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Viermal NOlympia

Münchens Olympia-Projekt ist geplatzt – für die Behindertensportszene ist das eine Enttäuschung.

"NOLYMPIA"-Plakat der Gegner

„NOLYMPIA“-Plakat der Gegner

Für die Münchner ROLLINGPLANET-Redakteure wäre es eine praktische Sache gewesen, die olympischen und paralympischen Winterspiele 2022 direkt vor der Haustür zu erleben – falls wir da noch leben sollten und die bayerische Landeshauptstadt sich gemeinsam mit Garmisch-Partenkirchen, Ruhpolding und Berchtesgaden bei der IOC-Wahl überhaupt durchgesetzt hätte. Aber damit wird nun nichts.

Das Münchner Olympia-Projekt ist bei den Bürgern krachend durchgefallen – Deutschland wird 2022 keine Winterspiele in den bayerischen Alpen erleben. Die Gegner konnten bei den vier Bürgerentscheiden in der bayerischen Landeshauptstadt, Garmisch-Partenkirchen sowie den Landkreisen Traunstein und Berchtesgaden einen überraschenden 4:0-Sieg bejubeln. Schon ein einziges erfolgreiches Votum hätte ihnen zum Erfolg gereicht.

Keine Paralympischen Spiele in Deutschland

In der Behindertensportszene hatte es vorab ein klares Votum zugunsten der Bewerbung gegeben. Der Deutsche Behindertensportverband (DBS) hatte ebenso wie der Bayerische Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband Bayern e.V. zuvor für das Großereignis geworben.

DBS-Präsident Julius Beucher, der auch Vorsitzender des Nationalen Paralympischen Komitees (NPC) ist, hatte gehofft: „Paralympische Spiele in Deutschland wären ein markantes Ereignis, bei dem wir den Behindertensport in seiner ganzen Breite präsentieren können. Gleichzeitig sehen wir die einmalige Chance, vor aller Welt unsere Leistungsfähigkeit darzustellen und dem Behindertensport erneut Achtung und Auftrieb zu verschaffen.“

Kein Wunder, dass auch der Deutsche Rekordmeister im Rollstuhlbasketball, der USC München, seinen Mitgliedern noch am Freitag per E-Mail empfahl: „Wenn Ihr Euren Hauptwohnsitz in einem der vier geplanten Austragungsorte habt und dort eine Wahlbenachrichtigung erhalten habt: Geht wählen und entscheidet mit über die Olympia-Bewerbung für die Winterspiele 2022!“ Die damit verbundene Hoffnung: Mehr und bessere barrierefreie Trainingsmöglichkeiten und Spielstätten für Menschen mit Behinderung in München.

Befürworter sind geschockt

Vergebens. Die Befürworter reagierten am Sonntagabend nach den Volksentscheiden geschockt. „Ich bin der Ansicht, dass es nicht am Konzept gelegen hat. Es ist eher eine zunehmend kritische Einstellung von Bevölkerungsteilen gegen Sportgroßereignisse“, sagte Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) nach dem K.o.

Maria Höfl-Riesch, Olympiasiegerin 2010 in Vancouver im Slalom und in der Super-Kombination, sagte "Ja" zu München 2022

Maria Höfl-Riesch, Olympiasiegerin 2010 in Vancouver im Slalom und in der Super-Kombination, sagte „Ja“ zu München 2022

„Jetzt heißt es, in der Niederlage Größe zu beweisen. Der eine oder andere wird das Ergebnis später vielleicht noch bereuen“, kommentierte Ski-Olympiasiegerin Maria Höfl-Riesch, die kräftig für die Winter- und Paralympischen Spiele in ihrer Heimat getrommelt hatte.

„Es ist traurig, aber wahr“, sagte sie spürbar niedergeschlagen. Sie hatte am Wahltag sogar ihre Fingernägel in den Olympia-Farben lackiert. Sie war neben der blinden Paralympics-Ikone Verene Bentele als eine der wichtigsten Botschafterinnen in Udes Konzept vorgesehen gewesen.

Verena Bentele engagierte sich bereits für Münchens erste fehlgeschlagene Bewerbung – hier bei ihrer Rede am 6. Juli 2011 in Durban bei der Präsentation Münchens während der 123. IOC-Session. Das Internationale Olympische Komitee entschied sich trotz Benteles starken Auftritts anschließend für das südkoreanische Pyeongchang als Austragungsort der Winterspiele 2018 (Foto: Stephan Jansen/dpa)

Verena Bentele engagierte sich bereits für Münchens erste fehlgeschlagene Bewerbung – hier bei ihrer Rede am 6. Juli 2011 in Durban bei der Präsentation Münchens während der 123. IOC-Session. Das Internationale Olympische Komitee entschied sich trotz Benteles starken Auftritts anschließend für das südkoreanische Pyeongchang als Austragungsort der Winterspiele 2018 (Foto: Stephan Jansen/dpa)

Ablehnung in allen vier Orten

In München, wo fast 1,1 Millionen der insgesamt 1,3 Bürger zur Wahl aufgerufen waren, votierten nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis 52,1 Prozent mit Nein. Die höchste Abfuhr kassierten die Befürworter ausgerechnet rund um den extra neu hinzugezogenen Wettkampfort Ruhpolding im Landkreis Traunstein mit 59,67 Prozent. Im Berchtesgadener Land betrug die Ablehnung 54,02 Prozent, in Garmisch-Partenkirchen 51,56 Prozent.

Trotz materieller und personeller Unterlegenheit im Wahlkampf erreichten die Olympia-Gegner ihr Ziel. „Das Votum ist kein Zeichen gegen den Sport, aber gegen die Profitgier des IOC. Ich glaube, in ganz Deutschland sind Olympia-Bewerbungen mit dem heutigen Tag vom Tisch. Zuerst muss sich das IOC ändern. Nicht die Städte müssen sich dem IOC anpassen, sondern umgekehrt“, sagte Ludwig Hartmann, der Fraktionsvorsitzende der Grünen im bayerischen Landtag und einer der Wortführer des Bündnisses „NOlympia“.

Deutschland ist für längere Zeit draußen

Politik und Sport hatten sich verpflichtet, das Votum der Bürger als bindend für eine Bewerbung beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) zu bewerten. „Wir haben ein ganz anderes Ergebnis erwartet. Ich persönlich glaube, dass es unsere letzte Chance war, Winterspiele zu bekommen“, kommentierte Garmischs Bürgermeister Thomas Schmid.

Ganz so unerwartet kam das Resultat der Befragung allerdings nicht – die Münchner „Abendzeitung“ beispielsweise veröffentlichte am Samstag Umfrageergebnisse, denen zufolge ihre Leser klar gegen Olympia stimmten.

Womöglich werden nach der Erholung der deutschen Sportfunktionäre von der Pleite Stimmen für eine Sommerspiel-Bewerbung im kommenden Jahrzehnt laut werden. „Ich sehe Winterspiele in absehbarer Zukunft in Deutschland nicht – übrigens auch Sommerspiele nicht“, meinte Ude zu solchen Gedankenspielen.

Bereits die zweite Niederlage

Der 66-Jährige hatte immer wieder die seiner Meinung nach einzigartige Chance beschworen, dass München als erste Stadt überhaupt ein halbes Jahrhundert nach den Sommerspielen 1972 auch Gastgeber von Winter-Olympia werden könnte. Jetzt musste er mit seinen Mitstreitern die zweite Niederlage nach der gescheiterten 2018-Kandidatur gegen das südkoreanische Pyeongchang verkraften.

„Es ist sehr bitter für den deutschen Sport, dass wir nicht die Chance haben, der Welt zu zeigen, wie man heutzutage nachhaltige Olympische Winterspiele veranstalten kann“, sagte Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB).

Das sportliche Konzept war extra modifiziert worden. Der Neubau von Wettkampfstätten wäre durch vier Wettkampforte verringert worden. Die Kosten der Spiele wurden mit 3,3 Milliarden Euro veranschlagt, die Bewerbungskampagne sollte 29 Millionen Euro betragen.

Kritik: Der IOC ist ein Vielfraß

Die Gegner führten als ihre Hauptargumente gegen Olympia die Eingriffe in die sensible Natur der Alpenregion, „Knebelverträge“ mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) und eine von ihnen befürchtete Kostenexplosion an. Diese Argumente zogen bei den Bürgern anscheinend mehr als die Aussicht auf ein bayerisches Wintermärchen analog zum Sommermärchen bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland.

„Ökologisches Bewusstsein und Heimatliebe der Bürger haben über Kommerz und Gigantismus gesiegt“, sagte Hubert Weiger, Vorsitzender des Bundes Naturschutz in Bayern. Der Deutsche Alpenverein (DAV) hatte sich erst am Samstag mit großer Mehrheit gegen Winterspiele 2022 ausgesprochen.

Auch künftig in der ZHS

Die Bewerbungsfrist für die Winterspiele 2022 beim IOC läuft am Donnerstag ab. Nach Münchens K.o. gehen nun wohl neben dem klaren Favoriten Oslo noch Peking, Krakau, Almaty in Kasachstan und das ukrainische Lwiw ins Rennen. Das IOC entscheidet über den Ausrichter der Winterspiele 2022 Ende Juli 2015 in Kuala Lumpur.

Was das für die Münchner Rollstuhlbasketballer bedeutet? Dass es vermutlich auch in zehn Jahren noch immer dienstags und freitags zum Training in die Sporthalle des angestaubten ZHS-Geländes (Zentraler Hochschulsport München) in der Connollystraße geht.

(RP/dpa/Klaus Bergmann, Paul Winterer)

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2 Kommentare

  • Meikel

    Es ist nicht weiter erstaunlich, dass das IOC mit autoritären Regimen und Newscommern wie Südkorea Vorlieb nehmen muss. Mal eben drei Milliarden für so eine lächerliche Show auszugeben ist wirklich famos. Die Knebelverträge des IOC und die manelnde Transparenz sind legendär, von dem her ist es gut, dass diese Bewerbung gescheitert ist. Es bleibt zu hoffen, dass das IOC und ähnliche Gruppen wie die FIFA auf lange Sicht keinen Fuß mehr in Demokratien auf den Boden bekommt, bis es sich den neuen Zeiten angepasst hat.

    11. November 2013 at 08:42
  • Petter Bernd

    Hallo Redaktion

    Die Olympia-Ablehnung ist für mich völlig in Ordnung! Was hat dieser Gigantismus noch mit Sport zu tun? Die meisten „Sportler“ die da antreten gehen schlicht ihrem Beruf nach. Sportler aus ärmeren Länder haben eh keine Chance weil sie sich den High-tech Zirkus gar nicht leisten könne. Das IOC füllt sich die Taschen, die Steuerzahler der Gemeinden sitzen auf den Kosten. Zum Glück leben wir nicht in Rußland wo man für Olympia die Menschen einfach aus ihren Häusern schmeißt und diese plattmacht.

    Ich hätte mir gewüscht dass der Verfasser nicht nur durch seine Sport-Brille schaut!

    mit freundlichen Grüßen
    Bernd Petter

    11. November 2013 at 10:23

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