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Verschwinden wir bald alle im Labor Google X?

Der Internet-Gigant forscht an cooler Zukunftstechnik und will Weltverbesserer sein – aber kann man dem Nutzerdatenfresser trauen? Von Andrej Sokolow

Google forscht an cooler Zukunftstechnik - und verdient sein Geld nach wie vor mit Werbung in seiner Suchmaschine (Foto: Ole Spata/dpa)

Google forscht an cooler Zukunftstechnik – und verdient sein Geld nach wie vor mit Werbung in seiner Suchmaschine (Foto: Ole Spata/dpa)

Google will viel mehr als ein Internet-Konzern sein. Die Firma, die einst als Online-Suchmaschine begann, schickt sich an, das führende Technologie-Unternehmen der Welt zu werden. Selbstfahrende Autos, Internet-Anschlüsse für entlegene Gebiete, eine Datenbrille, ein Roboter-Projekt und jetzt auch vernetzte Kontaktlinsen für Diabetiker (ROLLINGPLANET berichtete) – bei Google arbeiten Hunderte Wissenschaftler daran, die Zukunft zu erfinden.

Und das geheime Forschungslabor Google X, aus dem der am Freitag vorgestellte Kontaktlinsen-Prototyp kommt, hat noch mehr zu bieten. In einem seltenen Einblick hinter die Kulissen der Forschungsfabrik erzählte Google-Managerin Regina Dugan im vergangenen Frühjahr von weiteren Innovationen wie einem digitalen Tattoo sowie einer elektronischen Pille für die Identifizierung zum Beispiel bei Zugangskontrollen.

Die Pille bezieht ihre Energie aus dem Magensaft und sendet ein Signal aus, das von einem Lesegerät ausgewertet werden kann. Dugan kam zu Google von der Forschungsagentur DARPA, die Technologie für das US-Verteidigungsministerium entwickelt.

Das plant Google X


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Das autonome Google-Auto (Foto: Googleblog)

SELBSTFAHRENDE AUTOS: Auch an eigenständig fahrenden Fahrzeugen tüftelt Google in seinem Forschungslabor seit längerem, den Anstoß gab der deutsche Wissenschaftler Sebastian Thrun. Tausende Meilen sind die Fahrzeuge bereits unfallfrei in entlegenen Gebieten in Kalifornien und Nevada sowie in Städten gefahren. Denkbar wären in Zukunft auch Taxis, die ohne Chauffeur die Menschen auch in Städten von A nach B transportieren.
GOOGLE GLASS: Googles Datenbrille wird in kleinen Stückzahlen von Testnutzern und Software-Entwicklern ausprobiert. Über ein in das Glas integriertes, virtuelles Display hat der Brillenträger ständigen Kontakt zum Internet. Er kann sich E-Mails ansehen oder vorlesen lassen, Fotos und kleine Videos von dem, was er gerade sieht aufnehmen, sich navigieren lassen oder über Spracheingabe bei Google suchen. Auch Nachrichtendienste sind geplant. In Kalifornien wird derzeit geklärt, ob solche Datenbrillen im Straßenverkehr zugelassen werden sollen.

PROJEKT LOON: Mit einem Netzwerk aus Ballons, die sich mehr als 30 Kilometer über der Erde in der Stratosphäre bewegen, will Google künftig in allen entlegenen Winkeln der Welt einen Internet-Zugang gewährleisten. Spezielle Antennen sollen dabei Kontakt zu einem der miteinander verbundenen Ballons aufnehmen und das Signal dann bis zur nächsten Basisstation weiterleiten.
INTELLIGENTE KONTAKTLINSE: Von der «smarten Kontaktlinse» hat Google einen ersten Prototypen fertiggestellt. Die Linse misst mit Hilfe von winzigen Sensoren und eines Chips die Blutzuckerwerte und schickt sie per Datenfunk an eine App im Smartphone. Die Forschung leitet Babak Parviz, der bereits an der Entwicklung von Google Glass beteiligt war.

Ein magischer Ort

Google X soll mutig in die Zukunft denken und auch vor ganz verrückt erscheinenden Ideen nicht halt machen, bis hin zu Weltraum-Fahrstühlen, lautet die Vorgabe des Google-Mitgründers Sergey Brin, der das Labor betreut. „Wir wollen ernsthaft die Welt zu einem besseren Ort machen“, verkündete Google-X-Chef Astro Teller in einem Interview des Magazins „Bloomberg Businessweek“.

Und verglich das Labor mit Willy Wonkas Schokoladenfabrik, einem magischen Ort, der vorerst von den Augen der Welt abgeschottet bleiben müsse. „Sergey ist Bruce Wayne und ich bin Lucius Fox“, erklärte er die Rollenverteilung in Anspielung auf die „Batman“-Welt. Dort ist Fox der Ingenieur, der dem Milliardär und heimlichen Batman Wayne die nötige Technik liefert.

Mehr denn je lebt Google von den Daten

Die Projekte von Google X gehen weit über die ursprünglich verkündete Google-Mission hinaus, „alle Informationen der Welt verfügbar zu machen“. Und bisher klafft eine Lücke zwischen Visionen und Realität: Die Zukunftsprojekte klingen cool, sind aber alle noch nicht auf dem Markt – und sein Geld verdient Google nach wie vor mit Werbung im Internet, vor allem mit Klicks auf Anzeigen neben Treffern in der Suchmaschine.

Der Brennstoff dafür sind die Daten der Internet-Nutzer. Der Trick ist, dem Nutzer für ihn gerade relevante Werbung einzublenden. Schon vor einigen Jahren erklärte der damalige Konzernchef und heutige Verwaltungsratsvorsitzende Eric Schmidt, Google wolle seinen Kunden stets die richtigen Informationen zur rechten Zeit auftischen – vielleicht sogar noch bevor sie überhaupt wissen, dass sie diese benötigen.

So kann der Dienst Google Now vor einer möglichen Verspätung warnen, weil er die Informationen über einen Termin aus dem Google-Kalender mit dem aktuellen Standort und der Verkehrslage kombiniert. Der Haken: Damit das funktioniert, muss Google so viel wie möglich über einen Nutzer wissen.

Warum kauft Google Rauchmelder-Firma?

Ein Rauchmelder der amerikanischen Firma Nest (Foto: Nest)

Ein Rauchmelder der amerikanischen Firma Nest (Foto: Nest)

Vielen ist nicht Wohl dabei, wie sich erst vor wenigen Tagen bei der Übernahme des Anbieters intelligenter Thermostate und Rauchmelder Nest zeigte. Die Geräte der Firma haben eine Vielzahl von Sensoren, die registrieren können, ob ihre Besitzer zu Hause sind und auch in welchen Zimmern sie sich gerade aufhalten.

Die Daten landen auf den Nest-Servern. Die Firma betonte zwar, dass die Informationen auch künftig nur für den eigenen Dienst verwendet würden. Doch die Sorge, Google könnte in Zukunft wissen, wann man sein Haus verlässt, schwingt in Kommentaren von Netz-Experten und einfachen Internet-Nutzern mit. Das gleiche gilt für den Gedanken, die Blutzucker-Werte von Google messen zu lassen. Zumal beim Konzern mit dem dominierenden Smartphone-System Android bereits viele Daten über Hunderte Millionen Nutzer landen.

Gute Idee – aber noch nicht marktreif

Im Fall der Kontaktlinse, die Diabetiker auf Schwankungen der Blutzucker-Werte hinweisen kann, muss Google zunächst auch noch die Fachwelt überzeugen. „Glukosebestimmung in der Tränenflüssigkeit ist seit Jahrzehnten schon ein Thema, da arbeiten viele Forschungsgruppen dran“, sagte etwa der Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), Erhard Siegel.

Ein Problem war bisher aber, dass das Verhältnis der Glukosewerte im Blut und in der Tränenflüssigkeit schwanke. „Außerdem ließen sich besonders niedrige Blutzuckerwerte nicht exakt erfassen – aber gerade die sind sehr wichtig.“ Auch wenn es ein „absoluter Prototyp“ zu sein scheine, sei die Idee aber vom Ansatz her gut, betonte Siegel zugleich.

Auch deutsche Forscher arbeiten an Mini-Sensor für Diabetiker


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Mit diesem Biosensor im Nanoformat können Diabetes-Patienten ihren Glukosespiegel in der Tränenflüssigkeit des Auges messen. (Foto: Fraunhofer IMS)

In Deutschland arbeiten Forscher an einem ähnlichen Projekt wie Googles Kontaktlinse für Diabetiker. Das Fraunhofer-Institut für Mikroelektronische Schaltungen und Systeme (IMS) in Duisburg hat zusammen mit einer niederländischen Firma einen winzigen Biosensor für Glukose entwickelt.

„Die Konzentration von Blutzucker ist in der Tränenflüssigkeit etwa 50-mal geringer als im Blut“, erläuterte IMS-Geschäftsfeldleiter Tom Zimmermann. Zudem träten Änderungen dort mit sieben Minuten Zeitverzögerung auf. Dennoch funktioniere der Biosensor. Der Patient könne sich ihn selbst ins Auge legen, wo er eine Woche in der Tränenflüssigkeit schwimmen könne.

Der Sensor sende Daten auf ein Gerät „so groß wie ein kleines Handy“, das zugleich drahtlos Energie für die Messung liefere, ergänzte Zimmermann. In dem Biosensor wandele ein Enzym den Zucker Glukose unter anderem in Wasserstoffperoxid um. Der Sensor könne dieses messen, und die Daten weiterleiten. Ein Chip von 0,7 mal 10 Millimeter Größe enthalte das gesamte Diagnosesystem. Es gebe jedoch Einschränkungen: Menschen mit sehr trockenen oder gerade tränenden Augen sollten nicht messen.

logo1-1Die Fraunhofer-Forscher arbeiten bei dem Projekt mit der niederländischen Firma Noviosense in Nijmegen zusammen. Das Gerät solle in zwei bis drei Jahren auf den Markt kommen, möglichst vor dem von Google, sagte Noviosense-Generaldirektor Christopher Wilson. Es gebe bereits erste kleine Versuche mit Menschen. „Wir sind froh über die Konkurrenz, denn dies zeigt, dass die Idee gut ist.“ Sie sei im Gemeinschaftsprojekt mit Fraunhofer-Institut entstanden.

(dpa)

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