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Verband verlangt mehr Schutz für Ärzte gegen pöbelnde Patienten

„Fast neun von zehn Hausärzten sind schon Opfer von aggressivem Verhalten ihrer Patienten geworden.“ Renitente Kranke auch in Kliniken.

Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery (Foto: dpa)

Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery (Foto: dpa)

Der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Frank Ulrich Montgomery, hat die Politik aufgefordert, Ärzte besser vor der zunehmenden Aggressivität von Patienten zu schützen. „Es ist das Mindeste, dass diejenigen, die sich tagtäglich für das Wohl ihrer Patienten einsetzen, nicht auch noch Aggressionen und Gewalt ausgesetzt sind. Eine fatale Fehlentwicklung. Hier brauchen wir einen gesellschaftlichen Konsens und politische Unterstützung“, sagte er heute der Deutschen Presse-Agentur.

Der Ärzte-Präsident beklagte:

„Fast neun von zehn Hausärzten sind schon Opfer von aggressivem Verhalten ihrer Patienten geworden. Das kann so nicht bleiben. Gewalt gegen Ärzte darf kein Dauerzustand werden. Wir brauchen endlich wirksamen Schutz für die Helfer.“

Er bezieht sich dabei auf eine bundesweite wissenschaftliche Studie, wonach 91 Prozent der Hausärzte bei der Arbeit schon einmal Opfer von aggressivem Verhalten ihrer Patienten gewesen seien.

Wartezeiten von sechs bis sieben Stunden

Eine Ursache für die zunehmende Zahl von Berichten der Kolleginnen und Kollegen über aggressives Verhalten von Patienten in Praxen, Kliniken und Notfallambulanzen „ist die absolute Arbeitsüberlastung, vor allem auch in den Notaufnahmen“, sagte Montgomery.

„Da kann es nicht darum gehen, wer als erstes behandelt werden will, sondern wer als erstes behandelt werden muss.“

In einigen Fällen könnte es schon mal zu Wartezeiten von sechs bis sieben Stunden kommen. Patienten würden dann möglicherweise ungeduldig.

Montgomery verlangte von Justizminister Heiko Maas (SPD), das Gesetz zum Schutz von Polizisten und Rettungssanitätern gegen Gewalt sollte auf Ärzte ausgeweitet werden. „Gewalt gegen Ärzte muss stärker bestraft werden als heute.“

Schwerwiegende Aggression beziehungsweise Gewalt haben nach der Ende 2013 bis Anfang 2015 erarbeiteten Studie 23 Prozent der Hausärzte in ihrer Laufbahn und 11 Prozent in den letzten 12 Monaten vor der Befragung erlebt. In ihren Praxisräumen fühle sich die überwiegende Mehrheit der Antwortenden sicher. Bei Hausbesuchen im Rahmen des Bereitschaftsdienstes sei dies jedoch bei 66 Prozent der Ärztinnen und 34 Prozent der Ärzte nicht der Fall. Daraus ergebe sich ein besonderer Handlungsbedarf bei Hausbesuchen während des Bereitschaftsdienstes.

(dpa)

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4 Kommentare

  • Verena Sophie

    Und wer schützt uns vor Ärzten, die das Recht auf Selbstbestimmung übergehen und Eltern behinderter Kinder gleich mitbehandeln wollen?

    3. Mai 2017 at 15:25
  • Jan Kajnath

    Symptombekämpfung statt die Ursachen anzugehen. Patienten die 6-7 Stunden auf eine Behandlung warten sind okay. Aber dafür Krankenhäuser schließen und Ärzte mehr arbeiten lassen um die Effizienz zu steigern! Das ist krank!

    4. Mai 2017 at 08:02
  • Gernot

    In dem Beitrag wird schon gesagt, woher die Probleme möglicherweise kommen: Arbeitsüberlastung auf Seiten der Ärzte, riesigen Anforderungen an die physische Belastbarkeit der (kranken!) Menschen: Warum setzt Herr Montgomery nicht dort an und fordert eine geringere Arbeitsbelastung für seine Kolleginnen und Kollegen?

    Dann wären Ärzte und Patienten vielleicht weniger gestresst und könnten entspannter kommunizieren und Ärzte würden vielleicht auch bessere Arbeit leisten können. Es gäbe weniger Missverständnisse und Fehler. Im übrigen fände ich es auch sehr hilfreich Ärzte systematisch zu transparenter, gewaltfreier Kommunikation auszubilden – das würde sicher auch zu einem friedlicheren Miteinander führen.

    Denn neben den katastrophalen Wartezeiten, die für manche Patienten schon physisch nicht aushaltbar sind, führt es ja auch dazu, dass notwendige Behandlungen ausbleiben: Neulich wurden wir von der Notaufnahme mit einer Platzwunde, die hätte genäht werden müssen, weggeschickt, weil wir trotz Platzwunde über 4 Stunden hätten warten müssen – dann lohnt sich nähen nämlich auch nicht mehr.

    4. Mai 2017 at 09:58
  • Ulrike

    Es ist wenig verwunderlich, wenn selbst die sanftesten Gemüter aus Verzweiflung extremes Verhalten an den Tag legen. Was notwendig ist, sind nicht Schutzmaßnahmen vor der Bevölkerung, sondern eine menschenwürdige Medizin für alle Menschen in unserem Land. Einige Punkte dazu:
    – Auch hier, im Gesundheitssystem, driftet die „Schere“ immer weiter auseinander und zwar in der Behandlung von Privat- und Kassenpatienten.
    Ein Beispiel aus der letzten Woche: Mir (als Kassenpatientin) wird von einem Hamburger Orthopäden empfohlen, doch zu Arzt XY zu gehen. Dort (Privatpraxis) nehme man sich Zeit und hätte Expertise, die vorliegenden chronischen Rückenbeschwerden eingehend zu diagnostizieren und nach knapp 20 Jahren vielleicht eine Möglichkeit einer adäquaten Therapie zu finden. Wie soll man sich das jedoch leisten können, wenn man aufgrund der Erkrankung/Arbeitsunfähigkeit mittlerweile auf Hartz4-Niveau lebt? Die Antwort: Das sollte es Ihnen doch schon wert sein, oder? 80 Euro oder so würde dort eine Behandlung kosten … // Zwei Wochen vorher wird mir in der Universitätsklinik Akupunktur und Osteopathie zur Schmerzbehandlung nahegelegt (müsste ich auch selbst zahlen). Wovon? // Die Untersuchung, die dort vorgenommen wurde, wurde mir fachärtzlich nahegelegt, um spätere, gravierende Folge von Medikamentenauswirkungen zu erkennen und ggf. gegenzuwirken. Bezahlen muss ich sie selbst, die Krankenkasse lehnt ab. Wieder 40 Euro weg vom knappen Geld …
    Gleichzeitig erlebe ich bei Freunden und Bekannten, die das Glück haben z.B. verbeamtet und damit privat krankenversichert zu sein, wie sie ohne Probleme, kurzfristige Termine (oder überhaupt einen Termin), anscheinend auch eher eine respektvolle, eingehende Behandlung und ganz andere therapeutischen Maßnahmen wahrnehmen können. Die verschiedenen Anreiz-/Bezahlsysteme im Gesundheitssystem gehören abgeschafft.
    – Meiner (leider eingehenden) Erfahrung nach, urteilen Mediziner gerne in Windeseile über Beschwerden und Patienten, ohne sich ein genaues Bild zu machen. Und ja, sie müssen das auch – das System zwingt sie mitunter dazu. Die Patienten, die teils Monate auf diesen einen Termin gewartet haben und viele Hoffnungen hineingesteckt haben, werden mitunter einfach abserviert (eine mögliche lange Leidensgeschichte und Zusammenhänge nicht berücksichtigt). Was fehlt (nicht bei allen Ärzten), sind einfühlsames Kommunikationsverhalten und Berücksichtigung der Tatsache, dass dort ein – mitunter schwer verzweifelter und Hilfe suchender – Mensch vor Ihnen sitzt.

    8. Mai 2017 at 15:06

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