""

Und sie mögen Musik nicht nur, wenn sie laut ist

Wie der NDR taube Menschen und die Gebärdensprachdolmetscherin Laura M. Schwengber entdeckte.

„Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist“

Herbert Grönemeyers Song beschreibt, wie Gehörlose Musik wahrnehmen – durch Vibration. Doch es geht auch anders, wie Laura M. Schwengber zeigt und unser Bericht beschreibt.

Sie wippt. Ihre Arme formen Wellen, Kreise, holen schwungvoll aus. Die Finger spielen in der Luft Trompete, die Hände schlagen im Rhythmus der Trommelstöcke. Wenn Dolmetscherin Laura M. Schwengber übersetzt, dann ist ihr ganzer Körper im Einsatz. Als malte sie ein Bild in die Luft. Die 24-Jährige ist Dolmetscherin für Gebärdensprache und vermittelt Gehörlosen Songtexte. Das geschieht im Studio für Musikvideos – oder live auf der Bühne wie am Freitagabend beim Konzert von Keimzeit in Potsdam.

Die Gebärdensprachdolmetscherin Laura M. Schwengber gestern in Potsdam beim Soundcheck der Gruppe Keimzeit (Foto: Bernd Settnik/dpa)

Die Gebärdensprachdolmetscherin Laura M. Schwengber gestern in Potsdam beim Soundcheck der Gruppe Keimzeit (Foto: Bernd Settnik/dpa)

Sänger Norbert Leisegang geht auf die Sprache der energiegeladenen Frau ein. Scherzt und tanzt mit ihr, formt mit seinen Händen kleine Gesten. „Inzwischen gehöre ich mehr zur Show – ein bisschen wie ein Gastmusiker“, schildert Schwengber. Anfangs habe sie sich mehr auf den Text konzentriert, inzwischen übersetzt die im Spreewald geborene Wahl-Berlinerin zunehmend die Stimmung der Texte.

„Die Veranstalter reagieren zunächst skeptisch“

„Laura ist für uns ein Geschenk“, schwärmt Dirk Tscherner, Manager der Rockband. Vor etwa eineinhalb Jahren sind Keimzeit und die staatlich geprüfte Dolmetscherin zueinander gekommen. „Die Veranstalter reagieren zunächst skeptisch. Sie befürchten, dass sich normale Konzertbesucher gestört fühlen könnten“, schildert Tscherner. Unbegründete Vorbehalte, meint er. „Laura agiert wie eine Tänzerin, übersetzt Stimmungen.“ Bislang habe es kaum Ablehnung gegeben.

Mit den Bildern, die man etwa von Übersetzungen der Nachrichten auf Phoenix kennt, hat Schwengbers Tätigkeit wenig zu tun. Sie tanzt fast auf der Bühne. Ihre Gesangs- und Tanzausbildung in der Jugend macht sich bemerkbar. Zur Vorbereitung übt sie die Songs vorab zu Hause. Mal bekommt sie CDs geschickt, mal Aufnahmen per Handy. Vor dem Auftritt macht sie sich warm, vor allem Fingerübungen sind wichtig.

Ein zufällig beim NDR entstandenes Projekt

Steht sie dann auf der Bühne, weiß sie meist nicht, ob tatsächlich Gehörlose da sind. „Entweder ich erkenne jemanden durch seine Gebärdensprache oder ich erfahre es erst später aus E-Mails“, sagt sie. Auch Luftballons sind ein Erkennungszeichen: Fest zwischen die Hände gepresst vibrieren sie zum Song.

Laura M. Schwengber übersetzt Lieder in die Gebärdensprache (Foto: dpa)

Laura M. Schwengber übersetzt Lieder in die Gebärdensprache (Foto: dpa)

Entdeckt wurde Schwengber vom NDR. „Die Idee für das Projekt ist eher zufällig auf Initiative eines Mitarbeiters entstanden“, sagt Uschi Heerdegen-Wessel, Leiterin der NDR-Redaktion Barrierefreiheit. „Anfangs haben alle verdutzt geschaut. Es konnte sich niemand richtig vorstellen, wie Musik für Gehörlose funktionieren soll.“

„Wir sind sehr glücklich über den Erfolg“

Als erstes Musikvideo übersetzte die Dolmetscherin Tim Bendzkos „Nur noch kurz die Welt retten“. Es folgten viele weitere Songs, unter anderem von Xavier Naidoo „Ich kenne nichts“, das „Haus am See“ von Peter Fox oder „Junge“ von den Ärzten und „Ja“ von Silbermond.

Was zunächst als Projekt zum „Tag der Gehörlosen 2011“ gedacht war, zieht inzwischen weitere Kreise: „Gehörlose sprechen Musikbands an, weisen sie auf die Videos hin und fragen, ob sie nicht auch entsprechende Konzerte machen wollen“, schildert Heerdegen-Wessel.

„Meines Wissens sind wir der einzige Sender, der so etwas anbietet“, berichtet die Abteilungsleiterin. „Wir sind sehr glücklich über den Erfolg und werden das fortsetzen.“ Der NDR habe innerhalb der ARD die Federführung für das Projekt Barrierefreier Rundfunk. „In den letzten eineinhalb Jahren hat sich in dem Bereich sehr viel getan.“

Was ist Gebärdensprache?

Gebärdensprachen sind visuell-manuelle Sprachen und ebenso komplex wie gesprochene Sprachen. Sie bestehen neben Handzeichen aus Mimik und Körperhaltung und verfügen über ein umfassendes Vokabular sowie eine eigenständige Grammatik.

Für die Wissenschaft gelten Gebärdensprachen als vollwertige Sprachen. In Deutschland wurden sie erst durch das Behindertengleichstellungsgesetz 2002 anerkannt.

In der Regel benutzen Gehörlose und stark schwerhörige Menschen untereinander Gebärdensprache. Sie ermöglicht ihnen eine verlässliche Kommunikation.

Genau wie die Lautsprachen sind auch Gebärdensprachen national unterschiedlich. Jedes Land hat seine eigene Gebärdensprache, in der sich auch Dialekte entwickelt haben. Trotzdem klappt die Verständigung auf internationaler Ebene nach Angaben des Deutschen Gehörlosenbundes relativ gut.

Mindestens 80.000 Gehörlose gibt es nach Angaben des Gehörlosen Bundesverbandes in Deutschland. Hinzu kommen laut Deutschem Schwerhörigenbund etwa 16 Millionen Menschen, die schwer hören. Etwa 140.000 Prozent davon seien so schwer beeinträchtigt, dass sie auf einen Gebärdensprachdolmetscher angewiesen sind. „Davon gibt es in Deutschland etwa 450, die Berufsverbänden angeschlossen sind“, berichtet Schwengber.

Der Gehörlosenbund beklagt auf seiner Website, Deutschland sei im weltweiten Vergleich ein „Entwicklungsland“. Während in den USA und Großbritannien alle Sendungen für Hörgeschädigte untertitelt seien, liege der Anteil hier bei 8,4 Prozent.

Schwengber ist nicht nur bei Live-Konzerten unterwegs, ihre Sprache erobert auch anderes Terrain: In Köln haben die Karnevalisten in diesem Jahr zum ersten Mal ihr komplettes Bühnenprogramm zu Weiberfastnacht in Gebärdensprache übersetzen lassen.

„Das ist sehr gut angekommen“, sagt Evelyn Butz vom Landschaftsverband Rheinland. „Der Karneval schafft hier eine große Brücke, erfüllt eine tragende Sozialfunktion und sorgt in fröhlicher Stimmung dafür, dass sich alle Jecke mittendrin und nicht daneben fühlen“, meint Markus Ritterbach, Präsident vom Festkomitee des Kölner Karnevals von 1823.

(dpa)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

KOMMENTAR SCHREIBEN