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Unesco-Gipfel zur Inklusion in Deutschland: „Es ist eine nationale Aufgabe“

Experten sind sich einig: Menschen mit Behinderung haben immer noch nicht genügend faire Chancen im Bildungsbereich.

Die Inklusion in der Bildung, der gemeinsame Unterricht für behinderte und nicht behinderte Kinder, kommt in den Ländern unterschiedlich voran. (Foto: Jonas Güttler/dpa)

Die Inklusion in der Bildung, der gemeinsame Unterricht für
behinderte und nicht behinderte Kinder, kommt in den Ländern
unterschiedlich voran. (Foto: Jonas Güttler/dpa)

Vor fünf Jahren trat die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft. Damit verpflichtete sich Deutschland, die Inklusion in der Bildung an den Schulen umzusetzen. Ziel dabei ist es, Kinder mit Behinderung genauso zu fördern wie Lernschwache, Migranten und Hochbegabte.

Da Bildung Ländersache ist, gelingt die Umsetzung in den 16 Bundesländern in unterschiedlichem Maße. Es gibt Vorbehalte bei Eltern, Ängste bei Lehrern und Streit um die Kosten. Wie Inklusion bundesweit funktionieren kann, zeigt ein Kongress der Deutschen Unesco-Kommission in Bonn auf.

Im Schuljahr 2011/12 lag die Inklusionsquote laut einer Studie für die Bertelsmann-Stiftung im Bundesdurchschnitt bei 25 Prozent. Vorreiter waren Bremen (55,5 Prozent) und Schleswig-Holstein (54,1 Prozent). In Niedersachsen wurden nur 11 Prozent der Förderschüler in einer Regelschule unterrichtet. In Nordrhein-Westfalen ist es aktuell etwa jeder vierte.

Inklusive Bildung in Deutschland und Europa

Im Schuljahr 2012/13 wurden in Deutschland von 495.000 Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf etwa 140.000 in allgemeinen Schulen unterrichtet. Die Inklusion ist nach Angaben der Deutschen Unesco-Kommission auf den einzelnen Bildungsstufen unterschiedlich stark verankert. Im Schuljahr 2011/12 besuchten etwa 67 Prozent der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf integrative Kindertageseinrichtungen. In der Primarstufe lag der Inklusionsanteil im selben Schuljahr mit 39 Prozent deutlich niedriger, in Schulen der Sekundarstufe sank er auf knapp 22 Prozent.

In der EU leben rund 15 Millionen Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Im europäischen Durchschnitt werden etwa 2 Prozent aller Schüler in Sonderschulen unterrichtet. In vielen südeuropäischen und skandinavischen Ländern, darunter Italien, Norwegen und Schweden, besuchen weniger als 1 Prozent aller Schüler gesonderte Bildungseinrichtungen.

In Mittel- und Osteuropa wird inklusive Bildung bisher weniger gut umgesetzt. In Belgien, Lettland und den Niederlanden werden wie in Deutschland auch Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf nach Einschätzung der Unesco zu häufig in gesonderten Bildungseinrichtungen unterrichtet.

Gemeinsames Handeln gefordert

In den Ländern, in denen es schon vor der Unterzeichnung der Konvention fast normal gewesen sei, dass Kinder mit Lern-, Sprach- oder Sehbehinderungen mit nicht behinderten Kindern gemeinsam unterrichtet werden, sei die Inklusion als logische Fortsetzung erschienen, sagt die Vorsitzende des Expertenkreises „Inklusive Bildung“, Ute Erdsiek-Rave. In anderen Bundesländern, in denen die Integrationsquote niedrig war, habe es wegen mangelnder Erfahrung Probleme gegeben. Jetzt gelte es, Überzeugungsarbeit zu leisten.

Erdsiek-Rave appelliert an Bund, Länder und Kommunen, die Entwicklung zur inklusiven Bildung zu ihrer gemeinsamen Sache zu machen. „Es ist eine nationale Aufgabe.“ Es gebe viele Wege, auf denen der Bund den Bildungseinrichtungen helfen könne, sagt sie mit Blick auf den Streit um die Finanzierung. Sie äußert die Sorge, dass die Diskussion um die Ressourcen das Menschenrechtsanliegen verwässert.

„Alle Schüler profitieren vom gemeinsamen Lernen“

Die Zusatzkosten für die inklusive Bildung sind nach Aussage des emeritierten Bildungsökonomen von der Universität Duisburg-Essen, Klaus Klemm, schwer zu erheben. Berechenbar seien die Mehrausgaben für das lehrende Personal, sagt er. In einer Studie aus dem Jahr 2012 kommt er auf einen Mehrbedarf von etwa 700 Millionen Euro. „Nach meinen aktualisierten Berechnungen gehe ich von 550 Millionen Euro aus.“ Unmöglich aber sei es, die notwendigen Aufwendungen für Um- und Ausbauten an den Schulen zu beziffern.

Einen kompletten Umbau des gesamten Schulsystems fordert der Erziehungswissenschaftler Georg Feuser. Nur so sei die Verwirklichung der Inklusion zu erreichen. Er halte es für außerordentlich gefährlich, dass man Kinder in die Regelschule integriere, ohne diese so zu verändern, dass dort ein optimiertes Lernen möglich sei, sagte Feuser im „Deutschlandradio Kultur“. Er beobachte, dass deshalb in allen Bundesländern „Rest-Sonderschulen“ entstünden, in denen dann schulisch nicht integrierbare Behinderte landeten. „Das halte ich für eine außerordentlich große Problematik.“ Dabei zeigten alle Studien, dass behinderte und nicht behinderte Schüler vom gemeinsamen Lernen profitieren.

Studie: Umsetzung von Inklusion hinter Erwartungen

Es bedürfe noch erheblicher Anstrengungen, bis das deutsche Schulrecht die Vorgaben zum gemeinsamen Unterricht für Kinder mit und ohne Behinderung hinreichend oder gar vollständig erfülle. So lautet der Tenor einer Studie der Monitoring-Stelle zur UN-Menschenrechtskonvention, die am Mittwoch zum Auftakt eines zweitägigen Unesco-Gipfels in Bonn vorgestellt wurde.

Laut der Studie ist in keinem der 16 Bundesländer ein abschließend entwickelter rechtlicher Rahmen erkennbar, der den Aufbau und den Unterhalt eines inklusiven Bildungssystems hinreichend gewährleisten könnte. Lediglich Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen hätten inzwischen die Weichen auf rechtlicher Ebene gestellt, sagte Institutsleiter Valentin Aichele. In Baden-Württemberg, Berlin, Schleswig-Holstein und Thüringen seien Gesetze in Arbeit oder aber für die nähere Zukunft angekündigt.

Jetzt seien die Landesregierungen und die Landesparlamente gefordert, meinte Aichele. Ohne klare rechtliche Vorgabe könne es keine tatsächliche Umgestaltung der Schule im Sinne der Konvention und damit zur Veränderung hin zu einer inklusiven Gesellschaft geben.

(RP/Günter Wächter/dpa)

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