„Uwe“: Der Spion, der aus den Behinderteneinrichtungen kam

Super: Bei der CIA dürfen Schwerbehinderte zeigen, dass sie es drauf haben. Doof: Jetzt steht deshalb ein Ex-BND-Mitarbeiter vor Gericht. Von Christoph Trost

Logo des Bundesnachrichtendienstes (BND). Ein früherer Mitarbeiter muss sich wegen Landesverrats vor Gericht verantworten. (Foto: Soeren Stache/dpa)

Logo des Bundesnachrichtendienstes (BND). Ein früherer Mitarbeiter muss sich wegen Landesverrats vor Gericht verantworten. (Foto: Soeren Stache/dpa)

James Bond ist anders. Der junge Mann, der sich seit Montag wegen Landesverrats vor dem Oberlandesgericht München verantworten muss, hat so gar nichts gemein mit dem britischen Geheimagenten. Randlose Brille, blau-weißes Hemd, schüchterner Blick, nervös bis in die letzte Faser seines Körpers: So präsentiert sich der ehemalige Büro-Angestellte des Bundesnachrichtendienstes (BND), als er von Polizisten in den Saal geführt wird. Seine Hände faltet er vor sich auf dem Tisch zusammen. Nur ab und an, wenn ihn seine Anwälte oder nachher der Richter ansprechen, lächelt er kurz.

Doch so unscheinbar, nervös und schüchtern der 32-Jährige auch wirkt, die Anklage hat es in sich: Die Bundesanwaltschaft wirft ihm Spionage für den US-Geheimdienst CIA sowie für den russischen Geheimdienst vor, konkret: Landesverrat, die Verletzung von Dienstgeheimnissen und Bestechlichkeit. Auf Landesverrat steht eine Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr, in besonders schweren Fällen sogar lebenslang.

Wie in einem Spionage-Thriller

Die Anklageschrift liest sich tatsächlich wie das Drehbuch eines mittelprächtigen Spionage-Thrillers: Unter dem Decknamen „Uwe“ soll der Angeklagte seinem US-Verbindungsmann „Alex“ über Jahre hinweg geheime Dokumente und Informationen übermittelt haben, und zwar „auf verborgenen und verschlüsselten elektronischen Wegen“. Im Mai 2012 habe die CIA ihren Spitzel sogar mit einem Notebook ausgestattet, mit einem verschlüsselten Kommunikationsprogramm. Das machte die Sache noch einfacher. Am Ende versandte er geheime Dokumente nahezu im Wochenrhythmus. Darunter war offenbar auch eine streng geheime Liste mit Decknamen und echten Identitäten deutscher Agenten im Ausland.

Filmreif lief laut Anklage auch die Bezahlung: Mindestens 95.000 Euro soll der Angeklagte über die Jahre von der CIA bekommen haben, logischerweise stets in bar. Anfangs benutzte man dafür sogenannte „tote Briefkästen“, später gab es Treffen mit einem Verbindungsmann der CIA in Salzburg oder Innsbruck – der Angeklagte soll von US-Seite laut Medienberichten damals aus Österreich geführt worden sein.

Ein braver Einzelgänger

Aber warum lässt sich ein einfacher Büro-Mitarbeiter auf einen solchen Deal ein? Markus R. wächst in behüteten Verhältnissen in der ehemaligen DDR auf – als „Nesthäkchen“. Seine beiden Schwestern sind deutlich älter. „Waren Sie immer brav?“, fragt der Richter einmal. Prompte Antwort: „Ja.“ Seine Leistungen in der Schule sind meist mittelprächtig, der Junge interessiert sich aber für Technik und Computer. Ein typischer Einzelgänger sei er, das räumt er unumwunden ein. „Ich kann halt nicht so gut auf andere Leute zugehen.“

Hinzu kommt: Wegen eines Impfschadens besucht Markus R. einen Kindergarten, Schulen und Ausbildungsstätten für Körperbehinderte. Er leidet an Gleichgewichtsstörungen, feinmotorischen Störungen und vermindertem Sehvermögen, gilt als schwerbehindert.

Zum BND kommt er mehr oder weniger zufällig. Er schreibt viele Blind-Bewerbungen, dort wird er genommen. Zuerst arbeitet er in der Personalabteilung, dann wechselt er in die Abteilung „Einsatzgebiete Auslandsbeziehungen“, muss Post und Akten verwalten. Spaß machen ihm aber nur die technischen Fortbildungen, die er später machen darf. Oder ein Gastaufenthalt in einer BND-Vertretung in Portugal. Doch in den „technischen Bereich“ wechseln – sein Traum – darf er nicht. Er fühlt sich unterfordert, offenbar auch rein zeitlich gesehen: Über eine angebliche Aussage einer ehemaligen Kollegin, beim BND könne man das Arbeiten verlernen, sagt er schmunzelnd: „Ja, das stimmt.“

Doppelagent aus Frust?

So tief sitzt der Frust, dass er einen Brief an den BND-Präsidenten schreibt – ihn aber nie abschickt. Privat immerhin geht es vorwärts: Mit seiner Freundin, mit der er seit 2013 zusammen ist, will er eine Familie gründen. Die junge Frau besucht ihn regelmäßig in der U-Haft.

Am Mittwoch will der Angeklagte konkret zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen aussagen. Spannend wird sein, ab wann er Spitzel für die CIA gewesen sein will – die Anklage geht schon von Anfang 2008 aus. Und auch dem russischen Geheimdienst soll er sich angedient haben.

Grundsätzlich räumt der 32-Jährige die Taten schon am Montag ein. „Im BND hatte ich den Eindruck: Da hat man mir nichts zugetraut“, sagt er. „Bei der CIA war das halt anders. Da konnte man sich beweisen.“ Und dann, fast am Ende des ersten Tages, gibt er sogar zu: „Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass mir das nicht gefallen hätte.“

(RP/dpa)

So verläuft der Prozess
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