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Vata, Kapha, Pitta: Was ist Ayurveda wirklich?

Die indische „Lehre vom langen und gesunden Leben“ wird im Westen oft fälschlicherweise als Wellness- und Kosmetikbehandlung verkauft.

Dhanvantari, der als Begründer des Ayurvedas gilt, taucht aus dem Milchozean auf, den Krug mit dem Nektar des Lebens in der Hand.

Dhanvantari, der als Begründer des Ayurvedas gilt, taucht aus dem Milchozean auf, den Krug mit dem Nektar des Lebens in der Hand.

Bei Christian Schmid wurde 1996 Multiple Sklerose diagnostiziert. Nachdem er wie viele Betroffene Jahre lang auf der Suche nach seiner individuellen Behandlung war, ist er seit einiger Zeit überzeugt, „dass ich in der „ayurvedischen Therapie‘ den richtigen Weg für uns MS’ler gefunden habe.“

Dafür reiste er nach Indien und Sri Lanka und schwärmt nun von Kursen in letztgenanntem Land: „Dort gibt es sehr gute Ärzte, kompetente Therapeuten, individuell zusammengesetzten Öle und Medikamente und eine Umgebung, in der man sich wohlfühlt.“ Schmid versucht, sein Wissen bei der von ihm geleiteten Selbsthilfegruppe Abensberg (Bayern) weiterzugeben.

Der Ayurveda-Koch Nicky Sitaram Sabnis, der sich als „Der Hindu von der Fraueninsel“ bezeichnet, bietet im bayerischen Prien am Chiemsee auf Anfrage spezielle Kochkurse für Personen mit Behinderung an: „ Wer gesund werden und bleiben will, muss alle drei Ebenen – Körper, Geist und Seele – von Schadstoffen befreien“, erklärt er und verspricht: „In einem Vorgespräch werden die Inhalte und die Ziele definiert. Es wird dabei auf die individuellen Bedürfnisse und Situationen Rücksicht genommen“.

Das alles klingt interessant – doch was ist Ayurveda wirklich?

Welcher Typ bin ich?

Welcher Typ bin ich? Eher ein kreativer Vata-Mensch, ein ruhiger Kapha-Typ oder eine feurige Pitta-Persönlichkeit? Diese drei Richtungen (Doshas) prägen den Menschen nach Auffassung der Ayurveda-Medizin von Geburt an.

Wenn es gelingt, sie in harmonischer Balance zu halten, winkt ein langes und glückliches Leben. Ayurveda ist hierzulande aber eher als Wellness- und Kosmetikbehandlung mit exotischen Massagen und vegetarischer Ernährung bekannt.

Tatsächlich steckt hinter der indischen „Lehre vom langen und gesunden Leben“ jedoch eine anerkannte Naturheilkunde mit langer Tradition. In Asien wird diese Medizin in staatlichen Kliniken praktiziert und an den Universitäten gelehrt.

Eigenständiges wissenschaftliches Weltbild

Kopfmassage in Indien

Kopfmassage in Indien

„Ayurveda liegt ein eigenständiges und differenziertes wissenschaftliches Weltbild zugrunde“, erklärt Ananda Chopra, Mitglied in der Deutschen Ärztegesellschaft für Ayurvedamedizin und leitender Arzt der Ayurveda-Abteilung der Habichtswald-Klinik in Kassel. Der 47-Jährige hat ein konventionelles Medizinstudium in Deutschland und danach eine Ayurveda-Ausbildung in Indien absolviert.

Wer zu einer echten Ayurveda-Kur mit Ölmassagen, Kräuterbädern und bitterer Medizin bereit ist, wird zunächst ausführlich nach der individuellen Konstitution befragt.

Chopra untersucht Zunge, Augen, Haut und Puls und stellt viele Fragen zu Ernährung, Bewegung, Beruf, Schlaf und anderen Lebensgewohnheiten. Der Anlass für eine Ayurveda-Kur ist in vielen Fällen ähnlich: Stress, Übergewicht, Rückenprobleme, Bluthochdruck.

Angebot an Ayurveda-Kuren nimmt zu

Während westliche Mediziner Ayurveda als unwissenschaftlich kritisieren und fehlende Wirksamkeitsstudien bemängeln, hat die Habichtswald-Klinik gute Erfahrungen mit ayurvedischen Therapien gemacht. Vor allem bei der Prävention gilt Ayurveda als hilfreich, ebenso bei der Behandlung von chronischen Krankheiten und Störungen, die aus dem Lebensstil und den Ernährungsgewohnheiten resultieren.

„Das Interesse für die altindische Heilkunde und ihre ganzheitlichen Therapieformen ist in den letzten Jahren beständig gewachsen. Immer mehr Menschen in der westlichen Welt lernen Ayurveda kennen und schätzen“, sagt Mark Rosenberg, Vorsitzender des Berufsverbandes für Ayurveda-Mediziner und -Therapeuten (VEAT).

Neben Massagen, Kosmetikbehandlungen und Ernährungsempfehlungen nimmt auch das Angebot an kompletten Ayurveda-Kuren in spezialisierten Hotels und in medizinischen Einrichtungen stetig zu. Rosenberg selbst bietet regelmäßig Kuren zur Regeneration und medizinischen Behandlung im Ayurveda-Gesundheits- und Kurzentrum in Birstein (Hessen) an.

Abführmittel, Nasenspülungen, Schwitzbäder

Der VEAT-Verband unterscheidet zwischen reinen Wellnessangeboten, die angenehme Massagen und vegetarische Ernährung mit einem Erholungsprogramm verbinden, und den medizinisch orientierten Regenerations- und Panchakarma-Kuren. Die Intensivkuren dauern mindestens zwei bis drei Wochen und sind kein reines Zuckerschlecken.

Sie sollen helfen, die drei Doshas (Vata, Pitta und Kapha) wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Wörtlich übersetzt bedeutet Panchakarma „fünf reinigende Therapien“. Dazu gehören auch Abführmittel, Nasenspülungen, Schwitzbäder, strenge Diät und so manche bittere Kräutermedizin.

„Die Panchakarma-Kur bildet das Herz der ayurvedischen Medizin. Sie bewirkt eine tiefgreifende Reinigung auf körperlicher und geistiger Ebene“, erklärt der Heilpraktiker Norbert Fischer aus Stuttgart. Er hat Panchakarma-Kuren konzipiert, die auf den traditionellen asiatischen Behandlungsmethoden beruhen.

Kein Wellnessurlaub

Echte Panchakarma-Kuren haben wenig Ähnlichkeit mit einem Wellnessurlaub. In den ersten Tagen geht es um Reinigung und Loslösen von alten Gewohnheiten. Dabei helfen eine vegetarische Diät mit typgerechter Ernährung, Meditationsübungen und verschiedene Ölbehandlungen wie der entspannende Shirodhara-Stirnguss mit lauwarmem Kräuteröl.

Erst danach kommen tägliche Kopf-, Fuß- und Ganzkörpermassagen an die Reihe, denen tiefgreifende Wirkungen auf Körper, Geist und Seele zugeschrieben werden. Während der Kur sind Alkohol, Kaffee, Zigaretten und Fleisch tabu. Dafür stehen mehrere Liter heißes Wasser täglich auf dem Speiseplan.

„Bei den Kuren geht es um Erholung, Regeneration und Neubesinnung“, sagt die Ayurveda-Therapeutin Birgit Bonk, die eine Praxis in Heidelberg betreibt und auch Ayurveda-Kuren betreut.

Viele Kurgäste berichten nach ihrer Erfahrung von einer nachhaltigen Stärkung ihrer Gesundheit. Was oft in Erinnerung bleibt, sind die ausgesprochen angenehmen Seiten einer Ayurveda-Kur: mit feinem Öl vom Scheitel bis zur Sohle sanft massiert werden, von zwei oder vier Händen gleichzeitig. Yoga-Übungen, die den Geist zur Ruhe kommen lassen. Sanfte Gesichts- oder prickelnde Fußmassagen. Heiße Bäder mit Kräutern und tausend Blüten auf dem Wasser.

Das kostet bei uns Ayurveda

Die Preise können je nach Dauer bei etwa 2000 bis 3000 Euro liegen, in luxuriöser Umgebung auch entsprechend mehr.

Die Kosten müssen die Kurgäste in der Regel selbst bezahlen. Die meisten Krankenkassen sind zurückhaltend bei der Anerkennung von Ayurveda. Unter den gesetzlichen Kassen sind nur wenige bereit, medizinische Ayurveda-Behandlungen wenigstens dann zu übernehmen, wenn ein Arzt mit qualifizierter Zusatzausbildung sie verordnet.

Private Krankenversicherungen haben Naturheilkunde zum Teil in ihren Tarifen verankert und erstatten bei Ayurveda-Kuren zumindest die ärztlichen Leistungen.

(RP/Norbert Schnorbach, dpa)

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