""

USA: 240 Millionen Dollar Entschädigung für ausgebeutete behinderte Arbeitnehmer

Jahrelang wurden Tausende Männer in einem Fleischbetrieb misshandelt und mit Hungerlöhnen abgespeist – 32 von ihnen erhalten nun eine Kompensation.

Firmenchef Kenneth Henry vor Gericht (Foto: Asam)

Firmenchef Kenneth Henry vor Gericht (Foto: Asam)

Sie waren die denkbar billigsten Arbeitskräfte, wehrten sich nicht und wurden intern nur „The Boys“ gerufen. Ein US-Geschworenengericht hat 32 sogenannten geistig behinderten Männern, die jahrzehntelang in dem Putenverarbeitungsbetrieb Henry’s Turkey Service mit Firmensitz Texas ausgebeutet worden sind, eine Entschädigung von insgesamt 240 Mio. Dollar (rund 182 Mio. Euro) zugesprochen.

Bei dem Prozess kamen wahre Horrorzustände zutage: Die Opfer mussten nicht nur verbale und körperliche Angriffe dulden, ihnen wurde sogar untersagt, während der Arbeitzeit eine Toilettenpause einzulegen. Auch durften sie keine Mobiltelefone haben, Einem Experten zufolge sind die Geschädigten regelrecht versklavt worden. Die Behinderten waren in einem 100 Jahre alten ehemaligen Schulgebäude in Iowa („Der Bunker“) untergebracht.

Der 72-jährige Firmenchef Kenneth Henry leugnete, von den Missständen gewusst zu haben, musste aber zugeben, dass Ende der 1980er Jahre einer der geistig behinderten Mitarbeiter erfroren war. Als vor Gericht bekannt wurde, dass die Angestellten auch nicht versichert waren, lamentierte Henry über seine eigenen Gesundheitsprobleme und fünf Herzattacken.

Verknechtet seit 1970

„In Deutschland würde es sich hierbei um einen massiven Verstoß gegen das Arbeitsrecht handeln. In jedem Fall kann ein Antrag auf Schmerzensgeld gestellt werden. Sind körperliche Schäden durch den Missbrauch entstanden, so besteht darüber hinaus ein Anspruch auf Schadensersatz“, erläutert Martin W. Huff, Rechtsanwalt und Geschäftsführer der Rechtsanwaltskammer Köln.

Vergangenen Mittwoch haben die Geschworenen entschieden, dass das liquidierte Unternehmen gegen den Americans with Disabilities Act verstoßen hat. Dem Urteil zufolge sind die körperlich beeinträchtigten Arbeiter einer feindlichen Umgebung und äußerst diskriminierenden Bedingungen ausgesetzt worden. „Dies ist nicht nur eine Verletzung der Fürsorgepflichten, sondern auch der Menschenrechte“, sagt Huff. Viele der Männer mit Lernschwierigkeiten arbeiten schon seit 1970 unter der Aufsicht des Betriebes für die West Liberty Plant.

65 Dollar Lohn im Monat

Die Klage gegen Henry’s Turkey Service ist bei der Equal Employment Opportunity Commission (EEOC) eingereicht worden. „Dieser Fall hat mich insbesondere deshalb so getroffen, weil es sich hierbei um die Ausbeutung einer der bedürftigsten Bevölkerungsgruppen handelt“, beschreibt EEOC-Anwalt Robert Canino. Auch Huff bestätigt, dass gerade bei körperlich behinderten Menschen besondere Sorgfaltspflichten bestehen sollten.

Der Missbrauch konnte nur mithilfe des Verwandten eines Betroffenen aufgedeckt werden. In den Angaben der zuständigen Beamten heißt es, das Gebäude sei in einem verheerenden Zustand, befallen von Nagetieren und voller Brandgefahren. Darüber hinaus sind die Arbeiter für ein Monatsgehalt von nur 65 Dollar (rund 50 Euro) geknechtet worden. „Wenn es sich um einen sittenwidrigen Lohn handelt, so besteht hierzulande ein Anspruch auf Nachzahlungen von mindestens zwei Jahren“, erklärt Huff.

Jedem der betroffenen Männer werden nun 7,5 Mio. Dollar (rund 5,7 Mio. Euro) Schadensersatz zugebilligt. Dabei handelt es sich nur um die Spitze des Eisbergs: Insgesamt waren im Laufe der Zeit bei der Fleischfabrik rund 1.500 behinderte Arbeitnehmer beschäftigt.

(RP/pte)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

KOMMENTAR SCHREIBEN