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Und es macht klick: Behinderte!

Der deutsche Behindertenrat sieht die Paralympics als Chance für alle. Interview mit Ulrike Mascher, Sprecherin des Aktionsbündnisses.

Ulrike Mascher, VdK-Vorsitzende und Sprecherin des deutschen Behindertenrats (Foto: Wolfgang Kumm/dpa)

Während beim weltgrößten Behindertensportfest 4200 Athleten in London um eine Medaille kämpfen, ringen viele behinderte Menschen hierzulande mit Vorurteilen und Benachteiligung. Der Deutsche Behindertenrat – ein Zusammenschluss der wichtigsten Behindertenorganisationen – hofft auf einen großen Aufmerksamkeitsschub durch die Paralympics mit 2,5 Millionen erwarteten Besuchern und einem Milliarden-TV-Publikum. Das Großereignis werde auch mehr Interesse wecken für die Belange von Menschen mit Behinderungen im eigenen Umfeld, glaubt die Sprecherin des Aktionsbündnisses, Ulrike Mascher, die auch Präsidentin des Sozialverbands VdK ist. Bei so manchem werde es vielleicht „klick“ machen – und sich eine andere Wahrnehmung einstellen.

Sind die Paralympics auch eine Chance für behinderte Menschen außerhalb des Londoner Olympiastadions?

Ja. Ich denke schon, dass durch die paralympische Bewegung, die immer mehr Aufmerksamkeit bekommt, sich in den Köpfen die Erkenntnis durchsetzt, dass Menschen mit Behinderung nicht weniger engagiert und leistungsfähig sind als nichtbehinderte Menschen.

Natürlich sind das besondere Ausnahme-Athleten, die da in London antreten, auch blinde Sportler oder Menschen im Rollstuhl. Aber ich würde mir wünschen, dass stärker bewusst wird, dass auch ein Mensch im Rollstuhl, der sich bei einer Firma bewirbt, ein hoch engagierter und leistungsfähiger Mitarbeiter ist.

Wie ist der Umgang mit behinderten Menschen, hat sich etwas geändert?

Wichtig ist, was Bundesregierung und Landesregierungen sich mit der Inklusion vorgenommen haben: Dass es selbstverständlicher wird, Menschen mit Behinderung in die Mitte zu holen, auch in den Schulen. Denn oft gibt es Scheu, Unkenntnis und Unsicherheit gegenüber behinderten Menschen.

Kinder sind unbefangener. Wenn sie mit behinderten Kindern gemeinsam lernen und Selbstvertrauen im Umgang mit ihnen gewinnen, dann bleibt ihnen das später auch so als Erwachsene und im Arbeitsumfeld erhalten.

Die Paralympics-Teilnehmer werden als Stars gefeiert, wie ist die Wahrnehmung von behinderten Menschen ansonsten?

Wenn man die Lebensgeschichte der Paralympics-Teilnehmer anschaut: Viele sind durch Unfälle oder Krankheit erst in die Situation einer Behinderung gekommen. Es ist Tatsache, dass die meisten Behinderungen nicht angeboren sind, sondern im Laufe des Lebens durch Krankheit oder Unfall entstehen und bewältigt werden müssen. Das bedeutet auch, dass das Thema nie weit weg ist, für niemanden.

Man muss sich bewusst sein, dass jeder plötzlich in der Familie oder selbst mit einer Behinderung konfrontiert sein könnte. Noch immer wird Behinderung aber zu sehr als ein Spezialthema betrachtet.

Es gibt also nicht genug Aufmerksamkeit?

Es wäre wünschenswert und wichtig, dass Belange von behinderten Menschen nicht nur zum Welttag der Behinderten oder jetzt zu den Paralympics mehr Aufmerksamkeit bekommen. Es gibt auch Unsicherheit. Viele fragen sich: „Spreche ich einen Sehbehinderten in der U-Bahn an? Wo fasse ich den Rollstuhl an? Wollen behinderte Menschen nicht lieber ganz selbstständig sein in ihrem Alltag?“

Ich kann bei dieser Unbeholfenheit den Gutwilligen nur raten: Sprechen Sie die behinderten Menschen freundlich an, bieten Sie Ihre Hilfe.

Sehen Sie noch Diskriminierung – und wo Erfolge?

Sehr stark sind die Vorbehalte gegenüber Menschen mit geistigen Einschränkungen. Ablehnung besteht auch bei psychischen Erkrankungen, die einen hohen Anteil bei Krankheitsfehlzeiten am Arbeitsplatz und bei der Frühverrentung ausmachen. Da gibt es starke Vorbehalte bei den Arbeitgebern. Sie haben heute sehr viel selbstbewusstere Menschen mit Behinderung, die sagen: „Ich kann was. Und ich kämpfe dagegen, dass mir der Alltag so schwer gemacht wird“ – was oft noch der Fall ist.

Ein großer Erfolg der Behindertenbewegung ist auch: Wenn Gesetze gemacht werden oder Entscheidungen getroffen werden, die behinderte Menschen betreffen, dann wird nicht mehr über deren Köpfe hinweg entschieden, sondern sie werden einbezogen.

Was würden Sie sich erhoffen mit Blick auf die Paralympics und einer vielleicht bleibenden Wirkung?

Es sollte hängenbleiben, dass das ganz beeindruckende Sportler sind, die unglaubliche Leistungen vollbringen können. Und dass es sich lohnt, im eigenen Umfeld, in der Firma, zu gucken: Wo gibt es ähnlich beeindruckende Menschen mit Behinderung, bei denen ich sage: „Respekt“ – auch wenn diese gerade keine Goldmedaille gewonnen haben.

(Das Interview führte Yuriko Wahl-Immel/dpa)

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