur die Überwachungsbehörden in den Bundesländern. Im Jahr 2009 wurden in Deutschland mehr als 200.000 künstliche Hüften eingebaut. Mehr als 23.000 Prothesen mussten gewechselt werden.

Der Markt der umstrittenen Implantate habe sich inzwischen in Deutschland selbst bereinigt, sagt Professor Michael Morlock von der Technischen Universität Hamburg-Harburg, Experte für die Sicherheit von künstlichen Gelenken. Seien vor einiger Zeit etwa bei 5 Prozent der Patienten solche Prothesen eingesetzt worden, so liege der Marktanteil jetzt bei etwa 0,1 Prozent. „Bei der Konstruktion haben die Ingenieure in ihren Simulatoren nicht daran gedacht, dass diese Prothesen nicht immer perfekt positioniert werden können unter OP-Bedingungen an echten Menschen“, erklärt Morlock. Die Prothesen hätten gut eingesetzt auch Vorteile, etwa einen größeren Bewegungsumfang oder weniger Verschiebungen.

Endprothesenregister liefert Zahlen

Die Fachgesellschaften haben nun Empfehlungen erarbeitet, wie engmaschig die jeweiligen Patienten überwacht werden sollten, die diese Produkte erhielten. Sie sollten sich bei ihrem Arzt erkundigen, nicht bei allen komme es zu vorzeitigen Problemen. Nach Auskunft von Tagungspräsident Lohmann haben mehr als 95 Prozent der Hüftimplantate eine Lebensdauer von mehr als zehn Jahren, die Komplikationsrate sei mit unter zwei Prozent sehr gering. Unabhängige Daten könnte das Register liefern.

Daten über die Gesamtzahl der Kunstgelenke sammelt das Endoprothesenregister Deutschland (Webseite: www.eprd.de), das von Industrie, Krankenkassen und Fachgesellschaften betrieben wird. Mit dem Register soll es möglich werden, mehr über die Gründe von Wechseloperationen zu erfahren, ob es zu Schäden gekommen ist, oder ein vorzeitiger Verschleiß des Gelenks vorliegt. Derzeit läuft immer noch die Testphase.

Generell mahnen die Experten vor zu hohen Ansprüchen der Patienten. „Wir kommen mit unseren Materialien an die Grenzen der biomechanischen Belastbarkeit, weil die Patienten beispielsweise auch mit einem künstlichen Gelenk 200 Kilometer Rad fahren wollen», sagt Prof. Carsten Perka, Vorsitzender der NOUV. „Es ist eine
gesellschaftspolitische Frage, ob wir das ermöglichen wollen.“

(Christiane Löll/dpa)

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