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Unsere Henkersmahlzeit-Vorschläge für Menschen mit Behinderung

Schade, dieses Jahr fällt der Gänsebraten wegen des morgigen Weltuntergangs aus. Höchste Zeit, sich Gedanken übers Abschiedsessen zu machen. Der letzte große ROLLINGPLANET-Service vor dem 21.12.2012.

Das Essen ist angerichtet… (Foto: Helene Souza/pixelio.de)

Michael Heil, Geschäftsführer des ROLLINGPLANET-Sponsors Rehability, behauptet nach wie vor, dass die Welt morgen nicht untergeht. Aber auch in den letzten Stunden vor diesem Ereignis werden wir gegenüber unserem Geldgeber journalistische Unabhängigkeit bewahren und bei den von uns recherchierten Fakten bleiben: Am 21.12.2012 ist alles vorbei. Da kann der Heil uns jetzt noch so viel Kohle in den Rachen schieben, wir werden die Wahrheit nicht krummbiegen.

Außerdem: Bis Freitag schaffen wir es sowieso nicht, die Kohle zu verjubeln. Oder besser ausgedrückt: In der ROLLINGPLANET-Redaktion herrscht Basisdemokratie, was zur Folge hat, dass wir bis zum Weltuntergang keine konsensfähige Beschlussvorlage zusammenbekommen, ob wir das Geld versaufen, Freisex für alle User ausgeben, noch zehn Mal ins Kino gehen, um „Ziemlich beste Freunde“ anzuschauen oder Lose von „Aktion Mensch“ kaufen (aber bis die mal die Gewinner verkündet haben). Die Zeit drängt.

UN-Behindertenrechtskonvention ernst genommen

Dummerweise haben die Maya als einziges Volk die UN-Behindertenrechtskonvention ernst genommen und vorausschauend beschlossen: Ausnahmen gibt es nicht, auch Behinderte müssen sterben. Mitgerollt, mitgehangen. Das ist endlich wahre Teilhabe: Wir sind dabei, wenn die Nichtbehinderten aussortiert werden, wir werden gemeinsam aus der Gesellschaft entfernt. Es spielt nun glücklicherweise keine Rolle mehr, ob die Maya Gebärdensprachdolmetscher hatten, die letzten Untergangsnachrichten im Fernsehen untertitelt sind, wir vor kaputten Fahrstühlen sitzen/stehen, von der Deutschen Bahn nicht mitgenommen werden oder sonstigen Barrieren ausgesetzt sind.

Aber sind die Maya möglicherweise doch nicht die einzigen, die keinen Unterschied zwischen behindert und nichtbehindert machen? Vielleicht tun wir den Amis in diesen letzten Stunden Unrecht. Die wollen zwar die UN-Behindertenrechtskonvention partout nicht unterzeichnen, behandeln aber Menschen mit Behinderung genauso wie Menschen ohne Behinderung.

Zumindest wenn es sich um geistig behinderte Mörder handelt. Die werden ebenso gnadenlos hingerichtet wie ihre Zellengenossen, denen genau bewusst war, was sie taten. So geschehen zuletzt am 7. September 2012, als Texas den 54-jährigen Marvin Wilson mit einem Chemiecocktail ins Jenseits beförderte. Und das, obwohl DIE LINKE eine Protestnote schickte, was die Cowboys in der Regierung wahrscheinlich sehr beeindruckte. Egal: Wilson wollten sie trotzdem nicht mehr die restlichen dreieinhalb Monate auf Erden gönnen.

Mehr Glück hatte da Jose Alfredo Rivera, ebenfalls geistig behindert. 2003 wurde seine Hinrichtung in Texas in letzter Minute abgesagt, und das, nachdem der 40-Jährige seine Henkersmahlzeit bereits zu sich genommen hatte.

Was können wir Ihnen mit auf den Weg geben?

Nun starren wir also auf den Freitag und waren uns anfangs nicht so ganz schlüssig, wie wir die Zeit am besten nutzen. Vielleicht noch mal diverse Rundumschläge auf ROLLINGPLANET veröffentlichen? Nein, wir wollen keine verbrannte Erde hinterlassen. Einen Jahresrückblick schreiben? Nein, wir sind doch nicht bei Jauch. Einen politischen Diskurs über Inklusion beginnen? Alles, nur das nicht – schließlich sind wir froh, dass wir die so unbefriedigenden Diskussionen zu diesem Thema ab morgen nicht mehr führen müssen.

Also erinnerten wir uns daran, dass ROLLINGPLANET das weltweit führende Servicemagazin für Menschen mit Behinderung ist, das auch in den letzten Stunden mit praktischen Tipps punkten sollte. Wir haben uns, hedonistisch wie wir sind, für dieses Thema entschieden: Die leckere Mahlzeit zum Weltuntergang.

Das Problem: Behinderte können bekanntlich nicht sehr viel, weshalb Arbeitgeber sie ja auch nicht einstellen. Vermutlich können Behinderte auch nicht gut kochen (Samuel Koch natürlich ausgenommen) oder nicht viel besser als Gefängnis-Köche. Wir sind an den Rollstuhl gefesselt oder haben andere Leiden, weshalb man uns mühelos als Gefangene dieser Gesellschaft bezeichnen kann. Da lag es nahe, uns von den Henkersmahlzeiten inspirieren zu lassen. Hier sind für uns und Sie, die wir morgen erlöst werden, die interessantesten kulinarischen Genüsse von Gefangenen, bevor man sie hinrichtete.

Unsere Tipps für Ihre letzte Mahlzeit

Offensichtlich nicht barrierefrei – aber sollen wir uns einen Tag vor dem Weltuntergang darüber noch aufregen? (Foto: mueritzportal.de)

In der Hitliste der Henkersmahlzeiten ganz oben und am häufigsten bestellt (jedenfalls in den USA): Burger, Kentucky Fried Chicken, Shakes und jede Menge Softdrinks wie Coca-Cola und Pepsi. Das ist okay, die meisten McDonald’s-Filialen sind behindertengerecht, müsste also morgen zu schaffen sein (und man muss auch nicht selbst kochen).

Wer inkontinent ist, dem wird am 21.12.2012 egal sein, ob er in die Hose macht oder nicht. Endlich also einmal die Gelegenheit, unbeschwert viel Limo zu trinken wie Ruth Snyder. Sie hatte mit der Hilfe ihres Liebhabers ihren Ehemann erdrosselt, nachdem sie bereits sieben Mal erfolglos versucht hatten, ihn umzubringen. Die Mörderin, die bekannt wurde, weil sie 1928 auf dem elektrischen Stuhl fotografiert wurde, bestellte sich neben Pasta, Eis und Milchshakes einen 12-er Pack Traubenlimonade.

Falls das Geld bei Ihnen als behinderter Mensch nicht reicht (soll angesichts mangelnder Arbeit und des zunehmend geizigen Sozialstaats vorkommen), müssen Sie bescheiden sein wie Victor Feguer, der letzte Todeskandidat im US-Bundesstaat Iowa. Sein letzter Wunsch: eine Olive.

Einen sehr komischen Geschmack bewies der russische Serienmörder Andrei Chikatilo, und das nicht erst bei der Henkersmahlzeit. Er bestellte 1994 vor seinem Tod Haferschleim mit einem kleinen Stück Rindfleisch. Der Lehrer hatte 52 Mädchen, Jungen und Frauen getötet. Er zerteilte sie und aß Teile seiner Opfer – er war deshalb wohl schon vor der Hinrichtung satt, vermutet ROLLINGPLANET.

Der Massenmörder und irakische Diktator Saddam Hussein aß vor seiner Hinrichtung 2006 Hühnchen mit Reis. Mehr hätten wir ihm auch nicht spendiert.

Ganz klassisch blieb bei seiner Henkersmahlzeit der Vampir von Düsseldorf. Der deutsche Serienmörder Peter Kürten, der 1931 mit der Guillotine hingerichtet wurde, aß Wiener Schnitzel, Fritten und Rotwein. Offenbar schmeckte es, denn er bestellte – und erhielt – einen Nachschlag.

Für jeden Behinderten die richtige Speise

Sie lieben Erdbeeren? Wenn Sie nicht gerade mit einem Blindenführhund unterwegs sind und auch am 21.12.2012 noch mal so schön rausgeworfen werden wollen, gehen Sie zu Ihrem nächsten Supermarkt und wiederholen die Bestellung des Serienmörders John Wayne Gacy (33 Opfer). Er wünschte sich 1994 neben Shrimps, Huhn von Kentucky Fried Chicken und Pommes ein ganzes Pfund Erdbeeren.

Wer als Behinderter auch am 21.12.2012 nichts geschenkt haben will, folgt dem Beispiel von Desmond Keith Carter, der 2002 wegen des Mordes an seiner 71-jährigen Nachbarin in North Carolina die Giftspritze bekam. Er wies die Henkersmahlzeit zurück und bestellte sich stattdessen aus der Knastkantine zwei Cheeseburger, ein Steak und zwei Cokes. Dafür zahlte er 4,20 Dollar.

Sie können natürlich auch zu Maredo rollen und den Durchschnitts-Behindi mimen: Ted Bundy war einer der berüchtigsten Serienmörder der USA (ermordete mindestens 28 Frauen und Mädchen), gab sich am Ende jedoch spießig: Er aß 1989 in Florida zum Abschied das traditionell servierte Medium-Steak mit Eiern und Kaffee.

Nachteilsausgleich ist ein schwieriges Wort, das Nichtbehinderte kaum verstehen. Nennen wir das Kind also beim Namen: Behinderte haben viel zu viel Rechte (Behindertenparkplätze, Behindertentoiletten, Pflegegeld usw.). Zeigen Sie an Ihrem letzten Tag, dass Sie auch anders können und teilen Sie Ihre Henkersmahlzeit mit einem Freund/Bekannten/Feind Ihrer Wahl. So wie Joseph Mitchell Parsons , der von seiner Familienpackung Hubba Bubba seinem Bruder und einem Cousin etwas abgab, oder Gary Lee Davis (entführte gemeinsam mit seiner Frau die Nachbarin vor den Augen ihrer Kinder, vergewaltigte und erschoss sie mit 14 Schüssen), der vor der Hinrichtung einen Schoko-Vanille-Eisbecher bestellte, zu dem er den Gefängnisdirektor und einen weiteren Gefängnis-Angestellten einlud.

Verlangen Sie anständiges Essen, das ist Ihr Recht!

War laut ROLLINGPLANET-Einschätzung ein ziemlich finsterer Politiker und hat unter anderem Betty Lou auf dem Gewissen: George Walker Bush, US-Präsident 2001 bis 2009 (Foto: White House/Eric Draper).

Wenn Sie ein dicker Behinderter sind, empfehlen wir Ihnen, sich künftig gesünder zu ernähren. Fangen Sie gleich morgen damit an. Ähnlich wie Clarence Ray Allen, der 1974 nach einem eigentlich harmlosen Einbruch eine Mitwisserin töte. Seine Henkersmahlzeit: Walnusseis, zuckerfrei. Der Mann war einfach kalorienbewusst.

Möglicherweise gehören Sie aber zu den Behinderten, die schon immer renitent nach Menschenrechten brüllten? Dann nehmen Sie sich an Thomas J. Grasso (brachte zwei über 80-jährige Frauen um) ein Beispiel. Der Mann orderte vor seiner Hinrichtung 1995 in Oklahoma Essen für ein halbes Fußballteam, darunter Muscheln, Burger, Spare Ribs, Erdbeermilchshakes und Kürbiskuchen – und eine große Dose Spaghetti mit Fleischbällchen auf Zimmertemperatur. Obwohl ihm alles serviert wurde, reichte Grasso Beschwerde ein: Statt der ringförmigen Spaghetti von Campbells hatte er normale Spaghetti bekommen. Geholfen hat das Gejammere nicht, aber das kennen wir Behinderten ja.

Oder Sie machen es wie Oma Betty Lou. Die 62-Jährige, sechsfache Ur-Großmutter, starb 2000 im Staatsgefängnis von Huntsville (Texas) durch eine Giftspritze, nachdem sie vier Ehemänner um die Ecke gebracht hatte. „Eine problemlose Routine-Hinrichtung“, sagt die Gefängnisleitung. Betty Lou, so kritisierte amnesty international, war eine geistig behinderte Frau, die als Kind sexuell missbraucht wurde und einen Hirnschaden hatte. Gouverneur George W. Bush, der spätere US-Präsident, hatte eine Begnadigung abgelehnt. Es war die 121. Hinrichtung seit seinem Amtsantritt fünf Jahre zuvor. Betty Lou lehnte aus Protest eine Henkersmahlzeit ab.

Marvin Wilson, wir vergessen Dich nicht!

Und was hat Marvin Wilson, der in diesem Jahr in Texas hingerichtete geistig Behinderte, als letzten Gourmetwunsch geäußert? Gar nichts, denn er durfte nicht. Er musste das gleiche essen wie die anderen Gefängnisinsassen zu sich nehmen. Zu verdanken hat er das dem Mörder Lawrence Russel Brewer, der ein Jahr zuvor die Speisekarte rauf und runter guckte. Er ließ sich zwei Hühnersteaks, ein Riesen-Burger, ein Käse-Omelett, drei Fajitas, ein Pfund Barbecue-Fleisch und eine Riesenportion Eis in die Zelle bringen. Man habe das gewünschte Menü vor der Giftspritze zwar geliefert, teilten die Justizbehörden mit – die waren aber über die üppige Luxus-Bestellung so verärgert, dass sie die individuelle Henkersmahlzeit in Texas abschafften.

Irgendwie typisch: Lawrence Russel Brewer war ein Nichtbehinderter und Mitglied des rassistischen Ku-Klux-Klans. Die gönnen uns nicht einmal die letzte Henkersmahlzeit. Aber wir vergessen Marvin Wilson nicht. ROLLINGPLANET wünscht Ihnen guten Appetit – und vergessen Sie nicht, wenn Sie mit vollem Magen oben ankommen: Der Kampf geht weiter!


Unser letzter Tipp: Vierzig Henkersmahlzeiten zum Nachkochen: Dead Men Cooking


(Quelle für Henkersmahlzeiten: unter anderem news.de)

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