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Van de Velde erschuf es: Ein Altenheim als Touristenattraktion

Bewohner und Pfleger im polnischen Trzebiechow leben und arbeiten (fast) in einem Museum. Und die Alten sind begeistert. Von Steffi Prutean

Das heutige Seniorenheim in Trzebiechow/ Trebschen (Foto: Bernd Settnik/dpa)

Das heutige Seniorenheim in Trzebiechow/Trebschen (Foto: Bernd Settnik/dpa)

Der Speisesaal (Foto: Bernd Settnik/dpa)

Der Speisesaal (Foto: Bernd Settnik/dpa)

Der Enkel des letzten Chefarztes, Erwin Bockhorn-von der Bank, im Treppenhaus der Wohnung im Ärztehaus des heutigen Seniorenheims (Foto: Bernd Settnik/dpa)

Der Enkel des letzten Chefarztes, Erwin Bockhorn-von der Bank, im Treppenhaus der Wohnung im Ärztehaus des heutigen Seniorenheims (Foto: Bernd Settnik/dpa)

Pfleger führen ältere Menschen durch den Park oder schieben Rollstühle. Bei Sonnenschein sind alle Parkbänke besetzt. Dass die Senioren des Alten- und Pflegeheimes im polnischen Trebschen (Trzebiechow) in einem Bauwerk von europäischer Bedeutung wohnen, ist ihnen bewusst.

Stolz führen die betagten Herrschaften schon mal Besucher durch die einzigartige Anlage: Die Innenarchitektur der beiden Gebäude stammt von dem belgischen Maler und Architekten Henry van de Velde (1863-1957). In diesem Jahr jährt sich sein Geburtstag zum 150. Mal. Vom 5. bis 6. September findet in Trebschen eine internationale Konferenz statt, ist doch das Ensemble das einzige Werk des Künstlers in Polen.

Ein Pflegeheim als Denkmal

Dass der Ort mit rund 4000 Einwohnern, rund 85 Kilometer von der deutsch-polnischen Grenze entfernt, solch ein Kleinod besitzt, ist Erwin Bockhorn-von der Bank zu verdanken. Er entdeckte die Gebäude vor zehn Jahren und schaltete die Fachwelt ein.

Bis jetzt flossen rund 3,5 Millionen Zloty (knapp eine Million Euro) in die Sanierung des Pflegeheimes. „Das ist nicht viel Geld für ein solches Objekt“, sagt Barbara Bielinis-Kopic, Denkmalpflegerin des Kreises Grünberg (Zielona Gora).

„Die Instandhaltung vollzieht sich langsam“, sagt sie. Immerhin sei das Denkmal belebt. „Wir müssen auch dafür sorgen, dass die Menschen hier gut leben und arbeiten können.“ Die 105 Bewohner werden von 74 Mitarbeitern betreut. Landrat Ireneusz Plechan betont: „Das Haus ist kein Museum. Wir müssen den derzeitigen Zustand erhalten.“

Eine Augenweide für Jugendstil-Fans

Die restaurierten Innenräume (Foto: Bernd Settnik/dpa)

Die restaurierten Innenräume (Foto: Bernd Settnik/dpa)

Viel ist schon geschafft. Rote Dächer strahlen durch die hohen Bäume. In den Zimmern sind die alten Farben zurück – oft mutige Kombinationen wie Bordeaux mit Braun, Olivgrün mit Grau oder Hellblau mit Altrosa.

Entlang von Fluren, Wänden und Treppenhaus ziehen sich dünne Linien und Schablonenmalerei im Jugendstil. „Alles in den Originalfarben“, sagt Erwin Bockhorn-von der Bank. Wintergarten und Speisesaal sind für Jugendstil-Fans eine Augenweide.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ließ Prinzessin Reuss aus Weimar die Anlage nahe ihrer Sommerresidenz als Sanatorium bauen. Van de Velde erhielt den Auftrag für die Innenausstattung. Das Sanatorium bestand von 1905 bis 1907; der Großvater von Bockhorn-von der Bank war dort Chefarzt.

Viele Details im Originalzustand

Erinnerungen und alte Fotos führten den Enkel zu dem vergessenen Kunstwerk, dessen Innenleben die Zeiten ziemlich unbeschadet überstanden hatte. Deshalb seien heute so viele Details im Originalzustand vorhanden, erläutert die Denkmalpflegerin. Bis zu zwölf Farbschichten hätten die ursprüngliche Malerei bewahrt.

Erwin Bockhorn-von der Bank berichtet, wie bei der Sanierung die Tünche von der ölhaltigen Originalfarbe abfiel. „Da hatten wir die Frische der Farben von vor 100 Jahren plötzlich vor Augen.“ In einem der Flure weist er beim Rundgang auf eine Besonderheit hin: Van de Velde ließ dort einen von ihm entworfenen Sockelfries übermalen, in helleren Farben und anderem Muster.

Immer mehr Touristen entdecken das Altenheim

Die Türen im früheren Ärztehaus des Seniorenheims (Foto: Bernd Settnik/dpa)

Die Türen im früheren Ärztehaus des Seniorenheims (Foto: Bernd Settnik/dpa)

„Dazu haben wir auch Hinweise im Briefwechsel des Künstlers entdeckt, die dies belegen“, erläutert Bockhorn-von der Bank, der immer noch in Archiven nach Unterlagen stöbert. In Trebschen seien elf verschiedene Designs nachgewiesen. „Das gibt es in keinem anderen van de Velde-Objekt.“ Auch für Türen und Zargen entwarf der Künstler verschiedene Designs.

Immer mehr Touristen entdecken das Kleinod. „Am meisten kommen Deutsche, aber auch Polen und Briten. Wir sind das einzige Altenheim weit und breit, das für Touristen einen gewissen Wert hat“, freut sich Direktorin Agnieszka Szelag.

„Die Kunst ist in den beiden Gebäuden, Interessenten müssen also hereinkommen,“ sagt Szelag. Die Bewohner fühlten sich durch die neugierigen Gäste nicht gestört. „Im Gegenteil, es passiert etwas in ihrem Leben. Es bedeutet Abwechslung im Heimalltag.“

(dpa)

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