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Umstrittene Reisewarnung: Keiner mehr soll nach Warstein kommen

Die Behörden empfehlen, die Stadt in Nordrhein-Westfalen zu meiden. „Montgolfiade“ abgesagt.

Ankündigungsfoto zur Montgolfiade in Warstein (Foto: WIM)

Ankündigungsfoto zur Montgolfiade in Warstein (Foto: WIM)

Reisewarnung – das kennen wir doch eher von exotischen Urlaubszielen und Kriegsschauplätzen? Aber dass wir eine Stadt in Deutschland meiden sollen? Genau das gilt jetzt für Warstein – und bei dieser Empfehlung hat niemand ein Bier zu viel getrunken.

Schon seit drei Wochen leidet die Stadt im Sauerland unter den Legionellen. Mittlerweile sind 150 Erkrankte behandelt worden, zwei Männer sind an einer durch die Bakterien ausgelösten Lungenentzündung gestorben. „Das ist der größte Legionellen-Ausbruch in Deutschland“, sagt Bürgermeister Manfred Gödde.

Das sind Legionellen

Legionellen sind stäbchenförmige Bakterien, die im Wasser leben. Zur Zeit sind mehr als 48 Arten bekannt. Die für Erkrankungen des Menschen bedeutsamste Art ist „Legionella pneumophila“ (Anteil von etwa 70 bis 90 Prozent), sie ist Erreger der Legionellose oder Legionärskrankheit (Lungenentzündung, die einen lebensgefährlichen Verlauf annehmen kann.)

Legionellen kommen dort vor, wo ihnen erwärmtes Wasser optimale Bedingungen für die Vermehrung bietet. Dieses kann beispielsweise der Fall sein in
• Warmwassererzeugungs- und Warmwasserverteilungsanlagen
• Schwimmbädern
• Luftwäschern in Klimaanlagen
• Kühltürmen
• Biofilmen
• Krankenhäusern
• Schulduschen und anderen öffentlichen Duschen
• Wannenbäder, Stationsbäder
• Totleitungen
• Wassertanks
• Kaltwasserleitungen mit Wärmeeinwirkung von außen oder mit langen Stillstandszeiten, zum Beispiel mäßig genutzte Feuerlöschleitungen mit Trinkwasseranbindung.
Quelle: Wikipedia

100.000 Besucher weggeschickt

Das Ballonfahrertreffen „Montgolfiade“, zu dem jedes Jahr mehr als 100.000 Besucher nach Warstein kommen und das vom 30. August bis 7. September 2013 gehen sollte, wurde abgesagt. Das Schlimmste schien aber überstanden, mit einer industriellen Kühlanlage war der Verursacher anscheinend gefunden.

Die Veranstalter der Montgolfiade informieren auf ihrer Webseite über die Reisewarnung

Die Veranstalter der Montgolfiade informieren auf ihrer Webseite über die Reisewarnung

Weil es aber immer noch keine endgültige Klarheit durch Laborbefunde gibt, entschied sich der Kreis Soest angesichts verbereiteter „Entwarnungsstimmung“ zu einem drastischen Schritt. Am Freitagabend riet er von unnötigen Reisen in den 27.000-Einwohner-Ort ab.

Einwohner sind irritiert

Schnell war von einer Reisewarnung die Rede. Der Kreis rechtfertigte die Reiseempfehlung mit dem Restrisiko: Man dürfe nicht zulassen, dass eventuell Infizierte aus Warstein zurück in ihre Heimatorte reisten, so Kreisdirektor Dirk Lönnecke.

In Warstein haben die Empfehlungen aus dem Kreishaus Irritationen ausgelöst. „Es ist unverständlich, dass man Auswärtige davor warnt, nach Warstein zu kommen, aber wie sich die Warsteiner verhalten sollen, das ist bisher noch nicht gesagt worden“, kritisiert Stefan Enste, der Touristen durch die Bilsteinhöhle führt. Direkte Informationen der Behörden haben die Haushalte in Warstein nicht bekommen.

„Die Experten haben richtig gehandelt“

Auch der Zeitpunkt der Reiseempfehlung trifft auf Unverständnis. „Wenn die Warnung gekommen wäre, als es neu aufgetreten ist, hätte ich das eher verstanden als jetzt“, sagt Maria Bergmann. Dass es noch eine weitere Infektionsquelle gibt, sei doch sehr unwahrscheinlich, meint die Verkäuferin.

Bürgermeister Gödde hat Verständnis für die Entscheidung der Kreisbehörden. „Ich habe erst geschluckt: Wie kann man sagen, die Menschen sollen zu Hause bleiben, es soll keiner mehr nach Warstein kommen?“ Es sei zwar eine sehr vorsichtige Maßnahme. Aber: „Die Experten haben richtig gehandelt.“

Besserung in Sicht

Die Gesundheitsbehörden hoffen, dass die Zahl der Neuerkrankungen bis Mitte der Woche abnimmt. Erste Anzeichen dafür gibt es. „Wir haben zumindest einen positiven Trend“, berichtet Thomas Schumacher, Chefarzt des Krankenhauses Maria Hilf, am Sonntag.

Bisher sei die Zahl der Neuerkrankungen am Wochenende nicht so hoch wie in den Vortagen. „Außerdem lässt der Schweregrad der Erkrankungen nach“, sagt Pflegedienstleiter Klaus Wohlmeiner.

Einer, den weder die Reiseempfehlung noch die Absage der Montgolfiade erreichte, ist Jens Hefener aus dem niedersächsischen Westerstede. Er war mit seiner Familie zu einem Überraschungsausflug ins 280 Kilometer entfernte Warstein gefahren. „Wir wollten uns die Ballone ansehen. Jetzt muss ich mir etwas anderes überlegen. Von den Legionellen habe ich vorher nichts gehört.“

(RP/Jörg Taron, dpa)

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