„Unglaublich gut“ – Neue Schlaganfall-Therapie begeistert

Patienten müssen oft mit einer lebenslangen Behinderung rechnen. Hoffnung macht eine Methode, bei der Blutgerinnsel mechanisch entfernt werden. Von Walter Willems

Endovaskuläre Therapie: Bei dem Eingriff, der meist etwa 30 bis 45 Minuten dauert, schiebt ein Neuroradiologe einen Mikrokatheter von der Leiste durch die Aorta bis in das betroffene Blutgefäß und sticht dann durch das Gerinnsel hindurch, wobei er das Vorgehen auf einem Monitor verfolgt. (Illustration: Medtronic GmbH/Covidien Deutschland GmbH/dpa)

Endovaskuläre Therapie: Bei dem Eingriff, der meist etwa 30 bis 45 Minuten dauert, schiebt ein Neuroradiologe einen Mikrokatheter von der Leiste durch die Aorta bis in das betroffene Blutgefäß und sticht dann durch das Gerinnsel hindurch, wobei er das Vorgehen auf einem Monitor verfolgt. (Illustration: Medtronic GmbH/Covidien Deutschland GmbH/dpa)

„Wie heißen Sie?“, fragt der Arzt Tudor Jovin den Mann im Flur der Universitätsklinik Pittsburgh. Der Patient hatte gerade einen Schlaganfall und liegt auf einer Trage. Er will antworten, bewegt Hände und Lippen, bleibt aber stumm. Einige Stunden nach der sofort eingeleiteten Behandlung kann Joseph Keteles wieder reden. Später erzählt er über die Begegnung im Flur: „Ich konnte die Wörter sehen, aber ich konnte sie nicht sprechen.“ Nichts deutet mehr darauf hin, dass er einen schweren Schlaganfall erlitten hat.

Die Szenen stammen aus einem Video, das das Krankenhaus auf YouTube gestellt hat. Die Geschichte mag eine gute Werbung für die Schlaganfall-Station der Klinik sein, ein Einzelfall ist sie nicht. Das zeigen die Ergebnisse zweier Studien, die im renommierten „New England Journal of Medicine“ („NEJM“) erschienen sind. Sie wurden wenige Wochen vor dem „Tag gegen den Schlaganfall“, mit dem die Deutsche Schlaganfall-Hilfe am 10. Mai auf das Thema aufmerksam machen will, auf einem Kongress im schottischen Glasgow vorgestellt.

Applaus während der Vorträge

„Das war eindeutig das bestimmende Thema der Konferenz“, sagt Professor Hans-Christoph Diener von der Uniklinik Essen, Ko-Autor der sogenannten Swift Prime-Studie. „Die Leute haben während der Vorträge applaudiert, das passiert nicht oft.“ Der Grund für die Euphorie: Gemeinsam mit drei weiteren Untersuchungen zeigen die Studien, dass die sogenannte endovaskuläre Therapie viele Schlaganfall-Patienten vor dauerhaften Behinderungen bewahren kann. „Wir stehen an der Schwelle zu einer Revolution bei der Akut-Therapie des Schlaganfalls“, sagt Jovin, der an beiden Studien mitwirkte.

Worum geht es? In Deutschland erleiden jährlich etwa 260.000 Menschen einen ischämischen Schlaganfall. Dabei verschließt ein Gerinnsel ein Gefäß, das das Gehirn versorgt. Die unterbrochene Blutversorgung lässt Nervenzellen absterben. Etwa jeder dritte Patient bleibt danach dauerhaft behindert – etwa durch Lähmungen oder Sprachprobleme.

„Rennen gegen die Zeit“

Um das Gefäß wieder zu öffnen, setzen Mediziner bisher darauf, den Blutpfropf durch Medikamente zu lösen. Doch bei Blutgefäßen, die große Hirnareale versorgen, reicht das meist nicht aus. In solchen Fällen, bei großen Schlagadern im vorderen Hirnkreislauf, kann zusätzlich ein Katheter-Eingriff entscheidend helfen.

Bei dem Eingriff, der in Deutschland bereits durchgeführt wird und meist etwa 30 bis 45 Minuten dauert, schiebt ein Neuroradiologe einen Mikrokatheter von der Leiste durch die Aorta bis in das betroffene Blutgefäß. Dann sticht er durch das Gerinnsel hindurch, wobei er das Vorgehen auf einem Monitor verfolgt. Aus dem Katheter entfaltet sich ein Geflecht aus feinem Draht nach außen und verhakt sich am Blutpfropf. Den kann der Mediziner aus dem Gefäß zurückziehen und aus dem Körper entfernen.

Wenn alles gut geht, wird das Hirngewebe danach durchblutet. „Es ist ein Rennen gegen die Zeit“, erläutert Jovin. „Je früher man den Blutfluss im Gehirn wiederherstellt, desto mehr Gehirn rettet man und desto höher ist die Chance für einen guten Ausgang.“

Bei der Swift Prime-Studie erhielten 196 Patienten per Losentscheid entweder nur Medikamente oder zusätzlich den Katheter-Eingriff. Mit dieser Kombination waren nach 90 Tagen 60 Prozent der Patienten ohne funktionelle Beeinträchtigung, bei herkömmlicher Therapie waren es nur 35 Prozent. Die Häufigkeit von Nebenwirkungen unterschied sich kaum von der bisherigen Standard-Therapie.

260 Stroke Units in Deutschland

Für das Verfahren infrage kommen in Deutschland jährlich etwa 20.000 Menschen mit ischämischem Schlaganfall, sagt der Neuroradiologe Jens Fiehler vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Dies seien gerade jene Patienten, bei denen große Hirngefäße verstopft sind und denen daher besonders schwere Behinderungen drohen.

Wird ein Patient zu einer der bundesweit über 260 Stroke Units – Schlaganfall-Zentren – gebracht, weisen drastische Beeinträchtigungen wie Sprachverlust oder schwere Lähmungen darauf hin, dass er für die neue Therapie infrage kommt. Abgeklärt wird der Verdacht durch eine sogenannte CT-Angiographie. 60 Zentren haben nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Neuroradiologie die Expertise für die neue Therapie. Patienten aus kleineren Kliniken müssen möglichst schnell in solch ein Zentrum gebracht werden.

„Eines der kosteneffizientesten Verfahren“

Joachim Röther von der Asklepios-Klinik Altona, Sprecher der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft, betont, dass die Behandlung bereits in die europäischen Leitlinien zur Schlaganfall-Therapie aufgenommen wurde. Nach Gesamtlage der Studien müsse man etwa vier bis sechs Patienten behandeln, um einem ein unabhängiges Leben zu ermöglichen, sagt Röther. „In der Medizin ist das ein unglaublich gutes Ergebnis.“

Auch finanziell rechnet sich das Verfahren. Zwar ist der Eingriff kostspielig, „aber damit kann man einen Patienten davor bewahren, lebenslang bettlägerig und pflegebedürftig zu sein“, sagt Fiehler. „Die endovaskuläre Therapie ist eines der kosteneffizientesten Verfahren, das man sich vorstellen kann.“

(dpa)

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