Viel besser als You Tube: Nobelpreise gegen die Armut

Warum die Chinesin Youyou Tu fasziniert, und warum die Entdeckung der Malaria-Therapie „völlig ungewöhnlich“ ist, erklärt ein Nobeljuror im Interview.

Die chinesische Wissenschaftlerin Youyou Tu (84) erhält dieses Jahr den Nobelpreis für Medizin (Foto: Xinhua)

Die chinesische Wissenschaftlerin Youyou Tu (84) erhält dieses Jahr mit zwei anderen Kollegen den Nobelpreis für Medizin (Foto: Xinhua)

Für schlagkräftige neue Wirkstoffe gegen Parasiten-Krankheiten wie Malaria erhalten drei Forscher in diesem Jahr den Medizin-Nobelpreis. Eine Hälfte des mit umgerechnet 850.000 Euro (8 Millionen Schwedischen Kronen) dotierten Preises geht an die Chinesin Youyou Tu für die Entdeckung eines Wirkstoffes gegen Malaria.

Die zweite Hälfte der weltweit höchsten Auszeichnung für Mediziner teilen sich der gebürtige Ire William Campbell und der Japaner Satoshi Omura für die Entdeckung einer unter anderem gegen Würmer und Milben wirkenden Substanz. Das teilte das Karolinska-Institut am Montag in Stockholm mit. Die Wirkstoffe retten millionfach Leben – vor allem von Menschen in armen Ländern.

Im Interview erzählt Jury-Mitglied Thomas Perlmann, wieso die Entdeckung des Malaria-Mittels durch die Chinesin Youyou Tu nicht nur bahnbrechend, sondern auch extrem ungewöhnlich ist. Außerdem verrät der Medizin-Professor, was die verheerenden Wurm-Krankheiten, zu denen der gebürtige Ire William C. Campbell und der Japaner Satoshi Omura geforscht haben, mit unserem Körper machen. Die Fragen stellte Julia Wäschenbach.

Youyou Tu - Mit Heilpflanzen gegen Malaria
Die chinesische Wissenschaftlerin Youyou Tu (84) hat den größten Teil ihres Lebens der Malaria-Forschung gewidmet. 1969 wurde die damals 38-Jährige der Staatszeitung „China Daily“ zufolge Leiterin eines Regierungsprojektes, bei dem ein Mittel zur Behandlung der Tropenkrankheit entwickelt werden sollte.
Youyou Tu wählte einen besonderen Ansatz: Sie vereinte moderne Forschung und traditionelle chinesische Medizin. Verschiedene Heilpflanzen wurden auf ihre Wirksamkeit gegen Malaria untersucht. Der Durchbruch gelang 1971 – mit dem Artemisinin. Für die Entdeckung erhielt Youyou Tu bisher unter anderem den Lasker Award.

„Traditionelle chinesische Medizin“: Interview mit Nobelpreis-Juror Thomas Perlmann

Wieso sind die Entdeckungen der Nobelpreisträger so ungemein wichtig?

In diesem Jahr sind sie besonders bedeutend – wegen des Nutzens, den sie schon gebracht haben und in der Zukunft noch bringen werden – dahingehend, dass Menschen behandelt werden können, die unter sehr zerstörerischen und ernsthaften Krankheiten leiden.

Wie ist der Chinesin Youyou Tu der Durchbruch in ihrer Malaria-Forschung gelungen?

Youyou Tu hat sich für traditionelle chinesische Medizin interessiert und Schriftstücke gefunden, die mehrere tausend Jahre alt waren. Darin hat sie die Pflanze Artemisia annua entdeckt und dachte sich, dass diese vielleicht für die Malaria-Behandlung interessant sein könnte. (…) Daraufhin hat sie in anderen Schriftstücken traditioneller Medizin gestöbert und schließlich aktive Substanzen in dieser Pflanze gefunden. Sie konnte beweisen, dass diese Substanz enorm effektiv gegen Malaria ist. Das ist ziemlich großartig, dieser Entdeckungsprozess.

Wie oft kommt es vor, dass Entdeckungen auf diese Art gemacht werden?

Ich weiß nicht, ob es das jemals zuvor gegeben hat. Das ist ganz klar völlig ungewöhnlich.

Warum hat die Jury sich entschieden, den Nobelpreis in diesem Jahr in zwei Preise aufzuteilen?

Das machen wir manchmal, wenn wir sehen, dass die Kombination besonders attraktiv sein könnte. Beide Entdeckungen stehen für sich selbst, sind komplett unabhängig voneinander, aber sie sind beide sehr wichtig für die globale Gesundheit – dafür, die verletzlichsten Menschen auf der Welt zu behandeln, in den ärmsten Gegenden der Welt. Deshalb sind sie ein schönes Paar.

Nobelpreis mit politischer Bedeutung
Der Medizin-Nobelpreis für Therapieansätze gegen Parasiten-Krankheiten wie Malaria und Flussblindheit hat nach Einschätzung des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin auch eine politische Botschaft. „Beide Wirkstoffe sind aus biologischen Materialien gewonnen worden“, sagte der Parasitologe Egbert Tannich am Montag in Hamburg. „Darum ist es wichtig, die biologische Vielfalt zu erhalten, damit wir auch in Zukunft solche Wirkstoffe isolieren können. Außerdem geht es in beiden Fällen um Krankheiten, die besonders in armen Ländern viele Menschen betreffen.“

Das Malaria-Medikament wird schon seit Jahrzehnten eingesetzt. Was unterscheidet es von anderen Mitteln gegen Malaria?

Es gibt einige andere Therapien, die gab es auch schon vorher. Ein Problem ist, dass Resistenzen entwickelt wurden. Außerdem wird hier ein total neuer Mechanismus angewandt, der enorm effektiv ist. Heute gibt es Kombinationen von Medikamenten, die bei Menschen, die sich mit Malaria infiziert haben, angewendet werden. Und das macht es so viel effektiver. Auch gegen die Parasiten, die unter anderem zu Flussblindheit und Elephantiasis führen, gab es schon vorher Medikamente. Aber die haben zu sehr ernsthaften Nebenwirkungen geführt. Und sind bei weitem nicht so effektiv.

Was machen diese Parasiten mit unserem Körper?

Diese Würmer sind wirklich für ziemlich verheerende Krankheiten verantwortlich. Es gibt verschiedene Symptome. Sie verursachen sehr schweren Hautausschlag, Dermatitis und eine Depigmentierung der Haut. Wenn die Parasiten das Auge erreichen, dann wird der Betroffene blind – deshalb heißt eine Krankheit Flussblindheit. Solche Parasiten können sich aber auch in das Lymphsystem ausbreiten und Schwellungen in den Beinen verursachen – Elephantiasis. Das ist verheerend und auch stigmatisierend.

Kann es gelingen, die Wurmkrankheiten auf Dauer auszurotten?

Im Fall der Parasiten sind wir schon auf dem Weg dorthin – es könnte vielleicht 2030 soweit sein, das ist jedenfalls die Hoffnung. In bestimmten Gegenden und Ländern sind die Krankheiten schon ausgerottet.

Was ist mit Malaria?

Das ist eine härtere Nuss. Einer der Gründe dafür ist, dass die Krankheit zum Beispiel auch Affen befallen kann – und es ist natürlich schwer, wilde Tiere zu behandeln. Deshalb ist das nicht so einfach, aber auch hier gibt es Hoffnung. Nicht nur durch das Medikament selbst, sondern gemeinsam mit anderen Aktivitäten wie Moskito-Netzen.

Mit Youtou Tu ist erst die zwölfte Frau seit 1901 mit einem Nobelpreis ausgezeichnet worden. Wie kommt das?

Es sind insgesamt bislang sehr wenig Frauen ausgezeichnet worden. Aber letztes Jahr ging der Preis auch an eine Frau – May-Britt Moser. Ich denke, das ist ein Trend, der sich fortsetzen wird, und eine Folge dessen, dass mehr Frauen in der Forschung aktiv sind. Die Entdeckung, die wir heute ausgezeichnet haben, wurde natürlich schon in den 70er Jahren gemacht. Damals waren noch viel viel weniger Frauen aktiv als heute. Aber es gibt einen zunehmenden Trend und da sind wir hoffentlich auf dem richtigen Weg.

(dpa)

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