""

Vielen Dank für nichts

Rollstuhlfahrer planen Tankstellenraub: Am 5. Juni rollt ein schräges Ziemlich-beste-Freunde-Trio in die Kinos.

Bastian Wurbs, Joel Basman und Nikki Rappl als ziemlich beste Freunde in „Vielen Dank für nichts“ (Foto: Camino)

Bastian Wurbs, Joel Basman und Nikki Rappl als ziemlich beste Freunde in „Vielen Dank für nichts“ (Foto: Camino)

Schlimmer konnte es kaum kommen für Valentin (gespielt von Joel Basman), den begeisterten Snowboarder. Nach einem Unfall auf der Piste sitzt der junge Schweizer im Rollstuhl. Als wäre das nicht genug, soll er nun auch noch auf Anraten seiner Mutter an einem experimentellen Theaterprojekt für Behinderte teilnehmen. Inmitten der Gruppe von Schwerstbehinderten fühlt sich Valentin zunächst völlig fehl am Platz – bis er langsam erkennt, dass es sich auch bei diesen um ganz normale Menschen handelt.

Valentin verliebt sich nicht nur in die Pflegerin Mira (Anna Unterberger), zusammen mit seinen zwei neuen Kumpels Lukas (Nikki Rappl) und Titus (Bastian Wurbs) plant er auch einen Tankstellen-Überfall…

Mit zwei Laien-Darstellern

Mit Nikki Rappl (Jahrgang 1981) und Bastian Wurbs (Jahrgang 1980) haben zwei behinderte Laien-Darsteller ihr Leinwand-Debut. Die beiden Singles kommen aus der Gegend von Mannheim. Dank seiner „abenteuer- und reiselustigen, mexikanischen Mutter sah Nikki Rappl schon in jungen Jahren viel von der Welt“, berichtet die Pressestelle des deutschen Filmverleihers Camino. Während Rappl bisher noch keine Schauspielerfahrung hatte, war der Viernhemer Wurbs, der sonst als Telefonist arbeit, bereits in zahlreichen, ambitionierten Amateurtheatergruppen aktiv.

Valentin (Joel Basman) würde gerne Mira (Anna Unterberger) ins Bett kriegen (Foto: Camino)

Valentin (Joel Basman) würde gerne Mira (Anna Unterberger) ins Bett kriegen (Foto: Camino)

Von den beiden Filmemachern Oliver Paulus und Stefan Hillebrand (studierte Erziehungswissenschaften, Kriminologie und Jugendpsychiatrie in Heidelberg) stammt auch die Komödie „Tandoori Love“ (2008). Über ihre neue Arbeit sagen sie: „Es war nicht unser Anliegen, einen ,Behinderten-Film‘ zu drehen. Die Entwicklung unserer Hauptfigur Valentin und der Umgang mit seinem einschneidenden, lebensverändernden Schicksalsschlag standen immer im Mittelpunkt unserer Arbeit. Und wie in fast allen unseren Filmen weist die Geschichte deutliche Züge eines klassischen Underdog-Plots auf. In diesem Kontext würden wir auch den stigmatisierenden Stempel ,Behinderten-Film‘ gelten lassen, aber nur in diesem Kontext!“

Raus aus der Opferrolle

Paulus und Hillebrand über ihre drei Hauptfiguren: „Unsere Underdogs sind in der Regel nicht bereit, die ihnen bewusst oder unbewusst auferlegten Grenzen unserer Gesellschaft zu akzeptieren. Im Falle von Valentin, Lukas und Titus, den Helden von ,Vielen Dank für nichts‘, bedeutet dies, die gesellschaftliche Einordnung ,Opfer‘ nicht gelten zu lassen – und in der logischen Konsequenz selbst zum Täter zu werden.

Um unsere Zuschauer mit auf diese Reise zu nehmen, haben wir immer wieder versucht ,menschliche Zwischenräume‘ in unserem Film zu kreieren, um Brücken zu bauen und eine Identifikation mit unseren behinderten Helden zu schaffen – Helden, die zum Teil nur mit Sprachcomputern und einer individuellen Lautsprache kommunizieren können und deren Spastik sie einfach „,anders‘ aussehen lässt.“

Zwischen Humor und emotionalem Loch

Die Filmkritiker sind sich über „Vielen Dank für nichts“ nicht einig.

Art-tv jubelt: „…der Film ist grandios: lustig, zärtlich und mit Drive.“ Auch „Kino“ lobt: „,Vielen Dank für nichts‘ ist vom typischen Betroffenheitskino meilenweit entfernt. Im Gegenteil, der Film führt unsere verkrampften Verhaltensweisen gegenüber Behinderten regelrecht ad absurdum, wenn etwa die Rolli-Gang durch die Meraner Altstadt rast und ganz bewusst Passanten anfährt, die dann nicht etwa empört reagieren, sondern sich vielmehr entschuldigen. Für was, fragt man sich. Weil auch das gesamte Darsteller-Ensemble, ob Laie oder Profi, schlichtweg großartig agiert, der ,Missbrauch‘ technischer Gadgets wie Sprachcomputer oder High-Tech-Rollstühle für viele Lacher sorgen und der gute Soundtrack mit starken deutschen Texten die Ereignisse hervorragend untermalt, ist der Gute-Laune-Film, dem positive Mundpropaganda sicher sein wird, perfekt.“

„Filmstarts“ hingegen urteilt: „Im Bemühen, schwere Behinderungen schonungslos darzustellen, im berechtigten Anliegen, die Behinderten nicht als Gutmenschen zu stilisieren und mit dem ehrenvollen Ansinnen, ihre Handikaps nicht auszubeuten, graben die Filmemacher für Valentin das emotionale Loch, in dem er steckt, sehr tief. Zu tief, als dass sie ihm da überzeugend wieder heraushelfen könnten. Die Sentimentalität der Love-Story verfängt kaum. Es wird nicht ersichtlich, was der doch ein ganzes Stück jüngere, bengelhafte Valentin der reiferen Mira bieten könnte. Die Paar-Konstellation bleibt abstrakt.“

„Vielen Dank für nichts“, Schweiz/Deutschland 2013, 95 Min., FSK ab 6, von Oliver Paulus und Stefan Hillebrand, mit Joel Basman, Bastian Wurbs, Nikki Rappl

Diesen Artikel teilen:
ROLLINGPLANET

ROLLINGPLANET

Wir sind geil aufs Leben, seriös, oft fröhlich und ironisch, manchmal schräg, hin und wieder ungerecht, aber in den seltensten Fällen ideologisch: ROLLINGPLANET, Deutschlands führendes Online-Magazin für Behinderte, Senioren und Freunde. ROLLINGPLANET ist ein ehrenamtlich realisiertes Non-Profit-Projekt. Wir freuen uns, wenn Sie via Facebook, Twitter oder per Mail ROLLINGPLANET empfehlen. Mehr Infos: Über uns

3 Kommentare

  • Peter Schiller

    Wir sind dabei… ab ins Kino!

    30. Mai 2014 at 15:52
  • georg merklein

    yeah, endlich kommt mal schwung in die bude…

    31. Mai 2014 at 00:09
  • Joe Winter

    Hasta la vista, war auch ein geiler Film

    31. Mai 2014 at 21:35

KOMMENTAR SCHREIBEN