""

Verwirrung um Bentele-Äußerung: Boykottiert Bundesregierung Paralympics?

Derweil laufen die Vorbereitungen für den morgigen Start auf Hochtouren.

Die deutsche Mannschaft für die Winter-Paralympics in Sotschi am Dienstag beim Abflug nach Sotschi am Frankfurter Flughafen. Der Deutsche Behindersportverband (DBS) schickt 13 Athleten zu den Spielen: Sieben Männer und sechs Frauen kämpfen im alpinen und nordischen Skisport sowie im Biathlon um Medaillen. Die Paralympischen Winterspiele finden vom 7. bis zum 16. März im russischen Sotschi statt. (Foto: Daniel Reinhardt/dpa)

Die deutsche Mannschaft für die Winter-Paralympics in Sotschi am Dienstag beim Abflug nach Sotschi am Frankfurter Flughafen. Der Deutsche Behindersportverband (DBS) schickt 13 Athleten zu den Spielen: Sieben Männer und sechs Frauen kämpfen im alpinen und nordischen Skisport sowie im Biathlon um Medaillen. Die Paralympischen Winterspiele finden vom 7. bis zum 16. März im russischen Sotschi statt. (Foto: Daniel Reinhardt/dpa)

Verena BenteleEin möglicher Paralympics-Boykott der deutschen Bundesregierung sorgt für Verwirrung. Nach Angaben der Behindertenbeauftragten Verena Bentele verzichtet die komplette politische Delegation aus Deutschland auf eine Reise nach Sotschi.

„Es ist ein ganz klar politisches Zeichen an Russland“, sagte Bentele am Donnerstag im „ZDF“-Morgenmagazin. „Es gab den Beschluss, dass kein deutsches Regierungsmitglied, kein deutscher Beamter, keine Beauftragte hinfliegt.“ Nach Angaben eines Sprechers des Bundesinnenministeriums vom Donnerstag plant Innen-Staatssekretär Ole Schröder allerdings weiterhin, nach Russland zu fahren.

„Das ist eine eindeutige Message an Russland“

Auch Verena Bentele sollte ursprünglich zusammen mit einem Staatssekretär aus dem für Sport zuständigen Bundesinnenministerium in Sotschi sein. Dort sollte die 32-Jährige am Samstag in die Paralympics-Ruhmeshalle aufgenommen werden.

„Es ist klar, dass das eine Enttäuschung für die Sportler ist, weil eine Unterstützung aus dem Lande schon für den Sportler wichtig ist“, betonte die zwölfmalige Paralympicssiegerin Bentele. Der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes äußerte Verständnis für die Entscheidung. „Das ist eine eindeutige Message an Russland“, sagte Friedhelm Julius Beucher. „Das war eine politische Entscheidung, die auch meine persönliche Zustimmung findet.“

Dagegen hat Sir Philip Craven, Chef des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), die Absage von Verena Bentele für die Paralympics in Sotschi bedauert und die Bundesregierung kritisiert. „Das ist sehr enttäuschend für mich. Die Regierung versucht, diese Spiele zu überschatten“, sagte der Brite am Donnerstag in einem Interview der Nachrichtenagentur dpa.

„Barrieren und Klischees beseitigen“

ROLLINGPLANET empfiehlt: Befolge in Sotschi nicht jedes Hinweisschild (Foto: blogsochi)

ROLLINGPLANET empfiehlt: Befolge in Sotschi nicht jedes Hinweisschild (Foto: blogsochi)

Russland werde sich auf höchstem Niveau präsentieren, verspricht derweil Regierungschef Dmitri Medwedew. Behinderte erhoffen sich von den Paralympics (7. bis 16. März) einen gewaltigen Schub ihrer Rechte im Riesenreich. Craven betont: „Die Paralympics können Barrieren und Klischees beseitigen wie kein anderes Event.“

Bisher führen Behinderte in Russland ein Schattendasein. Im früheren Sowjetimperium wurde lange Zeit behauptet, es gebe keine Behinderten. Noch heute verstecken Familien aus Scham ihre pflegebedürftigen Angehörigen oft in Heimen oder Wohnungen.

IPC-Chef Craven bei seiner Ankunft in Sotschi (Foto: blogsochi)

IPC-Chef Craven bei seiner Ankunft in Sotschi (Foto: blogsochi)

Human Rights Watch prangert Diskriminierung an

Menschen in Rollstühlen sind im Straßenbild kaum zu sehen. Vielerorts ist der Transport nicht auf Behinderte eingestellt. Aufzüge in Metrostationen sind rar, hohe Bürgersteige erschweren zudem das Fortkommen. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch kritisiert in einem Bericht eine „Diskriminierung“ von Millionen Menschen.

In Sotschi soll das nun anders werden. So behindertenfreundlich wie keine andere russische Stadt will sich der Paralympics-Gastgeber präsentieren. Mehr als 30 „sprechende Ampeln“ seien installiert, mehr als 1000 Orte barrierefrei erreichbar, betonen die Organisatoren. An einigen Treppen sollen Lifte die Beförderung vereinfachen – die allerdings mehrere Minuten benötigen, wie das Portal blogsochi.ru in einem Video zeigt. Eine gut gemeinte Lösung, die allerdings unfreiwillig komisch wirkt.

Immenser Aufwand und 8000 Freiwillige

Vor den wohl wärmsten Winterspielen in der Geschichte der Paralympics ist auch das Wetter ein zentrales Thema. Frühlingshafte Temperaturen werden kurz vor dem Eröffnungsfeuerwerk in Sotschi gemessen. Bereits bei den Olympischen Winterspielen im Februar hatten zahlreiche Sportler über matschige Loipen geklagt. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hatte die Strecken allerdings ausdrücklich gelobt.

Der Aufwand am Schwarzen Meer ist immens. Etwa 8000 Freiwillige sollen während der Paralympics Hilfe leisten, Hunderte Busse stehen für den Transport der Zuschauer bereit. Wie bei den Olympischen Spielen sind vermutlich erneut Zehntausende Sicherheitskräfte im Einsatz. Zahlen nennt die Führung in Moskau diesmal nicht.

Angeblich 500.000 Karten verkauft

Das von Kremlchef Wladimir Putin angeordnete Sicherheitskonzept mit weiträumigen Absperrungen sowie Einschränkungen für den Zivilverkehr ist nach wie vor in Kraft. Nur wenige Hundert Kilometer entfernt kämpfen radikale Islamisten im Konfliktgebiet Nordkaukasus für ein von Moskau unabhängiges „Emirat“. Sie haben mit Anschlägen während der paralympischen Wettbewerbe gedroht.

Trotz der Krim-Krise, trotz des gewaltigen Aufwandes auch mit nötigen Visa: Das Zuschauerinteresse sei groß, meint der zuständige Vizeregierungschef Dmitri Kosak. Etwa 500.000 Karten seien verkauft. „Nur ein technisches Kontingent ist noch übrig“, meint Kosak. Die Eintrittspreise sind deutlich niedriger als noch bei den Olympischen Winterspielen, Karten gibt es schon für rund acht Euro.

„Einem sehbehinderten Skifahrer zuzujubeln, der mit 100 Stundenkilometern den Berg herabrast, oder die explosive Energie des Sledge-Hockeys zu spüren – das sind einmalige Chancen“, wirbt IPC-Chef Craven um Fans.

(dpa)

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

1 Kommentar

  • Peter König

    es trifft doch nur die sportler- den rest juckt es doch nicht, schade für unsere leistungsträger !!

    6. März 2014 at 09:44

KOMMENTAR SCHREIBEN