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Unser Rollstuhlfahrer des Tages: Der Mann, der Che Guevara gefangen nahm

„Es gab den Befehl, Che zu töten“ – Interview mit Gary Prado, der vor fünfzig Jahren den berühmtesten Guerillero der Welt festgenommen hat.

Gary Prado, ehemaliger Hauptmann, in Santa Cruz (Bolivien) in seinem Büro. Er nahm Che Guevara am 8.10.1967 bei dem Dorf La Higuera in einer Schlucht fest, am nächsten Tag wurde Guevara erschossen. (Foto: Georg Ismar/dpa)

Gary Prado, ehemaliger Hauptmann, in Santa Cruz (Bolivien) in seinem Büro. Er nahm Che Guevara am 8.10.1967 bei dem Dorf La Higuera in einer Schlucht fest, am nächsten Tag wurde Guevara erschossen. (Foto: Georg Ismar/dpa)

Gary Prado hat am 8. Oktober 1967 den damals berühmtesten Guerillero der Welt gefangen genommen: Che Guevara. In Bolivien darf er deshalb heute nicht mehr an den großen Paraden zum Nationalfeiertag teilnehmen. Offen bekennt er: Che musste sterben, weil Boliviens Gefängnisse zu unsicher waren.

Prado wurde militärisch in den USA ausgebildet und war Hauptmann der Kompanie, die die rund 15 letzten Guerilleros einkreiste. Ende der 1970er Jahre war er kurzzeitig Minister in Bolivien, später Botschafter unter anderem in Großbritannien und Mexiko. Nach einer Schussverletzung, bei der seine Lunge durchlöchert und die Wirbelsäule verletzt wurde, sitzt er seit über 35 Jahren im Rollstuhl.

Seit einem Schusswechsel ist Gary Prado auf einen Rollstuhl angewiesen. (Archivaufnahme von 2011: EPA/Juan Carlos Torrejon)

Seit einem Schusswechsel ist Gary Prado auf einen Rollstuhl angewiesen. (Archivaufnahme von 2011: EPA/Juan Carlos Torrejon)

Der ehemalige Militär und Diplomat ist ein Mann, der in sich ruht. Ruhig, und mit allen Details berichtet er von den weltbewegenden Tagen jenes Oktober 1967. Das Arbeitszimmer ist gepflastert mit Erinnerungen an die Zeit im Militär und als Botschafter Boliviens, auch Säbel dürfen nicht fehlen. Im Interview schildert der 79-Jährige, wie er Che Guevara festnahm und wer ihn erschoss. Die Fragen stellte Georg Ismar

„Wer sind Sie?“, fragte ich. Die Antwort: „Ich bin Che Guevara“

Señor Prado, warum musste Che Guevara in Bolivien scheitern?

Che kannte nicht Bolivien, nicht die Leute. Wir hatten eine nationale Revolution 1952 mit einer Agrarreform, sie hatten schon Land, die Campesinos. Sie brauchten keine weitere Revolution. Präsident René Barrientos war ein Mann des Campo, er war oft auf dem Land, sprach Quechua und war gut angesehen. Sie hatten sich zudem ein fast unbesiedeltes Gebiet ausgesucht, fast so groß wie die Schweiz. Und da operierten sie 50, 60 Leuten. Sie waren völlig isoliert, sie litten Hunger, Durst, waren krank. Es gab zwar eine Kommunistische Partei in Bolivien, die war aber klein und gespalten, in eine Linie Pro-Moskau und eine Linie Pro-Peking, die Maoisten.

Woher wusste man, dass es eine Guerillagruppe gibt?

Wegen ihrer eigenen Fehler. Sie kannten die Gegend nicht, hatte keine Karten und wandten sich orientierungslos an Bauern. Und die informierten Soldaten in der Gegend. Dadurch wurde schnell klar, dass es dort eine bewaffnete Gruppe gibt.

Wie waren die entscheidenden Tage damals in Vallegrande?

Ich war Hauptmann. Es wurde ein Spezialbataillon geschickt. Ich war für eine Kompanie zuständig. Am Morgen des 8. Oktober kontaktierte mich über Radio ein Militärposten, der in La Higuera stationiert war, wir waren in einem Camp einige Kilometer entfernt. Ein Bauer sei zu ihm gekommen, eine Gruppe Guerilleros sei bei einer Schlucht (Quebrada del Yuro). Er sagte, er hätte nicht genug Leute, nur 20 gerade. Ich sagte, ich habe 50 Männer, wir bewegen uns dahin. Das war schwieriges Terrain mit großen Steinen, umgestürzten Bäumen. Wir schnitten den Weg ab, umstellten die Schlucht, es kam zu Schusswechseln, zwei Soldaten starben.

„Es gab einen Befehl des Präsidenten und der Militärführung“

Wie lief die Festnahme ab?

Che versuchte noch mit einem anderen Guerillero zu entkommen. Wir stellten sie. „Wer sind Sie?“, fragte ich. Die Antwort: „Ich bin Che Guevara“. Wir fesselten sie unter Baumstämmen. Er fragte, kann ich rauchen, ich gab ihm Zigaretten und Wasser. Dann sind wir mit den Gefangenen, Verletzten und Toten Richtung La Higuera gegangen und brachten Che in die Schule.

Warum wurde Che dort am nächsten Tag erschossen?

Es gab einen Befehl des Präsidenten und der Militärführung. Sie hatten entschieden, die Exekution des Che ist die beste Lösung, um größere Probleme zu vermeiden. Ich habe danach (den Oberbefehlshaber der bolivianischen Armee) General Alfredo Ovando gefragt, warum es zu dieser Entscheidung kam. Es gab zuvor einen Prozess in Camiri gegen Regis Debray und andere. Da waren plötzlich Journalisten aus der ganzen Welt. Sie wussten, ein Prozess gegen Che Guevara würde weltweit große Aufmerksamkeit erregen, 100 Mal mehr.

Was sprach gegen einen fairen Prozess?

Er würde verurteilt werden, die Höchststrafe wären 30 Jahre Gefängnis gewesen. Die Gefängnisse in Bolivien waren damals ein Witz, es gab kein Hochsicherheitsgefängnis. Wo sollten wir ihn 30 Jahre festhalten? Es hätte ständig Versuche gegeben, ihn zu befreien. So wurde entschieden, ihn zu töten, ohne Prozess. Das haben sie in Kuba zuvor auch gemacht und Che hat auch in Bolivien Menschen getötet. Wir hatten auch mehrere Soldaten verloren. Es wurde gesagt, wir haben den Befehl, ihn zu töten, wer meldet sich freiwillig. Sieben meldeten sich. Alle wissen, wer das letztlich am 9. Oktober übernahm: Mario Terán. Es gab 3,4 Schüsse. Dann wurde die Leiche mit dem Helikopter nach Vallegrande gebracht, gegen drei Uhr am Nachmittag.

„Sie haben ihn im Stich gelassen“

Was denken Sie heute, wenn Sie sehen, dass Che in Vallegrande als Heiliger verehrt wird?

Das hat mit dem politischen Wandel zu tun. Unser heutiger Präsident ist ein großer Che-Fan. Es gibt einen starken Einfluss Kubas hier, viele Ärztemissionen und Einfluss im Geheimdienst. Es hat sich ein Mythos geschaffen, von Che, dem heroischen Guerillero. Dabei haben Kuba und Fidel Castro ein seltsames Spiel gespielt, die Kommunistische Partei mochte Che mit seinem revolutionären Eifer nicht. Daher schickten sie Che nach Afrika, in den Kongo. Er hat das sogar selbst als „Geschichte eines Scheiterns“ beschrieben.

Fidel Castro soll froh gewesen sein, dass Che weg war…

Fidel las öffentlich die „Carta de Despedida del Che“ vor, wo Che Guevara den Verzicht und Rücktritt von allen Ämtern erklärte, um die Revolution in andere Regionen zu tragen. Einer der Überlebenden in Bolivien, Dariel Alarcón Ramírez, „Benigno“, schrieb später ein Buch und sagte, dass Che außer sich vor Wut gewesen sei, dass die Carta vorgelesen wurde. Der Brief sollte nur vorgelesen werden, wenn er gefangen genommen oder getötet würde. So war eine Rückkehr fast unmöglich und andere gewarnt. Er war nach dem Kongo kurz in Prag, ging in die kubanische Botschaft und verlangte Fidel zu sprechen. Aber der antwortete nicht. Er wollte zurück nach Kuba, aber sie überzeugten ihn, nach Bolivien zu gehen. Sie haben ihn im Stich gelassen, denn aber sie gaben ihm dort kaum Unterstützung.

Wie behandelt Sie Boliviens Präsident Evo Morales als Ex-Militär, der Che Guevara gefangen hat?

Die damals Beteiligten im Kampf gegen die Guerilla dürfen zum Beispiel nicht mehr an den Paraden zum Nationalfeiertag am 6. August teilnehmen. Das ist ein kindisches Verhalten. Es werden Invasoren des Landes verehrt. Heute hat sich viel verändert, die Regierung fördert den Che-Tourismus und in Vallegrande blühen die Fantasien. Es gibt Leute, die sagen, er sei im Oktober 67 in ihrem Haus gewesen – aber Che kam damals nur noch tot in den Ort, um die Leiche aufzubahren.

(dpa)

Che Guevara
„Guerrillero Heroico“ Che Guevara (Foto: Alberto Korda)

„Guerrillero Heroico“ Che Guevara (Foto: Alberto Korda)

Ernesto Rafael Guevara de la Serna, genannt Che Guevara oder einfach Che (*offiziell 14. Juni 1928, nach anderen Quellen bereits 14. Mai 1928 in Rosario, Argentinien; † 9. Oktober 1967 in La Higuera, Bolivien) war ein marxistischer Revolutionär, Guerillaführer, Arzt und Autor. Er war von 1956 bis 1959 ein zentraler Anführer (Comandante) der Rebellenarmee der Kubanischen Revolution und ist neben Fidel Castro deren wichtigste Symbolfigur.
Guevara stammte aus einer argentinischen bürgerlichen Familie. Bereits seine während des Medizinstudiums erstellten Reisetagebücher hatten literarische Qualität und wurden mehrmals verfilmt. Einzelne seiner Schriften und Reden beeinflussten revolutionäre Strömungen weit über Kuba hinaus. Sein Leben wie auch die Umstände seines Todes und der posthume Personenkult um ihn waren und sind Gegenstand vielfältiger Betrachtungen in Filmen, Büchern und anderen Medien.
Die US-Zeitschrift Time zählte ihn 1999 zu den 100 einflussreichsten Menschen des 20. Jahrhunderts. Unsere oben gezeigte Fotografie des „Che“ stammt von Alberto Korda und gilt als berühmtestes fotografisches Abbild einer Person.
Quelle: Wikipedia
Da waren sie noch ziemlich beste Freunde und vereint in der Revolution: Che Guevara 1961 in Havanna mit Fidel Castro. (Foto: Alberto Korda)

Da waren sie noch ziemlich beste Freunde und vereint in der Revolution: Che Guevara 1961 in Havanna mit Fidel Castro. (Foto: Alberto Korda)

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