Véronique Poulain: „Worte, die man mir nicht sagt“

Die Französin wirft in ihrem bezaubernden Buch einen humorvollen Blick auf ihre Kindheit mit gehörlosen Eltern. Von Annett Stein

Véronique Poulain (Foto: Ullstein)

Véronique Poulain (Foto: Ullstein)

„Hallo, Ihr Arschlöcher!“ konnte Véronique Poulain ihre Eltern begrüßen – und wurde liebevoll umarmt. Ihre Eltern sind gehörlos. In „Worte, die man mir nicht sagt“ beschreibt sie ihre Kindheit in Facetten, die man sich als Normalhörender kaum vorzustellen vermag. So humorvoll und versöhnlich ihre Beschreibungen sind, klingt doch immer wieder durch, mit welchen Kränkungen und Problemen ihre Kindheit belastet war.

Das Buch ist auch und vor allem ein Rückblick: Heute bei gehörlosen Eltern aufwachsende Kinder dürften in den meisten Fällen eine weit weniger diskriminierende und abwertende Reaktion ihrer Umwelt erleben.

Poulain beschreibt zunächst kurz, in welche Welt ihre gehörlosen Eltern hineingeboren wurden und entwirft dann in immer neuen Anekdoten ein Bild ihrer eigenen Kindheit. Ungewöhnlich sei die Ehe ihrer Eltern nicht gewesen: „Gehörlose heiraten untereinander. Auf die Weise geht man sicher, dass man sich auf derselben Kommunikations-, Verständnis- und Wissensebene bewegt. In derselben Welt lebt.“

Ausrufen zwecklos

Für sie habe das ein Leben in zwei Welten bedeutet: „Im dritten Stock, bei meinen Großeltern, höre und spreche ich. Viel. Und sehr gut. Im zweiten, bei meinen Eltern, bin ich taub. Verständige mich mit den Händen.“ Als Kind habe sie das nicht negativ bewertet. „Es sind die anderen, die meine Eltern ansehen, als wären sie debil. Es sind die anderen, die denken, es sei tragisch, gehörlose Eltern zu haben.“

Poulain erzählt von einem Tag am Strand, als der Bademeister dem kleinen, verloren gegangenen Mädchen helfen und seine Eltern ausrufen möchte – und zur Antwort erhält: „Nein danke. Sie sind taub. Ich warte hier.“ Nach zwei Stunden sei sie von Mutter und Vater schließlich gefunden worden. Ihr Cousin, ebenfalls ein Kind gehörloser Eltern, sei als Sechsjähriger aus einem nächtlichem Alptraum erwacht und brüllend auf den Balkon gerannt, schreibt Poulain. Die Feuerwehrleute hätten seine Eltern nach dem Aufbrechen der Wohnungstür friedlich im Adamskostüm in ihren Betten schnarchend vorgefunden.

Erkennungszeichen wie bei Indianern

Problematisch sei ein fehlender Hörsinn auch für die Kommunikation daheim: Um ihre Eltern auf sich aufmerksam zu machen, habe sie drei Optionen: warten, bis sie sich umdrehen und sie ansehen, aufstehen und auf die Schulter tippen, Licht an und aus schalten. „Oder ich werfe einen Gegenstand nach ihnen.“ Unmöglich sei es, sich eben mal nebenbei mit einem Gehörlosen zu unterhalten, während man in einer Schublade nach etwas suche oder sich schon mal die Schuhe zubinde: Man verpasse sofort Gesten und verstehe nichts mehr.

Es macht einen guten Teil des Charmes des wundervollen Büchleins aus, dass der Leser solche Eigenheiten erfährt. „Genau wie Indianer geben Gehörlose anderen Menschen einen Namen, ein Erkennungszeichen, das ihnen für den Rest des Lebens anhängt“, erklärt Poulain zum Beispiel. Ihr Cousin heiße „Ausreißer“, ihre Mutter „immer Lächelnde“ und der Vater „Hohlwange“. Sie selbst habe lange angenommen, ihr Zeichen sei das für „Träumerin“ – tatsächlich aber sei es „Schussel“.

Ein Leben mit Gehörlosen bedeute keinesfalls, von absoluter Stille umgeben zu sein, betont Poulain. Wo sich ein Hörender selbst kontrolliere, habe ein Gehörloser keinerlei Hemmungen – entsprechende Geräusche mache er beim Essen und Pupsen. Selbst die Gemütsbewegungen von Gehörlosen könne man hören, bei ihrer Tante zum Beispiel ein ticktack-Geräusch mit dem Gaumen bei Erregung. Ihr Onkel wiederum stöhne vor Zufriedenheit, wenn er auf der Straße ein hübsches Mädchen sehe.

„Heute bin ich stolz“

Bei allem Humor spart Poulain nicht an Kritik. Ihre Eltern seien hemmungslos begafft, verlacht und diskriminiert worden. 1977 aber habe sich der Verein für die Rechte von Gehörlosen gegründet, der unter anderem um die Anerkennung der Gebärdensprache zu kämpfen begann – nach dem Vorbild der USA, wo Gehörlose längst dieselben Möglichkeiten hatten wie andere Menschen. „Ich kann es kaum fassen. Die Gehörlosen erleben ihr Coming-out“, erinnert sich Poulain an ihre Gefühle damals. Bei den Fernsehnachrichten sei nun ein Gebärdensprachdolmetscher eingeblendet worden und Untertitel bei Filmen.

Worte die man mir nicht sagt

Verändert hätten sich auch die Blicke der Menschen – eine Revolution, der auch ihren eigenen arroganten, abwertenden Blick auf die Eltern habe schwinden lassen. Ihr Vater habe einmal gesagt, dass ihm ein gehörloses Kind lieber gewesen wäre. Sie stoße sich anders als viele Menschen nicht daran, weil sie es gut verstehen könne. Zeitweise habe sie sich für ihre Eltern geschämt, sie zurückgestoßen, gar gehasst. „Heute bin ich stolz. Ich bekenne mich zu ihnen. Vor allem aber liebe ich sie.“ Ihr ebenso lustiges wie tiefsinniges Buch ist ein wunderschöner Beweis dafür.

Véronique Poulain: Worte, die man mir nicht sagt. Mein Leben mit gehörlosen Eltern, Ullstein Buchverlage Berlin, 2015, 160 Seiten, 14,99 Euro, ISBN: 9-783-8649-3034-8

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