Viele Behörden verstehen Bahnhof, aber keine Gehörlosen

Öffentliche Verwaltungen sind nach Einschätzung der Landesarbeitsgemeinschaft der Gebärdensprachdolmetscher unzureichend auf die besonderen Bedürfnisse gehörloser Menschen eingestellt.

Gebärdensprachdolmetscher (Foto: dpa)

„Es ist noch nicht selbstverständlich, dass die Ämter bei Behördengängen von Gehörlosen von sich aus einen Gebärdensprachdolmetscher zur Verfügung stellen“, sagte Vorsitzende Jana Hayn in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Die Kommunikationsprobleme von Gehörlosen seien den Ämtern oftmals nicht bewusst In Thüringen leben nach Angaben des Sozialministeriums rund 1800 Gehörlose.

Hayn sieht in diesem Punkt auch bei Ärzten und Kliniken
Verbesserungsbedarf. Gehörlose haben einen Rechtsanspruch auf Gebärdensprachdolmetscher unter anderem bei Behördengängen, am Arbeitsplatz, bei Arztbesuchen und Klinikaufenthalten.

Viele Betroffene nutzen ihr Recht nicht

Die speziell ausgebildeten Dolmetscher übersetzen Gesprochenes für Gehörlose in Gesten. Allerdings nehme nicht jeder Betroffene diese Hilfe in Anspruch, sagte die Expertin. Teilweise sei auch das der Unkenntnis über ihre Rechte geschuldet. „Manche wissen nichts davon oder kennen
keinen Dolmetscher, manche möchten das auch nicht.“

Zudem beherrsche auch nicht jeder Hörgeschädigte die Gebärdensprache – vor allem dann, wenn die Sprache nicht bereits im Kindesalter erlernt wurde. In Thüringen gibt es Hayn zufolge derzeit zehn staatlich anerkannte Gebärdensprachdolmetscher, überwiegend im Raum Erfurt und in Ostthüringen. „Süd-, West- und Nordthüringen sind
ziemlich weiße Flecken.“ Teilweise würden dort auch Sprachmittler aus angrenzenden Bundesländern eingesetzt.

Kein Rechtsanspruch bei Banken etc.

Gefördert wird der Einsatz von Gebärdensprachdolmetschern vom Land Thüringen. Es stellt dem Landesverband der Gehörlosen laut Sozialministerium dafür in diesem Jahr 45.000 Euro zur Verfügung. Für 115 gehörlose Menschen werden außerdem Gebärdensprachdolmetscher am Arbeitsplatz finanziert. Das Geld dafür stammt aus der Ausgleichsabgabe, die Betriebe zahlen müssen, wenn sie ihrer gesetzlichen Pflicht zur Beschäftigung Schwerbehinderter nicht nachkommen.
Im privaten Lebensumfeld, etwa bei Gesprächen mit Banken oder Versicherungsvertretern, privaten Feiern oder Museumsbesuchen, haben Gehörlose Hayn zufolge keinen Rechtsanspruch auf Gebärdensprachdolmetscher.

Wie wird man Gebärdensprachdolmetscher?

Der Weg in den Beruf führt für die meister über ein Studium. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg wird das Fach eigenständig angeboten, aber auch als Schwerpunkt innerhalb der Rehabilitationswissenschaften oder der „Deaf Studies“, dem Studium der Sprache und Kultur der Gehörlosengemeinschaft. Wie die meisten anderen Fächer wurde das Gebärdensprachdolmetschen mittlerweile von Diplom auf Bachelor und Master umgestellt.

Bereits mit dem Bachelorabschluss ist ein Berufseinstieg möglich. Dabei müssen sich Gebärdensprachdolmetscher nach ihrem Studium meist entscheiden, welche Einsatzgebiete für sie infrage kommen. Wer Führungspositionen, spezielle Aufgabenbereiche oder einen Job in der Forschung anstrebt, muss an den Bachelor meist noch ein Masterstudium anhängen.

Über mangelnde Beschäftigung dürften sich wohl die wenigsten beschweren. „Insbesondere in Ballungsräumen wie Berlin ist eine sehr gute Auftragslage vorhanden“, erklärt Stefan Richter vom Bundesverband der Gebärdensprachdolmetscher Deutschlands (BGSD).

(dpa)

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