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Viele Menschen haben Diabetes, ohne es zu wissen

Die Zahl der Betroffenen steigt rapide. Neue Medikamente allein können das Problem nicht lösen. Von Simon Ribnitzky

Oliver Kahn, ehemaliger Fußball-Torhüter, gestern Abend in Berlin vor dem Brandenburger Tor, dass anlässlich des heutigen Weltdiabetestages illuminiert ist (Foto: Paul Zinken/dpa)

Oliver Kahn, ehemaliger Fußball-Torhüter, gestern Abend in Berlin vor dem Brandenburger Tor, dass anlässlich des heutigen Weltdiabetestages illuminiert ist (Foto: Paul Zinken/dpa)

Die Zahlen sind alarmierend: Rund sechs Millionen Menschen in Deutschland haben Diabetes, ein Drittel mehr als noch vor 15 Jahren. „Diabetes ist eine Volkskrankheit“, sagte Thomas Danne, Chefarzt am Kinder- und Jugendkrankenhaus auf der Bult in Hannover und Vorstandsvorsitzender der Deutschen Diabetes-Hilfe. Rund 750 Menschen erkranken jeden Tag neu an Diabetes, jede Stunde sterben drei Menschen an der Krankheit.

Etwa 95 Prozent der Betroffenen haben Diabetes Typ 2, früher Altersdiabetes genannt. Typ 1 ist deutlich seltener, allerdings steigen die Zahlen auch hier. Beim Welt-Diabetes-Tag am heutigen Freitag (14.11.) wollen Experten vor allem darüber aufklären, wie man gut mit der Krankheit leben kann.

Diabetes Typ 1 und Typ 2 – wo liegt der Unterschied?

Wer von Diabetes spricht, meint meist Diabetes Typ 2. Diese Form der Stoffwechselerkrankung wurde früher Altersdiabetes genannt, weil sie häufig erst bei älteren Menschen auftritt.

Die Bauchspeicheldrüse kann das Hormon Insulin zwar noch produzieren, es wirkt im Körper aber nicht richtig. Typ 2 ist mit 95 Prozent Anteil die mit Abstand am meisten verbreitete Diabetesart.

Bei Diabetes Typ 1 fehlt das Hormon Insulin komplett. Betroffene müssen sich daher mehrmals täglich Insulin spritzen. Diabetes Typ 1 tritt häufig bereits im Kindesalter auf, weshalb es früher auch Jugenddiabetes genannt wurde.

Fettleibigkeit ist eine Hauptursache

Die Ursache für den rapiden Anstieg von Typ 2 liegt für Matthias Tschöp, Diabetes-Forscher am Helmholtz Zentrum München, auf der Hand: die wachsende Zahl übergewichtiger Menschen. „Das Problem bekommen wir einfach nicht in den Griff“, sagt Tschöp. Fettleibigkeit gilt als eine der Hauptursachen für Diabetes Typ 2. „Wir haben bis heute keine Medikamente gegen Fettleibigkeit“, erklärt der Mediziner. Einzig chirurgische Eingriffe wie ein Magenbypass seien möglich.

Tschöp will deshalb Medikamente entwickeln, die Fettleibigkeit und Diabetes gleichzeitig bekämpfen. „Wir brauchen Medikamente, die viel wirksamer sind als heute.“ Helfen sollen dabei die verschiedenen Arten von Fettgewebe im Körper. „Es gibt Fettzellen, die Fett nicht speichern, sondern verbrennen“, erzählt Tschöp.

Der Mediziner und seine Kollegen vom Helmholtz Zentrum untersuchen seit einiger Zeit genauer, wie sich das „gute“ braune Fettgewebe vom „bösen“ weißen Gewebe unterscheiden lässt. „Wir müssen es schaffen, weiße in braune Fettzellen umzuwandeln – also Zellen, die Kalorien speichern umwandeln in Zellen, die Kalorien verbrennen.“ Wie das genau funktioniert, wissen die Wissenschaftler aber noch nicht.

Betroffene nicht stigmatisieren

Wichtig ist Tschöp, Diabetes-Patienten nicht abzustempeln nach dem Motto: „Der ist ja selber schuld.“ Und er betont: „Es gibt genetische Gründe für Fettleibigkeit, viele Betroffene haben mit Willem allein überhaupt keine Chance.“ Manch ein Übergewichtiger bekomme nie Diabetes, andere litten auch ohne zu viel Gewicht an der Krankheit. „Das Leben ist da nicht fair“, sagt Kinderarzt Danne. Viele Diabeteskranke trauten sich mit ihrer Krankheit aus Furcht vor Ausgrenzung nicht an die Öffentlichkeit.

Chefarzt Thomas Danne (l) mit Patientin Charlotte (Foto: Peter Steffen/dpa/lni)

Chefarzt Thomas Danne (l) mit Patientin Charlotte (Foto: Peter Steffen/dpa/lni)

Für Danne ist Diabetes deshalb auch ein gesellschaftliches Problem, das sich durch neue Medikamente und Therapien allein nicht in den Griff bekommen lässt. „Unsere Gesellschaft macht gesundes Leben nicht gerade leicht“, sagt Danne. Ändern soll das ein nationaler Diabetes-Aktionsplan. „18 EU-Staaten haben den bereits, Deutschland hinkt hinterher.“

20 Prozent ahnen nicht, dass sie Diabetes haben

Mit einem solchen Plan will Danne die Interessen der verschiedenen Lobbygruppen binden – ob Ärzte, Politik oder Nahrungsmittelindustrie. Auch die Früherkennung soll besser werden. Viele Menschen bemerken Diabetes erst, wenn sie bereits an Folgeerkrankungen leiden. „Hoher Zucker tut ja nicht weh“, erklärt Danne. Jeder fünfte wisse vermutlich gar nicht, dass er erkrankt ist, so eine Sprecherin der Techniker Krankenkasse.

Danne fordert zudem ein zentrales Diabetes-Register. „Wir wissen immer noch viel zu wenig darüber, wie die Leute behandelt werden.“ Der Bundesrat hat sich im Sommer für einen nationalen Diabetesplan ausgesprochen. Der Kinderarzt sieht jetzt die Bundesregierung am Zug.

(dpa)

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