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„Viele Menschen mit Behinderung sind über die mangelnde Funktion ihrer Hilfsmittel unzufrieden“

Interview mit dem „Cybathlon“-Erfinder über technologische Fortschritte bei Assistenzsystemen, Inklusion dank Technik, Exoskelette und Emotionen.

Im vergangenen Jahr gab es zum ersten Mal den „Cybathlon“. (Foto: ETH Zürich/Rehacare Düsseldorf)

Im vergangenen Jahr gab es zum ersten Mal den „Cybathlon“ (Foto: ETH Zürich/Rehacare Düsseldorf)

Heute startet die Rehacare 2017 in Düsseldorf. Rund 780 Aussteller aus fast 40 Nationen geben bis Samstag einen Überblick über neueste technische Entwicklungen, die den Alltag für junge und alte Menschen mit Behinderung erleichtern sollen (ROLLINGPLANET berichtete: Rehacare 2017 eröffnet – hier sind die ersten Highlights).

Eine besondere Attraktion bei der Pflegemesse ist die „Cybathlon Experience“, organisiert von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH Zürich) in der Halle 4. Dabei handelt es sich um Wettkämpfe, bei denen Menschen mit spezifischen Behinderungen mithilfe von neuesten Assistenzsystemen an den Alltag angelehnte Aufgaben bewältigen. Ausgetragen werden die Spiele in den Disziplinen „Parcours mit robotischen Exoskeletten“ und „Hindernisparcours mit motorisierter Rollstühlen“.

2016 feierte der „Cybathlon“ Weltpremiere in der mit 4.600 Zuschauern ausverkauften SWISS Arena Kloten (siehe Video am Ende dieses Beitrags). Erfinder und Initiator Professor Robert Riener von der ETH Zürich spricht im Interview über technologische Fortschritte bei Assistenzsystemen und die Emotionalität des Events.

„Balance zwischen Mensch und Technik“

Herr Professor Riener (Foto links: ETH Zürich), Sie sind der Initiator des Cybathlon. Welche Intention hatten Sie, als Sie diese Veranstaltung erdachten, und wie gestaltete sich dann die Umsetzung von der Idee zum Event?

Die Grundintention entstand durch die bestehende Unzufriedenheit vieler Menschen mit Behinderung über die mangelnde Funktion der verschiedenen Hilfsmittel, wie Armprothesen, Beinprothesen, Rollstühlen oder Exoskeletten. Viele der Geräte erfüllen nicht die Bedürfnisse der Menschen und werden deshalb nicht akzeptiert.

Mit dem Cybathlon haben wir eine Veranstaltung geschaffen, die die Entwicklung alltagsrelevanter Technologien fördert und die Entwickler näher mit den Nutzern zusammenbringt. Es ging aber auch um mehr: Wir wollten mit dem Cybathlon auch den kritischen Diskurs fördern und Diskussionen über die Inklusion von Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft, Barrierefreiheit und versicherungstechnische Probleme anregen. Auch das ist uns gelungen.

Sie nennen die Cybathlon-Teilnehmer Piloten. Warum diese Bezeichnung, die mehr nach dem Steuern einer Maschine als nach eigenständigem Laufen klingt?

Der Begriff „Pilot“ ist wohlüberlegt. Er soll die Balance zwischen Mensch und Technik ausdrücken. Wie beim Autorennen sollte der Mensch die Kontrolle über das Gerät haben und nicht vom Gerät beherrscht werden. Andererseits braucht der Mensch die Technologie für die Fortbewegung oder – beim Cybathlon – die Durchführung verschiedener Alltagsaufgaben. Andere Begriffe, wie Athlet, Wettkämpfer etc. werden in erster Linie mit Sport assoziiert und der Cybathlon hat einen stärkeren Bezug zu Alltagsaufgaben als zu einem sportlichen Wettkampf.

Der Hindernis-Parcours beim Cybathlon besteht aus alltäglichen Situationen, die für Menschen mit Behinderung im Alltag oft unüberwindbare Hürden darstellen. Wie emotional war dieses Erlebnis für die Piloten?

Die Reaktionen der Piloten waren überwältigend. Sie haben den Wettkampf sehr ernst genommen und sich intensiv vorbereitet. Viele Teams haben den Hindernis-Parcours exakt nachgebaut, sich beim Rennen extrem konzentriert und versucht, ihr Bestes zu geben. Es flossen Freudentränen, auch wenn es nicht für eine Medaille reichte. Beim Exoskelett- und Rollstuhlrennen gingen die Finalläufe extrem knapp aus. Das hat im Stadion eine Megastimmung erzeugt. Der Lärmpegel war immens.

„Die Entwicklung läuft eher in kleinen Schritten“

Erwarten Sie für die Neuauflage des Cybathlon 2020 bei diesen Systemen technische Quantensprünge oder verläuft die Entwicklung eher in kleinen Schritten?

Die Entwicklung läuft eher in kleinen Schritten, aber zwischen den beiden Veranstaltungen liegen vier Jahre. Das ist bei den immer kürzer werdenden Innovationszyklen eine sehr lange Zeit. Es gibt vielleicht auch noch die eine oder andere Firma oder Forschungsgruppe, die 2016 nicht zum Cybathlon kommen wollte oder konnte, uns aber dann 2020 mit neuen Technologien überraschen wird.

Bei der Rehacare organisiert die ETH Zürich für Messebesucher und Aussteller eine Cybathlon Experience. Was wird dort konkret passieren?

Im Rahmen der Cybathlon Experience bei der Rehacare werden Wettkämpfe in den ausgewählten Disziplinen „Parcours mit robotischen Exoskeletten“ und „Hindernisparcours mit motorisierter Rollstühlen“ durchgeführt. Konkret sind dies Wettkämpfe, bei denen Menschen mit spezifischen Behinderungen mithilfe von neuesten Assistenzsystemen an den Alltag angelehnte Aufgaben absolvieren wie beispielsweise Treppensteigen, sich auf ein Sofa setzen und wieder aufstehen respektive über unebenen Boden fahren oder eine Türe öffnen. Zu diesem Zweck werden in Messehalle 4 zwei verkürzte Wettkampf-Parcours aufgebaut, angelehnt an den Cybathlon 2016.

„Die neuen Technologien müssen noch besser werden“

Wer kann an der Cybathlon Experience teilnehmen?

Grundsätzlich nehmen Teams am Cybathlon teil und keine Einzelpersonen. Die Teams bestehen jeweils aus einem Entwickler oder Anbieter eines technischen Assistenzsystems sowie aus einem Menschen mit einer Behinderung. Der Entwickler oder Anbieter der Technologie kann dabei ein universitäres Forschungsteam oder auch ein Hersteller eines kommerziellen Produktes sein. Des Weiteren gibt es sowohl von medizinischer wie auch von technischer Seite Ein- oder Ausschlusskriterien. Dies einerseits, um die Sicherheit der Piloten und der Helfer sicherzustellen und andererseits, um die Vergleichbarkeit der Leistungen und damit die Fairness so gut wie möglich zu gewährleisten.

Exoskelette können wegweisend sein für Inklusion und die Teilhabe behinderter Menschen. Welche Hürden müssen dafür noch genommen werden?

Die neuen Technologien müssen funktionell noch besser werden und robust für eine breite Auswahl von Alltagsaktivitäten funktionieren. Aber vor allem müssen sie verfügbar und erschwinglich sein. Das ist bei Neuentwicklungen immer schwierig, weil sie zu Beginn immer teuer sind. Mit einer – auch durch den Cybathlon – verbesserten Akzeptanz und größeren Stückzahlen sinken die Produktionskosten und immer mehr Menschen können sich die Geräte leisten. Dennoch muss unsere Umgebung noch barrierefreier werden, etwa indem statt Treppen Rampen gebaut werden. Am allerwichtigsten ist es aber, dass die Barrieren in den Köpfen der Menschen verschwinden und nicht mehr zwischen Menschen mit und ohne Behinderung unterschieden wird.

Wird die Technik irgendwann in der Lage sein, dass – biblisch gesprochen – „Lahme wieder gehen“ können?

Ja, das funktioniert ja im Prinzip heute schon. Es gibt jedoch noch keine Technik, die dies für die gesamte Spanne aller Alltagsaktivitäten, wie Gehen, Laufen, Treppensteigen, Sitzen, Autofahren, Joggen, Arbeiten, Schlafen ermöglicht, da die Geräte noch zu klobig, schwer und unbequem sind und die Energieversorgung nur für wenige Stunden reicht.

Danke für das Interview.

(RP/PM)

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3 Kommentare

  • Maria Bleier

    Leider verweigern die KK Hilfsmittel die uns das Leben erleichtern würden, sie halten diese für ein Fun Produkt!

    4. Oktober 2017 at 17:22
  • Katharina Appler

    genau so is es… muss aktuell auch kämpfen für einen optimalen Rollstuhl.. aber immer nur das billigste wird bewilligt

    4. Oktober 2017 at 17:51
  • Torsten Petermann

    Ich bin nicht unzufrieden wegen der Funktionalität, sondern wegen der Wucherpreise die für die Hilfsmittel aufgerufen werden. Da wird mit dem Leid der Menschen ein riesen Geschäft gemacht

    5. Oktober 2017 at 00:15

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